Themen – Sozialpolitik – Berufliche Vorsorge

Sozialpartnerkompromiss, Überbrückungsrente, AHV 21 – die Alterssicherung bewegt sich doch!

Seit Mitte Mai 2019 hat sich bei der Alterssicherung einiges bewegt: der Bundesrat schlägt eine Überbrückungsrente für ältere Ausgesteuerte vor, die Stimmbevölkerung hat einer AHV-Zusatzfinanzierung zugestimmt, die Sozialpartner präsentierten einen Reform-Vorschlag für die zweite Säule und die Eckpunkte der AHV-Reform 21 liegen auf dem Tisch. Es ist Zeit für eine Übersicht und Einordnung. mehr

Die Alterssicherungssysteme sind schwer reformierbar. Nach der Ablehnung der AHV-Reform 2020 im September 2017 hat sich das erneut auch für die Schweiz bestätigt. Nun liegen neue Vorschläge auf dem Tisch, die eine Anpassung der Alterssicherung an aktuelle Entwicklungen ermöglichen. Dabei sollen die erste und die zweite Säule der Altersvorsorge getrennt reformiert werden.

Sozialpartnerkompromiss sichert das Rentenniveau in der 2. Säule

Die längere Lebenszeit und tiefe Langfristzinsen führen dazu, dass der Mindestumwandlungssatz mit 6.8% zu hoch ist. Eine Senkung des Mindestumwandlungssatzes führt aber dazu, dass die Renten im BVG-Obligatorium sinken. Der Bundesrat hat die Sozialpartner deshalb beauftragt, eine Reform der 2. Säule zu erarbeiten, die einen tieferen Umwandlungssatz ermöglicht, ohne das Rentenniveau zu senken. Der Auftrag wurde über vier Elemente erfüllt:

1. Der Mindestumwandlungssatz wird auf einmal auf 6% gesenkt.

2. Die Altersgutschriften werden für Personen zwischen 25 bis 34 Jahren von 7 auf 9% erhöht und für ältere Arbeitnehmende von 18% auf 14% gesenkt. Es werden nur noch zwei Sätze angewendet (9% für 25-44jährige, 14% für 45jährige bis zum Referenzalter). Diese Massnahme führt zu stärkeren Sparanstrengungen bei jüngeren und einer Entlastung bei älteren Erwerbstätigen.

3. Der Koordinationsabzug wird halbiert auf 12‘443 CHF. Damit kann auf einem grösseren Teil des Einkommens gespart werden. Insbesondere ältere Arbeitnehmende haben aber nicht mehr ausreichend Zeit, um genug Altersguthaben anzusparen. Sie können ihr vorgesehenes Rentenniveau nicht sichern. Deshalb braucht es hier ein weiteres Element in der Reform.

4. Der Rentenzuschlag garantiert den ersten 15 Jahrgängen ab Einführung der Reform einen Zuschlag. So kann auch für die Jahrgänge, die nicht mehr genügend Zeit haben, um das Rentenniveau zu sichern, das heutige Leistungsniveau gesichert werden. Der Zuschlag wird über eine Abgabe auf dem AHV-pflichtigen Lohn von 0.5% finanzier und zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmenden bezahlt. Beiträge leisten ausschliesslich Personen, die in der 2. Säule versichert sind. Die Höhe dieses Rentenzuschlags wird ab der 16. Generation von Rentenbezügern durch den Bundesrat neu festgelegt.

Mit diesem Reformvorschlag haben die Sozialpartner einen wohl austarierten und schlanken Kompromiss vorgelegt: Die Arbeitnehmerseite willigt einer stufenlosen Senkung des Mindestumwandlungssatzes ein und verzichtet auf weitere Forderungen, wie beispielsweise auf eine komplette Abschaffung des Koordinationsabzugs. Die Arbeitgeberseite hat im Gegenzug den Rentenzuschlag akzeptiert, der eine umverteilende Wirkung von reicheren zu ärmeren Versicherten ermöglicht. Der BVG-Sozialpartnerkompromiss ist ein erster entscheidender Baustein zur Reform der Alterssicherung. Travail.Suisse ist optimistisch, dass Bundesrat und Parlament den Vorschlag in seiner heutigen Form unterstützen. Travail.Suisse erwartet die Vernehmlassung Ende 2019.

AHV 21 – neuer Anlauf mit abgespeckter Vorlage

Der Bundesrat hat im Juli 2019 seinen Vorschlag für die AHV-Reform vorgelegt. Bis Ende August 2019 wird das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) dem Parlament Botschaft und Gesetzesentwurf vorlegen. Der Vorschlag des Bundesrates sieht eine Rentenaltererhöhung bei den Frauen auf 65 vor. Frauen aus den Übergangsgenerationen würden dafür einen Ausgleich im Umfang von 700 Millionen Franken erhalten. Damit bewegt sich der Bundesrat am oberen Rand der in der Vernehmlassung vorgeschlagenen Kompensationsbeiträge von 400 beziehungsweise 800 Millionen CHF. Neu soll ausserdem ein flexibler Rentenbezug zwischen 62 und 70 Jahren möglich sein. Mit einer Mehrwertsteuererhöhung um 0.7 Prozentpunkte und der durch die AHV-Steuerreform (STAF) generierten 2.1 Milliarden CHF würde die Finanzierung der AHV bis zum Jahr 2030 gesichert. Doch der Bundesrat bleibt mit der neuen Reform sehr zögerlich: Die tiefen beziehungsweise negativen Renditen auf Schweizer Staatsanleihen führen bei den Vorsorgeeinrichtungen zwar zu tieferen Erträgen auf dem Alterskapital. Gleichzeitig sparen Bund und Kantone dadurch enorme Beiträge ein. Die öffentlichen Schulden konnten auch durch die in den vergangenen Jahren negativen Langfristzinsen deutlich gesenkt werden. Der Renteneintritt der Generation der Baby-Boomer erfordert unbestrittenermassen eine finanzielle Kraftübung. Die finanziellen Möglichkeiten dafür sind aber vorhanden – auch dank den tiefen Zinsen. Der Bundesrat aber bürdet den Frauen mit dem vorliegenden Reformvorschlag einen grossen Teil der finanziellen Sanierung auf, obwohl er bei den Massnahmen zur Lohngleichheit jegliche Schlagkraft vermissen liess und offensichtlich ist, dass den Finanzierungslücken durch Rentenaltererhöhungen nicht beizukommen ist. Das Parlament ist deshalb gefordert, bei der AHV 21 Nachbesserungen zu vollziehen.

Überbrückungsleistungen – eine Forderung von Travail.Suisse wird erfüllt

Zur Verbesserung der Situation älterer Arbeitnehmender schlägt der Bundesrat vor, eine Überbrückungsrente einzuführen. Sie soll Arbeitnehmenden zustehen, die nach dem 60. Altersjahr ausgesteuert werden. Diese Massnahme ist wichtig, auch weil sie anspruchsberechtigten Personen den Gang auf den Sozialdienst erspart und damit zu einer weniger mit Scham behafteten Existenzsicherung führt. Während sozialhilfebeziehende Personen ihre AHV-Rente vorbeziehen müssen – mit entsprechenden Rentenkürzungen – wäre dies bei Personen mit einer Überbrückungsleistung nicht mehr der Fall. Zwar verzichten Sozialdienste in der Regel darauf, von der Sozialhilfe abhängige Personen zu einem vorzeitigen Aufbrauchen ihres Alterskapitals zu zwingen. Ab dem frühzeitigen Bezug der AHV muss allerdings auch das Alterskapital aus der zweiten Säule aufgebraucht werden. Des Weiteren gibt es in der Sozialhilfe keinen Anspruch auf Wohneigentum. Die tiefen Sätze der Sozialhilfe, der Verlust des Alterskapitals verbunden mit der Gefahr, das eigene Haus verkaufen zu müssen, können zu einem starken sozialen Abstieg, gesellschaftlicher Entwurzelung und zu Altersarmut führen.

Die Situation der älteren Arbeitnehmenden muss aus Sicht von Travail.Suisse allerdings weiterhin beobachtet werden. Das Ziel ist klar: Auch ältere Personen sollen ihre Arbeitsmarktfähigkeit erhalten und ihre materielle Existenz selbständig sichern können. Eine Zunahme der Frühverrentung und eine Abnahme der Hemmungen von Arbeitgebern, ältere Erwerbstätige zu entlassen muss in jedem Fall verhindert werden. Travail.Suisse wird im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens entsprechende Vorschläge ausarbeiten.

Es kommt Bewegung in die Reform der Alterssicherung. Insbesondere der Sozialpartnerkompromiss und die Überbrückungsleistungen geben Grund zur Hoffnung. Nun gilt es diese Bausteine zu verankern und zu festigen. Denn alle Reformvorhaben sind erst gestartet. Bis zur Ziellinie ist es noch ein weiter und steiniger Weg. Travail,Suisse wird sich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass die Reformen nicht auf dem Buckel der Arbeitnehmenden durchgeführt werden.

20. August 2019, Thomas Bauer, Leiter Sozialpolitik

Reform BVG – Ergebnis der Sozialpartnerverhandlungen

Sozialpartnerkompromiss in der beruflichen Vorsorge bringt Modernisierung und gewährleistet Leistungsniveau

Die drei nationalen Dachorganisationen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber unterbreiten Bundesrat Berset heute ihren Vorschlag zur Modernisierung der beruflichen Vorsorge (BVG). Trotz Senkung des Mindestumwandlungssatzes wird das heutige Leistungsniveau insgesamt gehalten. Dank beitragsund leistungsseitiger Massnahmen erhalten Versicherte mit tieferen Löhnen und Teilzeitbeschäftigte – insbesondere Frauen – künftig sogar mehr Rente. Möglich macht dies ein Mix aus nur noch zwei Altersgutschriften, einem tieferen Koordinationsabzug und einem solidarisch finanzierten Rentenzuschlag, der zugleich auch das bisherige Leistungsniveau der Übergangsgeneration gewährleistet. Vor über einem Jahr erteilte der damalige Bundespräsident Alain Berset den nationalen Dachverbänden der Sozialpartner den Auftrag, eine Lösung für die drängendsten Probleme der zweiten Säule zu erarbeiten. Nach intensiven Verhandlungen unterbreiten der Schweizerische Arbeitgeberverband, Travail.Suisse und der Schweizerische Gewerkschaftsbund Bundesrat Berset heute ihren Vorschlag zur Reform der beruflichen Vorsorge (BVG).

Die Erklärung, die Medienmitteilung und die Redetexte finden sich im Anhang:

02. Juli 2019, Adrian Wüthrich, Präsident

BVG Mindestzins: Entscheid für Stabilität

Heute hat der Bundesrat beschlossen, den Mindestzins in der beruflichen Vorsorge im nächsten Jahr bei 1 Prozent zu belassen. Für Travail.Suisse, den unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, ist dieser Entscheid nachvollziehbar, obschon es auch gute Gründe für eine Erhöhung gegeben hätte. Es ist ein Entscheid für Stabilität. mehr

Der Mindestzinssatz ist für die Arbeitnehmenden eine sehr wichtige Grösse. Er gibt den Versicherten eine gewisse Sicherheit, dass neben Beiträgen der Arbeitnehmenden und Arbeitgebern auch der sogenannt dritte Beitragszahler einen Beitrag ans Alterssparen leistet. Gerade die gewinnorientierten Versicherungsgesellschaften schreiben ihren Versicherten strikt nur den vorgeschriebenen Mindestzinssatz gut. Andere Vorsorgeeinrichtungen beteiligen die Versicherten darüber hinaus, wenn es die Ergebnisse zulassen.

Grundsätzlich begrüsst Travail.Suisse die neue Formel als Indikator zur Herleitung des Mindestzinssatzes. Sie bildet das Anlageverhalten der Vorsorgeeinrichtungen etwas besser ab. Beim Entscheid sollen zudem auch die weiteren Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Diese sind momentan ermutigender als auch schon. So hat sich die finanzielle Lage der Vorsorgeeinrichtungen letztes Jahr dank guter Renditen weiter verbessert. Dies würde für eine Erhöhung des Mindestzinssatzes sprechen. Vor dem Hintergrund der bescheidenen Renditen im laufenden Jahr und den stärkeren Schwankungen ist der Entscheid des Bundesrates für Stabilität beim BVG-Mindestzinssatz aber nachvollziehbar.

Weitere Informationen
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik, 079 777 24 69
Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse und Nationalrat, 079 287 04 93

07. November 2018, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik

Lebensversicherer: Trotz Krisenrhetorik bleiben die Gewinne in der beruflichen Vorsorge hoch

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, hat auch dieses Jahr den Finma-Bericht zur Tätigkeit der Lebensversicherer in der 2. Säule analysiert. Fazit: Die Gewinne der Versicherungsindustrie gehen auf hohem Niveau trotz Krisenrhetorik nur leicht zurück. Die weiterhin hohen Gewinne stehen ausserdem im starken Kontrast zur Verzinsung, welche die Versicherten auf ihren Altersguthaben gutgeschrieben bekommen. Diese sind minimal und bewegen sich im Überobligatorium gegen Null. Es zeigt sich damit immer mehr: Das Vollversicherungsmodell hat für die Arbeitnehmenden ein überaus schlechtes Preis-Leistungsverhältnis. mehr

Wie jedes Jahr hat Travail.Suisse den Finma-Bericht zur Tätigkeit der Lebensversicherer in der beruflichen Vorsorge1 analysiert. Obwohl die Finma Krisenrhetorik benutzt, konnten die Lebensversicherer auch im vergangenen Jahr viel Geld mit der beruflichen Vorsorge verdienen. Klassischerweise bieten die Lebensversicherer das sogenannte Vollversicherungsmodell an: Es garantiert dem Arbeitgeber, dass er im Falle einer Unterdeckung keine Sanierungsbeiträge übernehmen muss. In der Schweiz waren 2017 rund 1.2 Millionen Arbeitnehmende bei einer Vollversicherung angeschlossen. Weitere 600‘000 Arbeitnehmede waren über Verträge mit Teildeckungen an die Lebensversicherer gebunden. Somit sind etwa 45 Prozent der in der 2. Säule versicherten Arbeitnehmenden direkt von den Versicherungslösungen der Lebensversicherer betroffen. Dazu bezieht fast jeder vierte Rentner eine Rente eines Lebensversicherers. Da es sich meist um Arbeitnehmende bzw. Rentner/-innen mit kleinen Einkommen handelt, machen deren angelegte Gelder aber nur etwa 20 Prozent des BVG-Gesamtkuchens aus.

Für die Arbeitnehmenden ist die profitorientierte Tätigkeit der Versicherungsindustrie in dreierlei Hinsicht problematisch:
1. Dank einer garantierten Umsatzbeteiligung können die Versicherer hohe Gewinne aus der obligatorischen beruflichen Vorsorge abziehen (Mindestquotenproblematik), also Gelder, die dann bei den Renten fehlen.
2. Die überhöhten Gewinne werden durch überrissene Risikoprämien (= Versicherung von Invaliditäts- und Todesfallrisiko) gespeist.
3. Die Altersguthaben der versicherten Arbeitnehmenden werden sehr schlecht verzinst, was zu sehr tiefen Renten führt.

Insgesamt bieten die Lösungen der Versicherer für die Arbeitnehmenden ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis.

553.7 Millionen Franken Gewinn im Jahr 2017

Das Umfeld der 2. Säule ist auf Grund der Tiefzinssituation zäh. Die Lohnersatzquoten sind in den letzten Jahren zurückgegangen. Man würde erwarten, dass auch die Lebensversicherer Federn lassen müssen. Dies ist jedoch nur sehr beschränkt der Fall. 2017 konnten sie 553.7 Mio. Franken aus der beruflichen Vorsorge abschöpfen. Das ist zwar etwas weniger als die üblichen 600 bis 700 Mio. Franken, aber – trotz der von der Finma angestimmten Krisenrhetorik – immer noch sehr viel. Möglich ist dies, weil die Lebensversicherer dank der sogenannten Mindestquote (Legal Quote) 10 Prozent der Erträge für sich einbehalten können. Ursprünglich wollte das Parlament diese Abflüsse auf 10 Prozent der gesamten Gewinne (Ertrag minus Aufwand) beschränken. Die grossen Player Axa und Swiss Life können so jährlich 150 bis 200 Mio. Franken an der 2. Säule verdienen. Seit der Einführung der Mindestquote 2005 haben die Lebensversicherer so fast 6.8 Mrd. Franken an der beruflichen Vorsorge der Abeitnehmenden verdient.


Quelle: Finma

Lebensversicherer verdienen viel Geld mit überrissenen Risikoprämien

Besonders stossend ist, dass die Lebensversicherer ohne eine besondere Leistung zu erbringen und ohne grosses unternehmerisches Risiko viel Geld mit überhöhten Prämien verdienen können. Für die Versicherung einer möglichen Invalidität und von Todesfällen werden die sogenannten Risikoprämien einkassiert. Trotz Schwankungen sollten diese über lange Frist in etwa den ausbezahlten Invaliditäts- und Todesfallleistungen entsprechen. Das ist bei weitem nicht der Fall: Seit 2005 kassierten die Versicherer fast doppelt so viele Risikoprämien ein wie sie für Risikoleistungen benötigten. Die Differenz zwischen Prämien und Leistungen liegt bei 16 Mrd. Franken. In dieser Zeit ging beispielsweise die Anzahl neuer IV-Rentner/-innen drastisch zurück auf Grund von verschiedenen IV-Revisionen. Die einkassierten Prämien hingegen nahmen niemals im selben Ausmass ab. Eine Goldgrube für die Versicherer.


Quelle: Finma

Unterirdische Verzinsung der Altersguthaben

Das System der beruflichen Vorsorge lebt vom „dritten Beitragszahler“, also den mit Anlagen erwirtschafteten und den Versicherten in Form von Zinsen gutgeschriebenen Erträgen. Der BVG-Mindestzins legt diesbezüglich ein Minimum für das Obligatorium fest. Je mehr Zins die Lebensversicherer ihren Versicherten gutschreiben müssen, desto weniger bleibt für die Gewinne. Kein Wunder möchten die Lebensversicherer den Mindestzins am liebsten abschaffen und drängen jeweils auf einen möglichst tiefen Mindestzins.2 2017 war ein sehr gutes Anlagejahr. Deshalb gewährten viele Pensionskassen ihren Versicherten eine höhere Verzinsung als das vorgeschriebene 1 Prozent. Nicht so jedoch die Versicherer. Sie gewähren nur das absolute Minimum. Im Überobligatorium, wo die Versicherer in der Zinsfestlegung frei sind, zeigt sich ein noch drastischeres Bild: Die volumengewichtete Verzinsung betrug gerade mal 0.22 Prozent! Hier kann nicht mehr von einem dritten Beitragszahler gesprochen werden. Zum einen ist dies dem Gewinnstreben der Versicherer geschuldet. Zum anderen werden die Renditeaussichten bei den Vollversicherern aufgrund ihrer obligationenlastigen Anlagestruktur in den nächsten Jahren deutlich schlechter eingeschätzt als diejenigen von anderen Pensionskassen. Das lässt darauf schliessen, dass das System der Vollversicherung zu wenig leistungsfähig ist, um für die Arbeitnehmenden eine anständige Verzinsung zu gewährleisten.

Insgesamt muss deutsch und deutlich konstatiert werden: Die Vollversicherung ist ein Modell mit einem schlechten Preis-Leistungs-Verhältnis für die Arbeitnehmenden.

Umbruch im System

Die Branche ist im Umbruch. Dieses Jahr hat die Axa angekündigt, aus der Vollversicherung auszusteigen. Sie will künftig nur noch ein teilautonomes Modell anbieten und verspricht den Versicherten bessere Leistungen. Andere könnten folgen. Dies bestätigt die Kritik am Vollversicherungsmodel und eröffnet Chancen. Wenn immer mehr Versicherer in direkte Konkurrenz zu nicht gewinnorientierten autonomen Sammelstiftungen treten, müssen aber auch verstärkt Vorkehrungen für einen fairen Wettbewerb getroffen werden. Stichworte dazu sind marktkonforme Verträge zwischen den in die Teilautonomie entlassenen Sammelstiftungen und den Versicherungsgesellschaften, ein Verbot von Brokerentschädigungen und Massnahmen gegen die Risikoselektion. Gleichzeitig verbleibt mit Swiss Life ein grosser Anbieter im Vollversicherungsgeschäft. Dieser hat nun eine quasi-Monopolstellung. Es braucht deshalb zum Schutz der Versicherten auch unter den neuen Voraussetzungen bessere Gewinn- und Prämienbeschränkungen bei den Versicherern. Es führt kein Weg daran vorbei, dass mehr Geld bei den Versicherten und weniger bei der Versicherungsindustrie bleibt. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um die Glaubwürdigkeit des Systems berufliche Vorsorge.


1 https://www.finma.ch/de/news/2018/09/20180907-aktuell-transparenzbericht/
2 2017 und 2018 lag/liegt der Mindestzinssatz bei 1 Prozent.

05. November 2018, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik

BVG-Kommission gefährdet mit Mindestzins-Senkung auf 0,75 Prozent das Vertrauen in die 2. Säule

Heute hat die BVG-Kommission beschlossen, dem Bundesrat für 2019 den Mindestzins in der beruflichen Vorsorge auf 0,75 Prozent zu senken. Für Travail.Suisse, den unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, ist dieser Entscheid nicht nachvollziehbar. Die Kommission hätte gemäss Unterlagen gute Gründe gehabt, den Mindestzins bei 1 Prozent zu belassen. Umso mehr als dass die Pensionskassen gute Renditen erzielen. Der Entscheid wird das Vertrauen der Versicherten in die 2. Säule nicht stärken. mehr

Für Travail.Suisse ist der heutige Entscheid der BVG-Kommission unverständlich. Die Pensionskassen erzielten letztes Jahr Renditen zwischen 6 und 8 Prozent. Sie konnten ihre Deckungsgrade stark erhöhen und Wertschwankungsreserven anhäufen. In dieser wirtschaftlich sehr guten Zeit den Mindestzinssatz um 0,25 Prozent zu senken, wird von den Versicherten nicht verstanden. Für Travail.Suisse ist klar, dass die Versicherten stärker an den Erfolgen zu beteiligen wären. Grundsätzlich begrüsst Travail.Suisse, dass die BVG-Kommission eine weitere, neue Formel zur Herleitung des Mindestzinses entwickelt hat. Sie bildet das Anlageverhalten der Vorsorgeeinrichtungen etwas besser ab. Sie ist aber immer noch sehr vorsichtig, da die für die Rendite gegenwärtig entscheidenden Anlagekategorien Aktien und Immobilien weiterhin zurückhaltend berücksichtigt werden. Für Travail.Suisse ist deshalb klar, dass auch die neue Formel nur als ein Indikator verwendet werden kann und die weiteren Rahmenbedingungen mitentscheidend sind.

Die finanzielle Lage der Vorsorgeeinrichtungen ist deutlich stabilisiert, die Teuerung und die Löhne steigen wieder stärker, so dass die Zinsen zur Erreichung des Leistungsziels ebenfalls mithalten müssen. Die Sollrenditen sind auf tiefem Niveau und verkraften ein Mindestzinssatz von 1 Prozent ohne Probleme, sogar eine Erhöhung würde drin liegen. Doch mit der Senkung des Mindestzinssatzes untergräbt die BVG-Kommission ohne Not das Vertrauen in die berufliche Vorsorge. Die Arbeitnehmenden werden beim Erhalt ihres Pensionskassenausweises feststellen, dass ihr Alterskapital im Pensionszeitpunkt tiefer ausgewiesen wird (da der Mindestzins zur Berechnung verwendet wird). Travail.Suisse fordert Grundlagen, die das Anlageverhalten einer durchschnittlichen Pensionskasse besser einbeziehen. Die Stiftungsräte der Pensionskassen fordert Travail.Suisse auf, nicht auf den Mindestzinssatz abzustellen, sondern die Versicherten an den effektiv erzielten Gewinnen teilhaben zu lassen. „Eine systematisch zu tiefe Verzinsung des angesparten Alterskapitals der Arbeitnehmenden untergräbt den Sinn der zweiten Säule“, so Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse.

Weitere Informationen
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik, 079 777 24 69
Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse und Nationalrat, 079 287 04 93

04. September 2018, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik und Adrian Wüthrich, Präsident

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