Themen – Gleichstellung – Vereinbarkeit

Alte Männer blockieren junge Väter

Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, begrüsst den Beitrag des Bundesrats zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Umso unverständlicher ist jedoch, dass er sich nicht für einen gesetzlich verankerten Urlaub für junge Väter einsetzt. Damit trägt der Bundesrat weder den Bedürfnissen von jungen Familien noch der gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung. mehr

Heute hat der Bundesrat entschieden, keine gesetzliche Grundlage für einen Vaterschaftsurlaub zu schaffen. Das bedeutet, dass Väter gemäss Obligationenrecht weiterhin höchstens Urlaub im Rahmen eines „üblichen freien Tages“ beziehen können.

Moderne Familienpolitik braucht engagierte Väter

Der aktive Einsatz der Väter in der Familie wird zunehmend wichtiger. Diese neue Rolle entspricht einem grundlegenden Bedürfnis der Väter wie auch der ganzen Familie und wird künftig zur gesellschaftlichen Notwendigkeit. Die demografische Entwicklung oder aber der Fachkräftemangel, den die Schweiz bewältigen muss, fordern eine moderne Familienpolitik. Der Vaterschaftsurlaub ist ein zentraler Bestandteil davon. Engagieren sich Väter schon früh in der Familie, so kehren die Frauen vermehrt und schneller an ihren Arbeitsplatz zurück und die Männer arbeiten eher Teilzeit – eine Rollenverteilung, welche die demografische Herausforderung abzufedern vermag.

Travail.Suisse wird sich weiterhin mit allen Mittel für einen Vaterschaftsurlaub einsetzen. „20 Tage nach der Geburt bezahlt bei der Familie bleiben zu können ist kein Luxus, sondern eine Basis für jede junge Familie“, sagt Martin Flügel, Prasident von Travail.Suisse. Ein solcher Urlaub würde die Schweiz rund 180 Millionen Franken jährlich kosten – im Vergleicht etwa zur den Steuerausfällen bei Annahme der SVP-Initiative von rund 1,4 Mia. Franken nicht sehr viel.

Steht die CVP für Familien ein?

In der Herbstsession hat der Nationalrat eine Motion zum Vaterschaftsurlaub von Valérie Piller-Carrard knapp – mit 96 zu 84 Stimmen abgelehnt. 13 Mitglieder der „Familienpartei“ CVP haben dagegen gestimmt, 5 weitere haben sich enthalten. Das Ergebnis zeigt: Die CVP hat es in der Hand. Wenn sie einen Vaterschaftsurlaub wirklich will, dann kann sie ihn haben. Die Verantwortung liegt nun in der Hand der Familienpartei CVP.

Für weitere Informationen:
Martin Flügel, Präsident, 079 743 90 05

30. Oktober 2013, Martin Flügel, Präsident Drucker-icon

Vereinbarkeit von Beruf und Familie –
Nationalrat lehnt alle konkreten Massnahmen ab

Zu Beginn der Herbstsession hätte es die grosse Kammer des Parlamentes in der Hand gehabt, mehrere Massnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verabschieden: Adoptionsurlaub, Vaterschaftsurlaub, nach einheitlichen Kriterien geführte Tagesschulen. Sie wurden alle abgelehnt. Einzig der Erarbeitung eines neuen Berichts zur aktuellen Situation der Familien in der Schweiz stimmte der Nationalrat zu. Dies zeigt, wie sehr sich die Politikerinnen und Politiker, die notabene vom Volk gewählt wurden, um den Willen eben dieses Volkes foutieren, das sich an der Urne für konkrete Massnahmen zu Gunsten einer Familienpolitik des Bundes ausgesprochen hat. mehr

Die Familienpolitik hat die Parlamentarierinnen und Parlamentarier in Bundesbern in der aktuellen Herbstsession einmal mehr beschäftigt. Im vergangenen März wurde an der Urne über einen Verfassungsartikel abgestimmt, der die Grundlagen für eine Familienpolitik des Bundes schaffen sollte. Dieser Familienartikel scheiterte zwar ganz knapp am Ständemehr, aber eine Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sprach sich dafür aus. Damit hatte das Volk ein klares Zeichen gesetzt, aber die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat hat sich leider erneut entschieden, diesem keine Beachtung zu schenken. Dabei sind die Bedürfnisse der Erwerbstätigen bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsleben nach wie vor akut.

Vaterschafts- und Adoptionsurlaub erneut abgelehnt

Der Tessiner CVP-Nationalrat Marco Romano reichte eine Motion ein, in der er die Gleichbehandlung von Müttern, die ein Kind adoptieren, und solchen, die selbst ein Kind zur Welt bringen, verlangte. Für eine Annahme dieses Vorschlags fehlten letztlich nur rund zehn Stimmen, womit ein zukünftiger weiterer Vorstoss zu diesem Thema gute Aussichten haben dürfte.

Ebenfalls keine Gnade fand eine Motion der Freiburger SP-Nationalrätin Valérie Piller-Carrard, die eine alte Forderung von Travail.Suisse wieder aufnahm: das Recht von Vätern, nach der Geburt eines Kindes 20 Tage bezahlten Vaterschaftsurlaub zu beziehen (fünf davon als Block rund um den Geburtstermin, den Rest flexibel im Zeitraum von sechs Monaten). Dieser Vorstoss, der mit rund einem Dutzend mehr Gegenstimmen bei sechs Enthaltungen abgelehnt wurde, fand nicht einmal bei der selbsternannten Familien-Partei CVP eine Mehrheit. Damit gehört die Schweiz zu den letzten Ländern in Europa, in denen man nach wie vor glaubt, dass die Geburt eines Kindes nur von den Müttern bewältigt werden muss. So können Väter in der chaotischen Zeit, in der die Familie grösser wird und man sich auch um weitere Kinder kümmern muss, ihren familiären Verpflichtungen nicht immer nachkommen.

Eine genauere Betrachtung des Abstimmungsergebnisses stimmt jedoch optimistisch, insbesondere was die Chancen eines zukünftigen Vorstosses für einen Vaterschaftsurlaub anbelangt: die Grünliberalen, die Hälfte der BDP, die SP und die Grünen haben sich dafür ausgesprochen. Nicht überraschend stellte sich das bürgerliche Lager dagegen, mit Ausnahme des Genfer FDP-Vertreters Hugues Hiltpold, der bereits 2009 eine Motion zur Einführung eines Vaterschaftsurlaubes eingereicht hatte und seiner Überzeugung treu geblieben ist. Der CVP wird deshalb eine entscheidende Rolle zukommen, denn es fehlen nur wenige Stimmen, um diesen Anachronismus endlich zum Verschwinden zu bringen. Es ist zu hoffen, dass sich die CVP-Vertreterinnen und -Vertreter zumindest an das halten werden, was die Partei auf dem Papier und intern unterstützt.

Ein Postulat der St. Galler CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz wurde hingegen von der grossen Kammer angenommen: Nachdem bereits zwei Familienberichte publiziert wurden – der letzte 2008 –, soll nun ein neuer Bericht zur Situation der Familien in der Schweiz erarbeitet werden.

Tagesschulen: Hoheitsgebiet der Kantone und wenige Ergebnisse

Eine Möglichkeit, wie man Eltern dabei unterstützen könnte, Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bringen, wäre die Einrichtung von Tagesschulen in der ganzen Schweiz. Gemäss einer Umfrage der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK 1 sind solche Schulen, in denen die Kinder vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe I mehrmals pro Woche ganztags betreut werden, allerdings nur wenig verbreitet. In der Regel beschränkt sich das Angebot auf einige wenige Schulen pro Kanton; teilweise sind nicht einmal Daten dazu verfügbar. Die BDP beantragte, dass Tagesschulen in Zukunft national einheitliche Qualitätsmerkmale erfüllen müssen und dazu auch Finanzhilfe erhalten sollen. Der Bundesrat machte jedoch geltend, dass die Bildung zum Hoheitsgebiet der Kantone gehöre und nicht auf eidgenössischer Ebene geregelt werden könne. Er nutzte die Ablehnung des Familienartikels, um es den Kantonen zu erlauben, verschiedenste kantonale Lösungen einzuführen, die ohne Zutun des Bundes entwickelt wurden. Diese Lösungen sind aber den Besonderheiten der regionalen Politik unterworfen und haben nur wenig damit zu tun, was die Familien tatsächlich brauchen.

Wenn man sieht, wie die SVP dieses Thema in einigen Zentralschweizer Kantonen in Beschlag genommen hat, wo das HarmoS-Konkordat 2 zur Diskussion stand, so ist zu befürchten, dass dieses Flickwerk noch lange Bestand haben wird. Der Nationalrat hat sich leider den Argumenten des Bundesrates angeschlossen und die Motion der BDP mit 99 Ja- gegen 75 Nein-Stimmen bei 14 Enthaltungen abgelehnt.

Die Familienpolitik braucht neue Impulse, die zu einer umfassenden und sachlichen Auseinandersetzung mit dieser Problematik führen. Die neusten Entscheide des Nationalrats haben dies einmal mehr auf eklatante Weise gezeigt.

mamagenda.ch – Willkommene Verbesserungen!
Wie lässt sich die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie konkret fördern? Travail.Suisse tut dies mit einer digitalen Agenda auf dem Internet, die allen Interessierten kostenlos zur Verfügung steht (www.mamagenda.ch). Diese zweisprachige Website (Deutsch und Französisch) ermöglicht eine Begleitung von schwangeren Frauen am Arbeitsplatz und hilft ihnen, notwendige Entscheidungen frühzeitig und in aller Ruhe zu treffen. Das erklärte Ziel ist es dabei, Frauen zu ermutigen, auch nach der Geburt eines Kindes erwerbstätig zu bleiben. Diese Website, die 2011 mit Unterstützung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Mann und Frau lanciert wurde, wird jeden Monat von durchschnittlich 750 Personen aufgerufen. Eine italienische Version sollte demnächst aufgeschaltet werden. Im Laufe der Zeit haben die Nutzerinnen der kostenlosen Agenda mamagenda.ch viele technische Verbesserungsvorschläge gemacht. Mehrere davon konnten unterdessen umgesetzt werden. Manchmal nutzen nur die schwangeren Frauen die digitale Agenda, weil sie nicht auf die wohlwollende Mitwirkung ihres oder ihrer Vorgesetzten zählen können. mamagenda wurde zwar mit dem Ziel geschaffen, den Dialog zwischen Arbeitnehmerinnen und Vorgesetzten zu fördern, aber das Instrument kann ein fehlendes gutes Einvernehmen zwischen diesen beiden nicht ersetzen. Deshalb müssen schwangere Frauen die Agenda auch autonom nutzen können. Ab sofort können sie den voraussichtlichen Geburtstermin selbst ändern und auch die Dauer des Mutterschaftsurlaubs kann von der Mitarbeiterin selbst angepasst werden. Weitere kleinere Unschönheiten wurden ebenfalls korrigiert: So etwa können nun keine «unmöglichen» Daten mehr eingegeben werden (zum Beispiel irrtümliche Eingabe des Geburtsdatums der Mitarbeiterin statt des Geburtstermins des Kindes). Die digitale Agenda wird auch an Fachmessen vorgestellt. An der bevorstehenden BabyPlanet-Messe, die vom 11. bis 13. Oktober in Lausanne stattfindet, wird mamagenda mit einem Stand präsent sein. Danach kann man sich vom 31. Januar bis 2. Februar 2014 auch an der Hochzeitsmesse in Bern über dieses Angebot informieren. Ein kleiner Wettbewerb mit Sofortgewinn gibt Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, auf spielerische Weise zu erfahren, was es mit mamagenda.ch auf sich hat.


1 EDK – Umfrage 2012/2013: http://www.ides.ch/dyn/15964.php
2 HarmoS-Konkordat: interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule, mit Organisation des Schulalltags und Betreuung der Kinder ausserhalb der Unterrichtszeit.

Anhang Grösse

Aktuelle Familienpolitik und Relaunch mamagenda.doc 45 KB

23. September 2013, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Der Nationalrat belässt die Last der Vereinbarkeit auf den Schultern der Mütter

Der Nationalrat hat heute eine Motion von Nationalrätin Valérie Piller Carrard für die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs von 20 Tagen abgelehnt. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, hat kein Verständnis für diesen Entscheid. Ein Vaterschaftsurlaub ist unerlässlich, damit die Eltern Beruf und Familie in der heiklen Phase nach der Geburt eines Kindes vereinbaren können. mehr

Die Motion von Nationalrätin Valérie Piller Carrard (SP/FR) ist heute zum grossen Bedauern von Travail.Suisse vom Nationalrat abgelehnt worden. Die Mehrheit der Volksvertreterinnen und –vertreter zeigt sich bezüglich der Schwierigkeiten, Beruf und Familie in einer besonders schwierigen Zeit zu vereinbaren, nach wie vor uneinsichtig. Sie ist offensichtlich der Meinung, dass es immer noch alleine an der Mutter liegt, das Familienleben zu organisieren. Diese Sicht der Dinge ist für Travail.Suisse unverständlich, entspricht sie doch in keiner Weise den Vorstellungen und Bedürfnissen der jüngeren Generationen.

Die Motion verlangte die Einführung eines bezahlten Vaterschaftsurlaubs von 20 Tagen, der nach Absprache mit dem Arbeitgeber flexibel in den ersten sechs Monaten nach der Geburt bezogen werden kann. Nur die ersten fünf Tage müssten obligatorisch in den ersten zehn Tagen nach der Geburt bezogen werden. Finanziert würde dieser Urlaub aus der Kasse der Erwerbsersatzordnung. Gemäss Schätzungen von Travail.Suisse würden sich die Kosten auf 180 Millionen Franken pro Jahr belaufen.

Travail.Suisse wird nicht locker lassen und sich weiterhin für den Urlaub von jungen Eltern einsetzen: Neuste Analysen zeigen nämlich, dass Elternurlaube – und zwar sowohl solche für die Mütter wie auch für die Väter – nicht nur notwendig sind, um den Neugeborenen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, sondern auch um den Eltern die Neuorganisation ihres Familienlebens in der besonders heiklen Phase nach der Geburt eines Kindes zu erleichtern.

Für mehr Informationen :
Valérie Borioli Sandoz, Leitern Gleichstellungspolitik, Tel.031 370 21 11 oder 079 598 06 37

12. September 2013, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Elternurlaub: Bringt das Parlament den Bundesrat von seiner fast schon schizophrenen Haltung ab?

Der Nationalrat wird aufgrund verschiedener parlamentarischer Vorstösse bald wieder Gelegenheit haben, über den Vaterschafts- und einen Adoptionsurlaub zu diskutieren. Die Landesregierung nimmt diesbezüglich eine schon fast schizophrene Haltung ein: Einerseits hat die Bundesverwaltung den Vaterschaftsurlaub für ihre Angestellten verlängert, andererseits bedauert Bundesrat Schneider-Ammann den Fachkräftemangel, ohne konkrete Massnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu formulieren. Einerseits setzt der Bundesrat der Swisscom das Ziel der Vereinbarkeit nicht mehr, andererseits verlangt die Legislaturplanung genau das von bundesnahen Betrieben. Travail.Suisse, die unabhängige Organisation der Arbeitnehmenden, erkennt darin Spuren alter ideologischer Denkmuster, die es zu überwinden gilt. mehr

Die Deutschschweizer Presse titelte vor kurzem: Der Vaterschaftsurlaub wird bei einem Grossteil der Unternehmen zur Selbstverständlichkeit. Nach der von Travail.Suisse jährlich durchgeführten Befragung zu Elternurlauben bei Arbeitgebern der öffentlichen Hand machte der Tagesanzeiger eine Umfrage bei mehreren grossen Privatunternehmen in der Schweiz. Die Musterschüler bieten Vätern nach der Geburt ihrer Kinder zwischen 10 und 20 Urlaubstagen, die weniger guten Schüler nur fünf Tage. Am Ende des Feldes sind Unternehmen zu finden, die als sehr traditionell gelten (Ruag, Georg Fischer, Schindler). Diese halten sich an das gesetzliche Minimum und gewähren ein bis zwei Tage, also gleich viel wie für einen Zahnarztbesuch oder einen Umzug.

Der im Elternurlaub enthaltene oder separate Vaterschaftsurlaub ist zwar noch nicht für alle selbstverständlich, aber zur Bewältigung der zusätzlichen Haushalts- und Familienpflichten notwendig – vor allem, wenn ein Paar sich neben dem Neugeborenen noch um weitere Kinder kümmern muss. Die Gesellschaft hat sich verändert, und es ist heute selten, dass eine Familie auf ihr – oft ebenfalls erwerbstätiges – Umfeld zählen kann, wenn sie Hilfe braucht. Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich diesen Urlaub, da die Väter von heute sich vom Zeitpunkt der Geburt an voll in ihrer Familie einbringen wollen.

Als Reaktion auf diese Anliegen hat der Bund Anfang Jahr beschlossen, den Vaterschaftsurlaub für seine Angestellten ab Juli dieses Jahres von 5 auf 10 Tage zu verlängern. Mit dieser Massnahme schliesst die Bundesverwaltung zu Banken wie UBS, Credit Suisse, die Alternative Bank, Raiffeisen oder Clariant, Grossunternehmen wie Swiss Re, Switcher oder Mobility Carsharing und Organisationen wie Unicef, WWF oder Travail.Suisse auf.

Anpassung schwierig für KMU

Kleinere Unternehmen und Organisationen haben Mühe, ihren Angestellten dasselbe zu bieten wie die Grosskonzerne. Die Finanzierung des Vaterschaftsurlaubs, die derzeit jeder Arbeitgeber allein tragen muss, kann für manche KMU ein Problem darstellen. Dasselbe galt für die Finanzierung des Mutterschaftsurlaubs vor dessen Einführung auf Bundesebene. Das ist einer der Gründe, der mehrere Parlamentsmitglieder dazu veranlasst hat, eine nationale Gesetzgebung zu verlangen. Mit einer solchen könnten die Bedürfnisse der Familien nicht mehr als Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Unternehmen genutzt werden, denn dabei bleiben kleine und mittlere Unternehmen wie auch viele Familien auf der Strecke.

Genau wie der heutige Mutterschaftsurlaub, der über die Erwerbsersatzordnung finanziert wird, bietet auch die Einführung eines bezahlten Vaterschafts- oder Elternurlaubs den Vorteil, dass die Kosten auf alle Unternehmen, aber auch auf die Generationen und die sozialen Klassen verteilt werden. Das ist im Wesentlichen, was die Motion von Nationalrätin Valérie Piller Carrard (SP/FR) verlangt: zwanzig den Vätern vorbehaltene und bezahlte Tage Urlaub bei der Geburt eines Kindes. Die Motion von Nationalrat Marco Romano (CVP/TI) möchte Familien, die ein Kind adoptieren, gleichberechtigt behandeln, und zwar sowohl bezüglich Mutterschaftsurlaub als auch hinsichtlich des künftigen Vaterschaftsurlaubs. Beide Geschäfte sind bereit zur Behandlung im Parlament. Beide empfiehlt der der Bundesrat dem Parlament wenig überraschend zur Ablehnung.

Fast schon schizophrene Haltung

Während die grossen Unternehmen, die über die entsprechenden Mittel verfügen, ihren Angestellten eine echte Erleichterung bieten, damit diese sorgenfrei eine Familie gründen können, scheint der Bundesrat in alten ideologischen Denkmustern festgefahren, die ihn daran hindern, vorausschauend zu handeln und das gesetzlich zu verankern, was im Jahr 2013 selbstverständlich sein müsste, auch wenn es vor zehn oder zwanzig Jahren noch als ausgefallene Idee abgetan wurde.

Erstes Beispiel: Als Bundesrätin Widmer Schlumpf der Ständeratskommission die strategischen Ziele ab 2014 für die Swisscom, wo der Bund Hauptaktionär ist, vorlegte, liess das Dokument die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus, die bisher darin enthalten war. Das steht in völligem Widerspruch zum letzten der 28 Ziele desselben Bundesrates 1 wie auch zu den vom Parlament angefügten Ergänzungen 2 in der Legislaturplanung 2011-2015. Die Swisscom gewährt ihren Angestellten 10 Tage Vaterschaftsurlaub und 17 Wochen Mutterschaftsurlaub. Dieser erfreuliche Umstand ist zu einem grossen Teil auf die von den Gewerkschaften, insbesondere transfair, geführten Verhandlungen zurückzuführen. Zur Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt es nicht nur einen Weg. Es können weitere Massnahmen ausgehandelt werden. So kann zum Beispiel dafür gesorgt werden, dass beide Geschlechter auf allen Hierarchiestufen vertreten sind oder dass für alle die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit besteht.

Zweites Beispiel: Der Bundesrat legte den Sozialpartnern zwar einen Bericht zu seiner Fachkräfteinitiative vor, in dem er den Fachkräftemangel bedauert und dessen Behebung anstrebt. Er verfehlt aber sein Ziel, da er es versäumt hat, bei den vorgeschlagenen Massnahmen den Schwerpunkt auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Männer und Frauen zu legen 3 . Gleichzeitig wünscht er dennoch, dass Teilzeitarbeitende (vor allem Frauen, von denen viele über eine gute Ausbildung verfügen) sich mehr auf dem Arbeitsmarkt engagieren.

Muss man das wirklich nochmals sagen? Die Gleichstellung betrifft beide Geschlechter, Frauen wie Männer. Beide Seiten haben Rechte und Pflichten. Folglich müssen die Rahmenbedingungen für beide Geschlechter stimmen.

Wenn ein «Geisterbericht» als Vorwand dient

Seit mehreren Monaten wartet man auf den Bundesratsbericht zu den verschiedenen Elternurlaubsmodellen und Finanzierungsmöglichkeiten, einschliesslich private, in Erfüllung des Postulates Fetz. Der Bericht hätte Ende 2012 erscheinen sollen. Die grössten Optimisten erwarten die Veröffentlichung nun im Sommer 2013.

Zweck des Berichts ist, dass der Bundesrat eine vergleichende Bestandsaufnahme der verschiedenen Elternurlaubsmodelle macht, damit deren jeweilige Vor- und Nachteile ersichtlich werden. Die Verzögerungen sind insofern erstaunlich, als die Eidgenössische Koordinationskommission für Familienfragen bereits eine beachtliche Vorarbeit geleistet hat 4 . In ihrer Studie gibt sie einen Überblick über die Praktiken der verschiedenen europäischen Länder, zeigt den Nutzen dieser familienpolitischen Massnahme für die Schweizer Gesellschaft auf und schätzt die Kosten mehrerer Varianten.

Der lange erwartete und ständig aufgeschobene Bericht wird jedoch vom Bundesrat systematisch als Grund für die Ablehnung von parlamentarischen Vorstössen, welche die Einführung eines eidgenössischen Vaterschaftsurlaubs fordern, vorgeschoben. Wenn dieser «Geisterbericht» endlich erscheint, ist stark damit zu rechnen, dass die ideologischen Denkmuster darin wieder die Überhand gewinnen.

Somit bleibt es dem Parlament überlassen, entschlossener aufzutreten als der Bundesrat, um diesen aus seinen ideologischen Denkmustern, die ihn in der Familienpolitik lähmen, herauszuholen.

1 «Ziel 28: Die Bundesverwaltung und bundesnahe Betriebe (z.B. SBB, Post) sollen ein Vorbild sein. Mann und Frau sollen gleichgestellt sein.» Legislaturplanung 2011-2015. 2013, Bern. http://www.bk.admin.ch/dokumentation/publikationen/00290/00878/
2 «Das Parlament fordert zudem, dass die Schweizer Bevölkerung noch stärker erwerbstätig sein kann. Die Wirtschaft würde so auch weniger ausländische Arbeitskräfte benötigen. Zu diesem Zweck will das Parlament die Vereinbarkeit von Familie, Erwerbstätigkeit oder Ausbildung sowie von Berufstätigkeit und Pflege von Angehörigen fördern.» Ergänzung zu Ziel 17 der Legislaturplanung 2011-2015. 2013, Bern.
3 Siehe Medienmitteilung Travail.Suisse vom 21. Mai 2013 «Fachkräfteinitiative: Gute Analyse – weitere Massnahmen nötig». http://www.travailsuisse.ch/medien/medienmitteilungen?lang=de
4 Elternzeit – Elterngeld. Ein Modellvorschlag der EKFF für die Schweiz. 2010, Bern. http://www.ekff.admin.ch/c_data/PDF_Elternzeit_d_100920.pdf

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PD Bringt das Parlament den Bundesrat von seiner fast schon schizophrenen Haltung ab.doc 52 KB

27. Mai 2013, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Ablehnung des Familienartikels: Probleme sind nicht vom Tisch

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, ist enttäuscht über die knappe Ablehnung des Familienartikels aufgrund des fehlenden Ständemehrs. Mit dem Nein wurde die Chance verpasst, ein starkes Zeichen für eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu setzen. Die realen Probleme der Familien sind damit aber nicht vom Tisch und es droht ein kantonaler Flickenteppich. Travail.Suisse wird sich deshalb weiterhin dafür einsetzen, dass die Familien auf verlässliche und familienfreundliche Rahmenbedingungen zählen können. Denn nichts zu tun wird die Schweiz und die Wirtschaft längerfristig mehr kosten als Investitionen in die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. mehr

Travail.Suisse ist enttäuscht, dass der Familienartikel abgelehnt wurde. Damit wurde die Chance verpasst, die Weichen zugunsten einer zeitgemässen Familienpolitik zu stellen. Zwar wurde weit herum das Bedürfnis nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie anerkannt. Offensichtlich hat aber die Angstmacherei um die Kosten und auch die fehlende Unterstützung der Wirtschaft zum heutigen Ergebnis geführt. Das ändert jedoch nichts am Nachholbedarf, den die Schweiz punkto Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat.

Nun droht ein Flickenteppich an Betreuungsinfrastrukturen anstatt dass Verlässlichkeit für alle Familien geboten wird. Will die schweizerische Gesellschaft und Wirtschaft zukunftsfähig bleiben, müssen insbesondere zusätzliche Betreuungsmöglichkeiten im Vorschulbereich und familienfreundliche Arbeitszeiten sowie mehr und gute Teilzeitstellen angeboten werden.

Wird den jungen Familien hingegen weiterhin eine echte Wahlfreiheit bezüglich ihres Familienmodells verwehrt, hat dies gesellschaftlichen Folgen: Das Arbeitskräftepotenzial – vor allem der gut ausgebildeten Frauen – wird nicht ausgeschöpft und damit der künftige Fachkräftemangel verschärft. Oder junge Paare werden noch vermehrt auf Kinder verzichten und somit den demografischen Druck verschärfen. Beides kommt die Schweiz langfristig teuer zu stehen.

Wichtige Themen sowohl der Vereinbarkeit – die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Angehörigenpflege – als auch die Armutsbekämpfung, die Familienzulagen und ein angemessener Vaterschaftsurlaub wurden vom Familienartikel nicht tangiert. Sie sind jedoch für eine zeitgemässe Familienpolitik von grosser Wichtigkeit. Travail.Suisse wird sich deshalb weiterhin für verlässliche Rahmenbedingungen für alle Familien in der Schweiz einsetzen.

Für mehr Informationen:
Martin Flügel, Präsident, Tel. 079/743’90’05
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik, Tel. 078 625 72 73

03. März 2013, Martin Flügel, Präsident und Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

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