Themen – Gleichstellung – Mutterschaft und Vaterschaft

Elternurlaub: Bringt das Parlament den Bundesrat von seiner fast schon schizophrenen Haltung ab?

Der Nationalrat wird aufgrund verschiedener parlamentarischer Vorstösse bald wieder Gelegenheit haben, über den Vaterschafts- und einen Adoptionsurlaub zu diskutieren. Die Landesregierung nimmt diesbezüglich eine schon fast schizophrene Haltung ein: Einerseits hat die Bundesverwaltung den Vaterschaftsurlaub für ihre Angestellten verlängert, andererseits bedauert Bundesrat Schneider-Ammann den Fachkräftemangel, ohne konkrete Massnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu formulieren. Einerseits setzt der Bundesrat der Swisscom das Ziel der Vereinbarkeit nicht mehr, andererseits verlangt die Legislaturplanung genau das von bundesnahen Betrieben. Travail.Suisse, die unabhängige Organisation der Arbeitnehmenden, erkennt darin Spuren alter ideologischer Denkmuster, die es zu überwinden gilt. mehr

Die Deutschschweizer Presse titelte vor kurzem: Der Vaterschaftsurlaub wird bei einem Grossteil der Unternehmen zur Selbstverständlichkeit. Nach der von Travail.Suisse jährlich durchgeführten Befragung zu Elternurlauben bei Arbeitgebern der öffentlichen Hand machte der Tagesanzeiger eine Umfrage bei mehreren grossen Privatunternehmen in der Schweiz. Die Musterschüler bieten Vätern nach der Geburt ihrer Kinder zwischen 10 und 20 Urlaubstagen, die weniger guten Schüler nur fünf Tage. Am Ende des Feldes sind Unternehmen zu finden, die als sehr traditionell gelten (Ruag, Georg Fischer, Schindler). Diese halten sich an das gesetzliche Minimum und gewähren ein bis zwei Tage, also gleich viel wie für einen Zahnarztbesuch oder einen Umzug.

Der im Elternurlaub enthaltene oder separate Vaterschaftsurlaub ist zwar noch nicht für alle selbstverständlich, aber zur Bewältigung der zusätzlichen Haushalts- und Familienpflichten notwendig – vor allem, wenn ein Paar sich neben dem Neugeborenen noch um weitere Kinder kümmern muss. Die Gesellschaft hat sich verändert, und es ist heute selten, dass eine Familie auf ihr – oft ebenfalls erwerbstätiges – Umfeld zählen kann, wenn sie Hilfe braucht. Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich diesen Urlaub, da die Väter von heute sich vom Zeitpunkt der Geburt an voll in ihrer Familie einbringen wollen.

Als Reaktion auf diese Anliegen hat der Bund Anfang Jahr beschlossen, den Vaterschaftsurlaub für seine Angestellten ab Juli dieses Jahres von 5 auf 10 Tage zu verlängern. Mit dieser Massnahme schliesst die Bundesverwaltung zu Banken wie UBS, Credit Suisse, die Alternative Bank, Raiffeisen oder Clariant, Grossunternehmen wie Swiss Re, Switcher oder Mobility Carsharing und Organisationen wie Unicef, WWF oder Travail.Suisse auf.

Anpassung schwierig für KMU

Kleinere Unternehmen und Organisationen haben Mühe, ihren Angestellten dasselbe zu bieten wie die Grosskonzerne. Die Finanzierung des Vaterschaftsurlaubs, die derzeit jeder Arbeitgeber allein tragen muss, kann für manche KMU ein Problem darstellen. Dasselbe galt für die Finanzierung des Mutterschaftsurlaubs vor dessen Einführung auf Bundesebene. Das ist einer der Gründe, der mehrere Parlamentsmitglieder dazu veranlasst hat, eine nationale Gesetzgebung zu verlangen. Mit einer solchen könnten die Bedürfnisse der Familien nicht mehr als Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Unternehmen genutzt werden, denn dabei bleiben kleine und mittlere Unternehmen wie auch viele Familien auf der Strecke.

Genau wie der heutige Mutterschaftsurlaub, der über die Erwerbsersatzordnung finanziert wird, bietet auch die Einführung eines bezahlten Vaterschafts- oder Elternurlaubs den Vorteil, dass die Kosten auf alle Unternehmen, aber auch auf die Generationen und die sozialen Klassen verteilt werden. Das ist im Wesentlichen, was die Motion von Nationalrätin Valérie Piller Carrard (SP/FR) verlangt: zwanzig den Vätern vorbehaltene und bezahlte Tage Urlaub bei der Geburt eines Kindes. Die Motion von Nationalrat Marco Romano (CVP/TI) möchte Familien, die ein Kind adoptieren, gleichberechtigt behandeln, und zwar sowohl bezüglich Mutterschaftsurlaub als auch hinsichtlich des künftigen Vaterschaftsurlaubs. Beide Geschäfte sind bereit zur Behandlung im Parlament. Beide empfiehlt der der Bundesrat dem Parlament wenig überraschend zur Ablehnung.

Fast schon schizophrene Haltung

Während die grossen Unternehmen, die über die entsprechenden Mittel verfügen, ihren Angestellten eine echte Erleichterung bieten, damit diese sorgenfrei eine Familie gründen können, scheint der Bundesrat in alten ideologischen Denkmustern festgefahren, die ihn daran hindern, vorausschauend zu handeln und das gesetzlich zu verankern, was im Jahr 2013 selbstverständlich sein müsste, auch wenn es vor zehn oder zwanzig Jahren noch als ausgefallene Idee abgetan wurde.

Erstes Beispiel: Als Bundesrätin Widmer Schlumpf der Ständeratskommission die strategischen Ziele ab 2014 für die Swisscom, wo der Bund Hauptaktionär ist, vorlegte, liess das Dokument die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus, die bisher darin enthalten war. Das steht in völligem Widerspruch zum letzten der 28 Ziele desselben Bundesrates 1 wie auch zu den vom Parlament angefügten Ergänzungen 2 in der Legislaturplanung 2011-2015. Die Swisscom gewährt ihren Angestellten 10 Tage Vaterschaftsurlaub und 17 Wochen Mutterschaftsurlaub. Dieser erfreuliche Umstand ist zu einem grossen Teil auf die von den Gewerkschaften, insbesondere transfair, geführten Verhandlungen zurückzuführen. Zur Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt es nicht nur einen Weg. Es können weitere Massnahmen ausgehandelt werden. So kann zum Beispiel dafür gesorgt werden, dass beide Geschlechter auf allen Hierarchiestufen vertreten sind oder dass für alle die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit besteht.

Zweites Beispiel: Der Bundesrat legte den Sozialpartnern zwar einen Bericht zu seiner Fachkräfteinitiative vor, in dem er den Fachkräftemangel bedauert und dessen Behebung anstrebt. Er verfehlt aber sein Ziel, da er es versäumt hat, bei den vorgeschlagenen Massnahmen den Schwerpunkt auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Männer und Frauen zu legen 3 . Gleichzeitig wünscht er dennoch, dass Teilzeitarbeitende (vor allem Frauen, von denen viele über eine gute Ausbildung verfügen) sich mehr auf dem Arbeitsmarkt engagieren.

Muss man das wirklich nochmals sagen? Die Gleichstellung betrifft beide Geschlechter, Frauen wie Männer. Beide Seiten haben Rechte und Pflichten. Folglich müssen die Rahmenbedingungen für beide Geschlechter stimmen.

Wenn ein «Geisterbericht» als Vorwand dient

Seit mehreren Monaten wartet man auf den Bundesratsbericht zu den verschiedenen Elternurlaubsmodellen und Finanzierungsmöglichkeiten, einschliesslich private, in Erfüllung des Postulates Fetz. Der Bericht hätte Ende 2012 erscheinen sollen. Die grössten Optimisten erwarten die Veröffentlichung nun im Sommer 2013.

Zweck des Berichts ist, dass der Bundesrat eine vergleichende Bestandsaufnahme der verschiedenen Elternurlaubsmodelle macht, damit deren jeweilige Vor- und Nachteile ersichtlich werden. Die Verzögerungen sind insofern erstaunlich, als die Eidgenössische Koordinationskommission für Familienfragen bereits eine beachtliche Vorarbeit geleistet hat 4 . In ihrer Studie gibt sie einen Überblick über die Praktiken der verschiedenen europäischen Länder, zeigt den Nutzen dieser familienpolitischen Massnahme für die Schweizer Gesellschaft auf und schätzt die Kosten mehrerer Varianten.

Der lange erwartete und ständig aufgeschobene Bericht wird jedoch vom Bundesrat systematisch als Grund für die Ablehnung von parlamentarischen Vorstössen, welche die Einführung eines eidgenössischen Vaterschaftsurlaubs fordern, vorgeschoben. Wenn dieser «Geisterbericht» endlich erscheint, ist stark damit zu rechnen, dass die ideologischen Denkmuster darin wieder die Überhand gewinnen.

Somit bleibt es dem Parlament überlassen, entschlossener aufzutreten als der Bundesrat, um diesen aus seinen ideologischen Denkmustern, die ihn in der Familienpolitik lähmen, herauszuholen.

1 «Ziel 28: Die Bundesverwaltung und bundesnahe Betriebe (z.B. SBB, Post) sollen ein Vorbild sein. Mann und Frau sollen gleichgestellt sein.» Legislaturplanung 2011-2015. 2013, Bern. http://www.bk.admin.ch/dokumentation/publikationen/00290/00878/
2 «Das Parlament fordert zudem, dass die Schweizer Bevölkerung noch stärker erwerbstätig sein kann. Die Wirtschaft würde so auch weniger ausländische Arbeitskräfte benötigen. Zu diesem Zweck will das Parlament die Vereinbarkeit von Familie, Erwerbstätigkeit oder Ausbildung sowie von Berufstätigkeit und Pflege von Angehörigen fördern.» Ergänzung zu Ziel 17 der Legislaturplanung 2011-2015. 2013, Bern.
3 Siehe Medienmitteilung Travail.Suisse vom 21. Mai 2013 «Fachkräfteinitiative: Gute Analyse – weitere Massnahmen nötig». http://www.travailsuisse.ch/medien/medienmitteilungen?lang=de
4 Elternzeit – Elterngeld. Ein Modellvorschlag der EKFF für die Schweiz. 2010, Bern. http://www.ekff.admin.ch/c_data/PDF_Elternzeit_d_100920.pdf

Anhang Grösse

PD Bringt das Parlament den Bundesrat von seiner fast schon schizophrenen Haltung ab.doc 52 KB

27. Mai 2013, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Vollständig überarbeitetes Handbuch «InfoMutterschaft»
auf dem Internet

Die Gesetzgebung entwickelt sich laufend weiter. Deshalb musste auch das Handbuch «InfoMutterschaft – um Mutterschaft und Erwerbsarbeit in Einklang zu bringen» auf den aktuellen Stand gebracht werden. Diese Überarbeitung erfolgte 2012. Das neue Handbuch berücksichtigt neue Vorschriften am Arbeitsplatz im Zusammenhang mit einer Mutterschaft und ist in neuer Aufmachung und anwendungsfreundlich auf einer eigenen Internetseite zugänglich. mehr

Die Rechte erwerbstätiger Frauen, die Mutter werden, stehen im Zentrum der von Travail.Suisse durchgeführten und vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann unterstützten Kampagnen «InfoMutterschaft». Ziel dieser Kampagnen ist es, über den Gesundheitsschutz für berufstätige werdende Mütter und ihre Kinder zu informieren. Denn im Gesetz sind zahlreiche Vorschriften zur Umsetzung dieses Ziels vorgesehen, die entsprechenden Informationen müssen aber auch tatsächlich für die Hauptbetroffenen zugänglich sein.

Die erste Kampagne wurde im Jahr 2000 mit einem Handbuch von und für juristische Fachpersonen lanciert. 2003 und 2004 folgte eine zweite Kampagne mit einer Broschüre in 12 Sprachen für Arbeitnehmerinnen in der Schweiz, welche über die wichtigsten Rechte schwangerer Frauen am Arbeitsplatz informierte, und mit einer gebührenpflichtigen «Infoline» in mehreren Sprachen, über die sich während einiger Monate insgesamt über 1500 Frauen zusätzliche Informationen einholten.

Nach der Einführung des Mutterschaftsurlaubs in der ganzen Schweiz im Jahr 2005 wurden die Broschüren aktualisiert. 2007 wurde das Handbuch ein erstes Mal revidiert. Dies bot Gelegenheit, gleichzeitig auch die Broschüre neu aufzulegen, diesmal aber in vier Sprachen. Das Handbuch wurde auch erstmals auf der Internetseite von Travail.Suisse veröffentlicht.

2012 nahm die Juristin Sarah Maran vom Beratungszentrum «CAP Conseil & Accompagnement professionnel Femme et Travail» in Neuchâtel die zweite Aktualisierung vor. Dies war für Travail.Suisse Anlass, im Februar 2013 eine eigene Internetseite zu dieser Thematik mit dem Titel www.infomutterschaft.ch / www.infomaternite.ch aufzuschalten. Die italienische Version ist in Prüfung und sollte folgen.

Inhalt des Handbuchs «InfoMutterschaft»

Das Handbuch «InfoMutterschaft – um Mutterschaft und Erwerbsarbeit in Einklang zu bringen» richtet sich als Referenzwerk in erster Linie an Fachpersonen, die Arbeitnehmerinnen beruflich begleiten und beraten, steht aber allen Interessierten offen. Behandelt werden in fünf Kapiteln alle Bereiche des Arbeitsrechts, welche Schwangerschaft, Stillen und Mutterschaft betreffen. Es enthält insbesondere folgende Punkte:

• Genaue Informationen für erwerbstätige und erwerbslose Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen, die Mutter werden (mit Verweis auf die gesetzlichen Grundlagen).
• Informationen für die Zeit der Schwangerschaft (Gesundheit, Absenzen, Versicherungen, prekäre Arbeitsverhältnisse, Kündigung usw.), für den Mutterschaftsurlaub und für die Rückkehr an den Arbeitsplatz.
• Verständliche Erklärungen zu besonderen Situationen wie Diskriminierung oder Mobbing am Arbeitsplatz.
• Wichtige Informationen für Frauen und Männer, die ihre Erwerbsarbeit aus familiären Gründen aufgeben wollen (z.B. in Bezug auf Unfälle, Invalidität, Arbeitslosigkeit, Ruhestand).

Neuerungen

Die Gesetzgebung entwickelt sich laufend weiter. Deshalb wurden folgende Themen überarbeitet:

• Die Liste der beschwerlichen und gefährlichen Arbeiten und insbesondere das Kapitel zu den chemischen Stoffen und zu den Kennzeichnungsvorschriften.
• Der aktuelle Stand der Rechtssprechung in der Frage des Arztzeugnisses bei Absenzen und des Lohnanspruchs.
• Ausführungen dazu, was unter prekären und atypischen Verträgen genau zu verstehen ist, da solche bei Frauen leider besonders häufig sind.
• Die freiwillige Taggeldversicherung: Dieses Kapitel wurde vollständig neu verfasst (Einzel- oder Kollektivversicherung, nach Krankenversicherung und Unfallversicherung VVG).
• Die Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung.
• Die Höhe der Mutterschaftsentschädigung und die Rechtssprechung zur Lohnfortzahlung bei einer Hospitalisierung des Neugeborenen nach der Geburt.
• Die Bestimmungen zur Elternschaft (Mutterschafts-, Vaterschafts-, Adoptions- und Elternurlaub) in den grössten öffentlichen Unternehmen: Bundesverwaltung, Eidgenössische Technische Hochschulen, Die Post, SBB und der Sonderfall Swisscom.
• Die Schweizerische Zivilprozessordnung wird erläutert, insbesondere im Zusammenhang mit einigen Artikeln zum Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frau und Mann.
• Das Kapitel zu den Familienzulagen wurde vollständig überarbeitet und mit den aktuellsten Neuerungen ergänzt, beispielweise mit dem Anspruch der Selbständigerwerbenden auf Kinderzulagen, für den Travail.Suisse lange gekämpft hatte.
• Das Arbeitslosenversicherungsgesetz und das Invalidenversicherungsgesetz wurden revidiert, was Auswirkungen für die von Mutterschaft betroffenen Frauen hat.

Flexibel und schnell

Die Publikation auf dem Internet ermöglicht es, Informationen rasch zu aktualisieren. Dies wird zum Beispiel demnächst der Fall sein, wenn der Bundesrat in einer Verordnung zum Arbeitsgesetz präzisieren wird, dass der Lohn während Stillpausen zu bezahlen ist, wie dies das Parlament mit seiner Zustimmung zur Ratifizierung des Übereinkommens über den Mutterschutz der Internationalen Arbeitsorganisation beschlossen hat 1 .

Übrigens: Die kostenlose digitale Agenda «mamagenda.ch», ein Angebot von Travail.Suisse, das sich spezifischer an Vorgesetzte von Frauen richtet, das aber betroffene Frauen auch selber benutzen können, ist mit dem Handbuch «InfoMutterschaft» verlinkt.

Das Handbuch «InfoMutterschaft» ist nicht auf Papier erhältlich, kann aber auf CD-Rom direkt bei Travail.Suisse zum moderaten Preis von 40 Franken pro Stück bestellt werden. Die elektronische Version umfasst 160 Seiten und bietet als grossen Vorteil direkte Links zu den erwähnten Gesetzestexten (Hyperlinks).

1 Siehe Mediendienst vom 22. Oktober 2012, «Stillzeit bei der Arbeit bald entlöhnt?», Valérie Borioli Sandoz

Anhang Grösse

PD Vollständig überarbeitetes Handbuch infoMutterschaft auf dem Internet.doc 42 KB

13. Mai 2013, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Stillen am Arbeitsplatz: Arbeitszeit, die endlich auch bezahlt werden soll

Der Ständerat hat heute in letzter Instanz der Parlamentarischen Initiative Maury Pasquier zugestimmt, die verlangt, dass die Schweiz das IAO-Übereinkommen Nr. 183 über den Mutterschutz ratifiziert. Der Text ist im Laufe der Zeit mit der Schweizer Gesetzgebung vereinbar geworden – ausser in der Frage, ob die Stillzeit erwerbstätiger Mütter am Arbeitsplatz zu entschädigen ist. Der Bundesrat hat vorgeschlagen, dieses letzte Detail über den Verordnungsweg zu regeln. Der Nationalrat hat im September zugestimmt, und nun hat auch die kleine Kammer zugunsten der Frauen entschieden. Travail.Suisse, die unabhängige Organisation von 170’000 Arbeitnehmenden, begrüsst diesen Entscheid. mehr

Die Schweiz kann dann endlich einen internationalen Vertrag ratifizieren, den sie bereits vor Jahren unterzeichnet hat. Am IAO-Übereinkommen Nr. 183 über den Mutterschutz waren nachträglich Änderungen vorgenommen worden, die bewirkten, dass der Text nicht mehr mit dem schweizerischen Recht vereinbar war, namentlich beim Mutterschaftsurlaub, der damals in der Schweiz noch nicht existierte.

Seit 2005 gibt es in der Schweiz jedoch einen Mutterschaftsurlaub, und nur noch die Frage, ob die zum Stillen verwendete Zeit entschädigt wird, stand einer Ratifikation im Weg. Für erwerbstätige Frauen ist dieser Aspekt ein ernsthaftes Problem, wenn sie es mit einem Arbeitgeber zu tun haben, der ohne Rücksicht auf die Gesundheit von Säuglingen und Frauen diese unbedeutenden Einsparungen realisiert. Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation von 170’000 Arbeitnehmenden, hat das Parlament schon vor längerer Zeit für diese drängende Frage sensibilisiert.

Geringfügige Änderung an einer Verordnung

Die Genfer Sozialdemokratin Maury Pasquier hatte die Frage mit der Einreichung einer Parlamentarischen Initiative 2007 neu lanciert. Es brauchte schliesslich fünf Jahre, bis der Bundesrat einen Vorschlag zur Regelung des letzten Details mit einer Änderung an Artikel 60 der Verordnung ArGV 1 vorlegte. Gemäss diesem Artikel gilt die Stillzeit im ersten Lebensjahr des Kindes für die Mutter seit Langem als Arbeitszeit. Es genügt, zu präzisieren, dass diese Zeit entschädigt wird.

Nach der Zustimmung des Ständerats kann der Bundesrat den Prozess zur Revision der Verordnung einleiten. Sobald die revidierte Verordnung in Kraft tritt, kann das IAO-Übereinkommen Nr. 183 ratifiziert werden. Dann werden die Frauen endlich in der Lage sein, ihre Kinder nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz weiter zu stillen, ohne wegen einer ärgerlichen Gesetzeslücke finanzielle Nachteile zu erleiden.

12. Dezember 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Änderung des Zivilgesetzbuches, der Zivilprozessordnung und des Zuständigkeitsgesetzes (Unterhalt des Kindes)

Anhang Grösse

Consultation TS Droit d'entretien 2012.pdf 110 KB

05. November 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Elternurlaub: Patentrezept für eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen?

Nach Ansicht von Bundesrätin Simonetta Sommaruga würde ein grosszügiger Vaterschaftsurlaub mit anschliessendem langem Elternurlaub dafür sorgen, dass mehr Frauen berufstätig bleiben und grössere Pensen übernehmen. Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation von 170’000 Arbeitnehmenden, teilt die Ansicht, dass es für die Frauen selber und für die ganze Gesellschaft wichtig ist, die Präsenz der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu stärken. Doch um dieses Ziel zu erreichen, braucht es eine beherzte Politik mit Sofortmassnahmen statt der im Parlament in familienpolitischen Fragen üblichen Politik der kleinen Schritte. mehr

Die Frauen müssen mehr arbeiten, das heisst sowohl die Zahl der erwerbstätigen Frauen als auch der Beschäftigungsgrad der berufstätigen Frauen muss zunehmen. So lautete die Botschaft von Simonetta Sommaruga, als sie vor einigen Wochen für einen Vaterschaftsurlaub von mindestens vier Wochen plädierte, der Teil eines Elternurlaubs von mindestens sechs Monaten bei 80 Prozent Lohn ist und somit gleich entlöhnt würde wie der Mutterschaftsurlaub, den er ergänzen soll.

Legitime finanzielle Überlegungen

Was sind die Gründe für diesen Kurswechsel? Während die Frauen bisher praktisch allein für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verantwortlich waren, sollen sie nun helfen, den akuten Fachkräftemangel zu beheben. Weshalb wird nun das brachliegende Arbeitspotenzial der Frauen, die häufig teilzeitlich arbeiten und eine zu tiefe Erwerbsquote aufweisen (83,9 Prozent gegenüber 97,7 Prozent bei den Männern), plötzlich zum Thema? Und ist die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs mit anschliessendem langem Elternurlaub die richtige und die einzig notwendige Massnahme?

Neben dem legitimen Gleichstellungsziel, die Familien- und Hausarbeit nach der Geburt eines Kindes zu teilen, liegen der Initiative der sozialdemokratischen Departementsvorsteherin zweifellos auch finanzielle Überlegungen zugrunde: Wenn die Frauen mehr arbeiten, steigen dadurch die Steuereinnahmen und die Sozialversicherungsbeiträge. Bei einer Scheidung (immerhin fast jede zweite Ehe wird geschieden) läuft eine Frau, die immer berufstätig war, weniger Gefahr, Sozialhilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Sie finanziert auch ihre Pensionierung und wird seltener auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein.

Aufgabe der Erwerbstätigkeit ist langfristig problematisch

Wenn mehr Frauen erwerbstätig sein sollen, gilt es zu vermeiden, dass sich diese bei einer Mutterschaft aus der Arbeitswelt zurückziehen. Eine Viertelmillion Frauen geben jedes Jahr ihre Berufstätigkeit aus familiären Gründen auf, sei es freiwillig oder gezwungenermassen. Später ist es für diese Frauen sehr schwierig, wieder eine Stelle zu finden. Sie haben zudem keinen Anspruch mehr auf die arbeitsmarktlichen Massnahmen, die im Arbeitslosenversicherungsgesetz vorgesehen sind: Mit der letzten Revision des AVIG wurden die Ansprüche bei einem Wiedereinstieg ins Berufsleben drastisch reduziert. Die Analyse des Bundesamts für Statistik vom vergangenen August zur Arbeitslosigkeit von Frauen zeigt, dass bei den Frauen ein Teil der Arbeitslosigkeit in den üblichen Statistiken nicht erscheint, weil die meisten Frauen eine Stelle suchen, ohne sich bei einem RAV anzumelden.

Es wäre klug, dieser «Verschwendung» ein Ende zu setzen und dafür zu sorgen, dass die staatlichen Investitionen in die Ausbildung der weiblichen Bevölkerung eine höhere Rendite abwerfen. Dazu müssen wir uns vor Augen halten, vor wie vielen Hürden Frauen stehen, die wieder in den Beruf einsteigen wollen oder müssen. Es fehlt sowohl an finanziellen Mitteln als auch an konkreter Unterstützung. Dies zeigt die laufende Forschungsarbeit «Expérience ReProf»1 von Travail.Suisse.

Kantone sollen Rechenschaft über Massnahmen
zur beruflichen Wiedereingliederung ablegen

Laut Berufsbildungsgesetz kann zwar der Bund Massnahmen für den Wiedereinstieg nach einem Erwerbsunterbruch finanzieren, es ist aber Sache der Kantone, wie sie diese Mittel einsetzen. Die Kantone organisieren sich daher nach eigenem Gutdünken und müssen dem Bund nicht nachweisen, wie sie den Geldsegen verwenden. Es ist Zeit, dass die Kantone Rechenschaft darüber ablegen, wie sie die spezifische Problematik des Wiedereinstiegs der Frauen angehen.

Travail.Suisse unterstützt im Übrigen die Einführung von Bildungsgutscheinen. Diese würden dazu beitragen, dass die Frauen für den Arbeitsmarkt gerüstet sind, und dass ein Kursangebot entsteht, das auf diese Bevölkerungsgruppe mit beschränkten finanziellen Mitteln abgestimmt ist.

Digitale Agenda «mamagenda»: vorbeugen statt heilen

Vorbeugen ist besser als heilen! Wenn das Erwerbspotenzial der weiblichen Bevölkerung besser genutzt werden soll, müssen wir sicherstellen, dass die Frauen ihre Berufstätigkeit nicht aufgeben. Dafür stehen effiziente Hilfsmittel zur Verfügung. Eines davon ist die kostenlose digitale Online-Agenda «mamagenda.ch» von Travail.Suisse. Die Agenda richtet sich an erwerbstätige Frauen, die Mutter werden, und an deren Vorgesetzte. Sie hilft diesen, die Zeit des Mutterschaftsurlaubs und die Rückkehr der jungen Mutter an den Arbeitsplatz für beide Seiten optimal zu organisieren.

Ist ein grosszügiger Vaterschaftsurlaub mit anschliessendem mehrmonatigem Elternurlaub also das Patentrezept, das die Frauen dazu bringt, mehr zu arbeiten? Ohne weitere Schritte werden diese beiden Massnahmen nicht alle Probleme lösen und die Frauen nicht zurück ins Büro oder in die Werkstatt zaubern. Dazu braucht es auch verlässliche Rahmenbedingungen für die Familien. Zur Erinnerung: Nirgendwo sonst wird so viel gearbeitet wie in der Schweiz, gemessen sowohl an den Wochenstunden als auch an den Ferien- und Feiertagen sowie der Arbeitswegzeit. Das ergab die 5. Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen, die vom Staatssekretariat für Wirtschaft 2010 veröffentlicht wurde. Auch Lohndiskriminierungen gegenüber Frauen sind noch immer verbreitet: Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass es für 40 Prozent der Lohnunterschiede keinerlei objektive Gründe gibt, und je nach gewählten Kriterien ist der Anteil noch höher. Schliesslich fehlt es noch immer an Betreuungsstrukturen für Kinder, aber auch zunehmend an Einrichtungen zur Betreuung älterer Menschen.

Nein zur «Politik der kleinen Schritte» in der Familienpolitik!

Ein sechsmonatiger Elternurlaub mit einem Teil, der ausschliesslich vom Vater bezogen werden kann und als Vaterschaftsurlaub bezeichnet wird: So lautete bereits 2010 der mutige Vorschlag der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF). Heute mahnt hingegen die neue Präsidentin, die ehemalige Nationalrätin Thérèse Meyer, zu typisch schweizerischer Zurückhaltung. Sie befürwortet eine «Politik der kleinen Schritte» zu einem Zeitpunkt, in dem alle Signale auf rot stehen.

In unserem Land braucht es dringend ein durchdachtes Massnahmenpaket für Familien, das die Frauen gezielt von der Bürde entlastet, Beruf und Familie aus eigener Kraft vereinbaren zu müssen. Nur unter diesen Voraussetzungen – und zu diesem Preis – werden die Mütter auf dem Arbeitmarkt präsenter sein und die Väter die Möglichkeit erhalten, mehr als «Wochenendväter» zu sein.

1Siehe Medienservice vom 10. September 2012 «Weiterbildungsgutscheine für Wiedereinsteigerinnen», Medienservice vom 7. Mai 2012 «Finanzierung der Weiterbildung als Knackpunkt», und Medienservice vom 20. Februar 2012 «Rückkehr ins Berufsleben begleiten» von Angela Zihler.

Anhang Grösse

PD Patentrezept für eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen.doc 113 KB

01. Oktober 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Medienkontakte

Kontaktperson für Medienanfragen

Kontaktperson für Medienanfragen:

Linda Rosenkranz
Leiterin Kommunikation
031 370 2111 oder
079 743 5047
rosenkranz@travailsuisse.ch

Anwesend: Montag bis Mittwoch

Medienmitteilungen

Medienservice

Medienkonferenzen

Lohnresultate 2017

Zum Mediendossier

Archiv