Themen – Gleichstellung – Mutterschaft und Vaterschaft

10 Jahre Mutterschaftsurlaub – Lehren und Herausforderungen

Am kommenden 1. Juli feiert die Schweiz das 10-jährige Bestehen des Mutterschaftsurlaubs. Eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, welch ungeheuren Fortschritt dessen Einführung für die Arbeitnehmerinnen und die Arbeitgeber bedeutete. Die schweizerische Lösung ist sicher nicht in jeder Hinsicht perfekt für die Mütter, hat aber den Vorzug, dass sie die Praktiken vereinheitlicht hat und ein Minimum für alle erwerbstätigen Frauen in der Schweiz gewährleistet. Das ist bei den Vätern noch nicht der Fall. mehr

Ab 1945 verpflichtete die Bundesverfassung den Bund, eine eidgenössische Mutterschaftsversicherung einzuführen. Nach jahrzehntelangen Anstrengungen von Gewerkschaften, Frauenorganisationen und politischer Parteien und nach mehreren Abstimmungsniederlagen wurde der Verfassungsauftrag schliesslich umgesetzt. Am 3. Oktober 2003, nach rund zwanzig Versuchen in knapp sechzig Jahren, nahm das Volk das Bundesgesetz über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und Mutterschaft an.

Arbeitsverbot seit 1877

Die Einführung dieser obligatorischen Mutterschaftsversicherung, die am 1. Juli 2005 in Kraft trat, schloss eine bedeutende Lücke im Schweizer Sozialsystem. Seit 1877 ist es Wöchnerinnen verboten, in den ersten acht Wochen nach der Entbindung zu arbeiten. Dieses Verbot gilt bis heute und ist im eidgenössischen Arbeitsgesetz geregelt. Damals zeigte sich die Schweiz sehr fortschrittlich und war das erste Land Europas, das den Schutz der Wöchnerinnen regelte.

Seit 2005 haben alle erwerbstätigen oder arbeitslosen Frauen in der Schweiz Anspruch auf einen bezahlten Urlaub von 14 Wochen (oder 98 Tagen) bei der Geburt ihrer Kinder. Die Mutterschaftsentschädigung (Erwerbsersatzordnung EO) beträgt 80% des Lohnes, höchstens jedoch 196 Franken pro Tag. Der Höchstbetrag wird somit bei Angestellten mit einem Monatslohn von 7’350 Franken und bei Selbstständigen mit einem Jahreseinkommen von 88’200 Franken erreicht. Ausführliche Informationen zur Mutterschaft und zum Anspruch sind auf der regelmässig aktualisierten Website www.infomutterschaft.ch von Travail.Suisse zu finden.

Nebenbei sei angemerkt, dass die Arbeitnehmerinnen aufgrund des Erwerbsersatzgesetzes von 1940 bis 2005 Beiträge entrichteten, ohne dafür eine Leistung dafür beziehen zu können.

Positive Auswirkungen des eidgenössischen Mutterschaftsurlaubs

Anlässlich dieses Jubiläums ist es angebracht, daran zu erinnern, was die Einführung des Mutterschaftsurlaubs an Positivem bewirkt hat: Der Mutterschaftsurlaub verringerte die Diskriminierung, unter der junge Frauen bei der Einstellung zum Teil stark zu leiden hatten. Sie wurden mit Kosten in Verbindung gebracht, die ausschliesslich zu Lasten der Unternehmen gingen. Die Diskriminierung wegen Mutterschaft ist damit noch längst nicht ganz vom Tisch, wurde aber massiv abgefedert. Die Diskriminierung an sich ist sehr schwer zu fassen und grundsätzlich seit Inkrafttreten des Bundesgesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann gesetzeswidrig. 1

Der eidgenössische Mutterschaftsurlaub ermöglichte zudem eine Vereinheitlichung der Praktiken, auch wenn vor 2005 bereits 41% der Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen einen Mutterschaftsurlaub anboten. Dazu gehörten zahlreiche Grossunternehmen und die öffentliche Verwaltung, wie eine Erhebung des Bundesamtes für Sozialversicherungen BSV im Jahr 2012 ergab. Befragt wurden über 400 Unternehmen und 335 Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahren, die in den letzten fünf Jahren erwerbstätig waren und in dieser Zeit Kinder geboren hatten 2 . Drei Viertel der vom BSV befragten Unternehmen, die bereits vor 2005 eine Mutterschaftsentschädigung ausgerichtet hatten, die grosszügiger (länger oder höher) war als das Obligatorium, haben diese beibehalten, und nur ein Viertel hat die neue Regelung genutzt, um seine Leistungen auf das gesetzliche Minimum zu reduzieren. Von dieser Anpassung nach unten waren vor allem die typischen Männerbranchen (Industrie, Bau, Transport, Handel…) und die KMU mit hohem Frauenanteil (Gastgewerbe, Bäckereien) betroffen. Sektoren, die auf gut ausgebildete und qualifizierte Frauen angewiesen sind (Spitäler, Banken, Versicherungen usw.), bieten ihren weiblichen Arbeitskräften insgesamt bessere Leistungen.

Vierzehn Wochen Urlaub nach der Geburt des Kindes, das kann nach wenig oder viel tönen. 2012 gaben 60% der befragten Frauen an, einen längeren Mutterschaftsurlaub bezogen zu haben, wobei die Hälfte dies in Form eines unbezahlten Urlaubs tat. Das können sich aber nur Frauen mit mittlerem oder hohem Einkommen leisten. Nur 8% der Frauen bezogen einen kürzeren Urlaub. Als Grund wurde in vielen Fällen (40%) angegeben, dass die Verkürzung auf Wunsch des Arbeitgebers erfolgte, was besorgniserregend ist. Zu verkürzten Urlauben kam es auch mangels Rechtskenntnis (30%) und aus eigenem Willen der Arbeitnehmerin (25%).

Kein Vormutterschaftsurlaub, aber begründete Absenzen vor dem Geburtstermin

Der eidgenössische Mutterschaftsurlaub beginnt am Tag der Entbindung. Wenn die Gesundheit einer schwangeren Frau oder ihres ungeborenen Kindes beeinträchtigt ist, darf sie der Arbeit nur fernbleiben, wenn sie ihre Arbeitsunfähigkeit mittels Arztzeugnis nachweisen kann. Es gibt keine offiziellen Statistiken zur Zahl der schwangeren Frauen, die aus diesem Grund vor dem Geburtstermin kürzer treten, wie der Bundesrat in seiner Antwort vom vergangenen 20. Mai auf die Interpellation der Sozialdemokratin Liliane Maury-Pasquier 3 zugibt. In der Schweiz besteht kein Anspruch auf einen Vormutterschaftsurlaub. In der Praxis schätzen die vom Magazin L’Hebdo 4 befragten Gynäkologinnen und Gynäkologen jedoch, dass 90% ihrer Patientinnen bereits vor dem Geburtstermin zu arbeiten aufhören.

Die Ärztinnen und Ärzte werden verdächtigt, Gefälligkeitszeugnisse auszustellen, aber das ist ein heikles Thema, denn die Entbindung ist eine grosse körperliche Belastung. Es liegt somit im Interesse aller, dass die schwangeren Frauen nicht in einem Zustand völliger Erschöpfung gebären müssen, damit die Geburt möglichst reibungslos verläuft. In der Schweiz haben Ärztinnen und Ärzte gemäss der Verordnung über die Unfallverhütung VUV und der Mutterschutzverordnung das Recht, eine Risikobeurteilung von Unternehmen mit beschwerlichen oder gefährlichen Arbeitsplätzen zu verlangen. Fehlt diese Beurteilung, hat der Arzt oder die Ärztin das Recht, ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis auszustellen.

Manche Länder haben das Problem gelöst, indem sie einen Vormutterschaftsurlaub gewähren, bei dessen Bezug sich mancherorts der Mutterschaftsurlaub entsprechend verkürzt (dieser ist jedoch in der Regel in anderen europäischen Ländern länger als in der Schweiz). Eine andere Lösung besteht darin, dass bei nicht beanspruchtem Vormutterschaftsurlaub ein Teil davon an den Mutterschaftsurlaub angehängt wird. Diesen Ansatz sollte man vielleicht weiterverfolgen, denn zahlreiche Stimmen fordern eine Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs, der als zu kurz erachtet wird.

Künftige Herausforderungen

Die Schwierigkeit besteht darin, eine angemessene Formel für einen Urlaub vor und nach der Geburt zu finden, die der heutigen Scheinheiligkeit ein Ende setzt, gesunde, belastbare Frauen dazu ermutigt, bis zum Ende ihrer Schwangerschaft zu arbeiten, und Frauen nicht benachteiligt, die der Arbeit für längere Zeit fernbleiben müssen. Der Mutterschaftsurlaub ist ein wichtiges Teilchen eines komplexen Puzzles, das etwas angepasst werden muss.

Das ist eine neue Herausforderung, die wir annehmen müssen und die Teil einer umfassenderen Debatte sein muss, bei der es um Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, Aufgabenteilung und Gleichstellung in der Paarbeziehung, Vaterschaftsurlaub und Elternurlaub geht.

Nun sind die Väter an der Reihe!

In einer Zeit, in der die im Rahmen des Militärdienstes ausgerichteten EO-Entschädigungen ständig abnehmen, befinden sich die Männer immer mehr in einer ähnlichen Lage wie die Frauen vor 2005: Sie zahlen Beiträge an eine Versicherung, aus der sie immer weniger Leistungen beziehen. Die EO ist ohne Systemänderung in der Lage, den Vätern einen Urlaub nach der Geburt ihrer Kinder zu finanzieren. Dieser könnte sogar noch grosszügiger sein als die Vorlage, die im Parlament auf dem Tisch liegt. Demnächst wird das Parlament nämlich die historische Gelegenheit haben, einen Vaterschafsurlaub einzuführen, der diesen Namen verdient, wenn die Motion des Christdemokraten Martin Candinas 5 für einen bezahlten Vaterschaftsurlaub von 10 Tagen von der mit der Prüfung des Vorschlags beauftragten Kommission des Ständerates gutgeheissen wird. Voraussichtlich steht das Geschäft am kommenden 1. September an.

In der Zwischenzeit sind Väter (und Mütter) eingeladen, auf der Website www.papizeit.ch, einer Initiative von Travail.Suisse in Zusammenarbeit mit Pro Familia Schweiz, Männer.ch, Avanti Papi und Operation Libero, ein Zeichen für die Väter zu setzen – und bei der Kinderwagen-Rallye am 30. August in Bern mitzumachen! Weitere Infos für die Rallye finden Sie unter www.kinderwagen-rallye.ch.


1 Die von Travail.Suisse eingerichtete Website www.mamagenda.ch ermöglicht Arbeitnehmerinnen und ihrem Arbeitgeber, Schwangerschaft und Absenzen in einem konstruktiven Dialog optimal zu organisieren, um Konfliktsituationen zu vermeiden, die zu einer Diskriminierung der Frauen am Arbeitsplatz führen könnten.
2 «Sieben Jahre Mutterschaftsentschädigung – eine erste Wirkungsanalyse», Katharina Schubarth, Bundesamt für Sozialversicherungen, in Soziale Sicherheit CHSS 5/12, S. 305-309.
http://www.bsv.admin.ch/dokumentation/publikationen/00096/03158/03222/index.html?lang=de
3 Interpellation 15.3154 Maury Pasquier «Unterbrechung der Berufstätigkeit vor dem Geburtstermin» http://www.parlament.ch/d/suche/Seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20153154
4 « Santé : femmes enceintes, au boulot ! », Marie Maurisse, L’Hebdo, 19. März 2015 http://www.hebdo.ch/hebdo/cadrages/detail/sant%C3%A9-femmes-enceintes-au-boulot
5 Motion 14.415 «Zwei Wochen über die EO bezahlten Vaterschaftsurlaub» http://www.parlament.ch/d/suche/Seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20140415

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23. Juni 2015, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Kinderwagen-Rallye für Vaterschaftsurlaub

Travail.Suisse ruft am 30. August zur ersten „Kinderwagen-Rallye für Vaterschaftsurlaub“ (www.kinderwagen-rallye.ch) in Bern auf. Der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden fordert seit gut zehn Jahren einen bezahlten Vaterschaftsurlaub. Voraussichtlich am 1. September wird die zuständige Ständeratskommission darüber entscheiden, ob endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden und ob mit einem zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ein absolutes Minimum beschlossen wird. mehr

Informationen zur Kinderwagen-Rallye: www.kinderwagen-rallye.ch

Aktuell ist im Parlament ein Vorstoss für 2 Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub hängig. „Diese zwei Wochen sind das absolute Minimum, das frisch gebackenen Vätern jetzt endlich zustehen muss“, sagt Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik von Travail.Suisse. Der Vorstoss wurde kürzlich von der zuständigen Nationalratskommission befürwortet. Nun muss auch die Ständeratskommission am 1. September zustimmen.

Travail.Suisse ruft Familien auf, am Sonntag, 30. August, nach Bern zur ersten „Kinderwagen-Rallye für Vaterschaftsurlaub“ zu reisen und dem längst fälligen Anliegen mit einer bunten und fröhlichen Aktion noch mehr Gehör zu verschaffen.

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Die zum Vätertag vom 7. Juni lancierte Plattform www.papizeit.ch ist ein grosser Erfolg. Viele Väter bezeugen mit Foto und Statement, weshalb es einen Vaterschaftsurlaub braucht, der diesen Namen auch verdient. Heute bekommt ein frisch gebackener Vater in der Schweiz vom Gesetz gleich viel bezahlte freie Zeit, wie bei einem Wohnungswechsel: Einen Tag! So geht es nicht weiter.

Für mehr Informationen:
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Travail.Suisse, 079 777 24 69
www.kinderwagen-rallye.ch

12. Juni 2015, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

Vaterschaftsurlaub: Es braucht einen gesetzlichen Schub

Die gute Nachricht ist: Immer mehr Unternehmen führen einen Vaterschaftsurlaub ein. Die schlechte: Es sind fast ausschliesslich Grossbetriebe, die einen nennenswerten, bezahlten Vaterschaftsurlaub anbieten. Ein Grossteil der frischgebackenen Väter muss sich mit dem Minimum von ein bis zwei Tagen Urlaub zufrieden geben – das reicht häufig gerade mal für die Geburt. Es braucht deshalb gesetzlichen Schub und eine Lösung über die Erwerbsersatzordung, damit alle Väter in der Schweiz von Anfang an ihre Verantwortung wahrnehmen können. mehr

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Heute wird die Vaterschaft in der Schweiz vom Gesetz so behandelt wie ein Wohnungsumzug: Dem werdenden Vater steht nach der Geburt im Rahmen der „üblichen freien Tage“ gemäss Obligationenrecht (OR, 329 Abs. 3) ein freier Arbeitstag zu. Gleichzeitig wird von den heutigen Vätern richtigerweise gefordert, dass sie sich verstärkt ins Familienleben einbringen. Für die meisten Väter ist das ohnehin klar: Sie wollen von Anfang an Verantwortung übernehmen. Das geht aber nur, wenn die zeitlichen Freiräume vorhanden sind. Gerne wird darauf verwiesen, die Sozialpartner seien ja frei, weitergehende Bestimmungen zu treffen. Den Vätern werde de facto schon mehr Urlaub gewährt als gesetzlich vorgeschrieben. Nachdem Travail.Suisse in den vergangenen Jahren die Bedingungen bei den öffentlichen Arbeitgebern analysiert hat, untersuchte der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden dieses Jahr, wie es um den Vaterschaftsurlaub in der Privatwirtschaft wirklich steht. Dazu wurden die wichtigsten Gesamtarbeitsverträge (GAV) in verschiedenen Branchen hinsichtlich des Vaterschaftsurlaubs unter die Lupe genommen. 1

Mehrheit mit dem gesetzlichen Minimum

Das Fazit ist ernüchternd: Es ist noch immer die Ausnahme, dass ein Arbeitgeber den angestellten Männern einen Vaterschaftsurlaub gewährt, der diesen Namen auch verdient. Unsere Analyse zeigt, dass zwei Drittel der untersuchten GAV den frisch gebackenen Vätern nur einen oder zwei Tage Vaterschaftsurlaub gewähren. Über die Hälfte der von der Untersuchung betroffenen Arbeitnehmenden arbeitet gar unter einem GAV, der nur einen freien Tag gewährt. Es ist bezeichnend, dass man bereits mit fünf freien Tagen zur Spitze der Branchen-Verträge zählt (siehe Factsheet). So etwa in der MEM-Industrie, bei den Banken und in der Uhren- und Mikrotechnik. Absolute „Flop Branchen“ sind gerade auch Branchen, wo es viele werdende Väter haben dürfte, wie etwa das Bauhauptgewerbe. Auch das Gastgewerbe oder der Personalverleih haben grosse GAV, die nur das absolute Minimum bieten.

Nur die Grossen gewähren einen Vaterschaftsurlaub

Zwar gibt es löbliche Beispiele von Firmen, welche die Zeichen der Zeit erkannt haben. Abgesehen von ein paar innovativen KMU (z.B. Mobility) beschränkt sich dies jedoch auf Grossfirmen. Davon bieten einzelne auf freiwilliger Basis 10 bis 15 Tage Vaterschaftsurlaub an. Mehr grosse Firmen bieten fünf Tage Vaterschaftsurlaub. Diese Resultate sind vergleichbar mit denjenigen der öffentlichen Arbeitgeber, die Travail.Suisse letztes Jahr erhoben hat (siehe Factsheet). Die Schere öffnet sich also nicht zwischen privaten und öffentlichen Arbeitgebern, sondern zwischen Grossen und Kleinen. Das ist kein Zufall: Grössere Betriebe können auf Grund ihrer Möglichkeiten grosszügiger sein. Dieser Gap zwischen Grossbetrieben und kleineren Unternehmen ist aber weder zeitgemäss noch gerecht. Es darf nicht davon abhängen, wo ein Vater arbeitet, ob er Urlaub bekommt oder nicht.

Es braucht gesetzlichen Schub und eine Sozialversicherungslösung

Travail.Suisse fordert einen gesetzlichen und bezahlten Vaterschaftsurlaub von 20 Arbeitstagen. Damit gleich lange Spiesse für alle geschaffen werden, braucht es eine solidarisch von allen getragene Sozialversicherungslösung. Travail.Suisse schlägt seit Längerem eine Lösung über die Erwerbsersatzordnung (EO) vor. Wie beim Mutterschaftsurlaub soll eine Lohnersatzquote von 80 Prozent gelten. Die Leistungen können auch in Einzeltagen und somit dann, wenn sie gebraucht werden, bezogen werden. Finanziert wird die EO wie die AHV über Lohnbeiträge und damit solidarisch von den Arbeitgebern und Arbeitnehmenden. Die für die Unternehmen entstehenden Kosten sind moderat und auch unabhängig davon, ob es viele Väter in der eigenen Belegschaft gibt. Es bestehen somit für alle Väter, aber auch für alle Unternehmen die gleichen Möglichkeiten. Mit dem Weg über die EO wird ein Vaterschaftsurlaub auch für KMU und ihre Angestellten sowie für Selbständigerwerbende möglich.

Ein kleiner Schritt für die EO, ein grosser für die Väter

Bei der EO handelt sich um ein bewährtes System. Und vor allem um eine bezahlbare Lösung. Ein Vaterschaftsurlaub von 20 Arbeitstagen, wie ihn Travail.Suisse fordert, kostet gemäss Bundesrat rund 380 Mio. Franken. Das entspricht einem Lohnbeitrag von rund 0.1 Prozent. Dieser Beitrag wird hälftig zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgeber aufgeteilt. Die finanziellen Perspektiven der EO sehen gut aus: 2014 hat sie einen Überschuss von 170 Mio. Franken erzielt. Gemäss einem Bericht des Bundesrates 2 steigen die Überschüsse bis 2035 auf über 550 Mio. Franken an. Damit könnte mittelfristig der Vaterschaftsurlaub gar aus diesen Überschüssen und ohne Beitragserhöhung finanziert werden. Die Szenarien der EO reflektieren die Entwicklung bei den Militärdiensttagen, die rückläufig sind. Weil die EO weniger Geld für Militärdienstleistende auszahlen muss, ist der Vaterschaftsurlaub grösstenteils schon finanziert. Die gute Situation bei der EO dürfte dazu beigetragen haben, dass die Lösung eines über die EO finanzierten Vaterschaftsurlaubs auch von der in der Sozialkommission des Nationalrats angenommenen parlamentarischen Initiative Candinas (2 Wochen Vaterschaftsurlaub) aufgenommen wurde.

Eine lohnende Investition

Heute stehen wir vor der Chance, eine zukunftsweisende Familienleistung praktisch ohne zusätzliche Einnahmequellen einführen zu können. Diese Chance muss gepackt werden, denn der Nutzen für die Gesellschaft ist vielschichtig: Väter und Mütter können gemeinsam Verantwortung tragen, eine Beziehung zum Neugeborenen aufbauen und sich um allfällige Geschwister kümmern. Wenn Väter sich ab Geburt einbringen, trägt dies auch später viel zu tragfähigen Familienbeziehungen bei. Spüren Mütter die Entlastung durch den Partner, sind sie eher bereit, nach der Babyphase wieder ins Erwerbsleben einzusteigen. Der Vaterschaftsurlaub ist damit ein wichtiges Element einer zeitgemässen Familienpolitik. Es ist in Zeiten von demografischer Alterung und Fachkräftemangel sowohl wirtschafts- wie gesellschaftspolitisch bedeutsam, dass die Rahmenbedingungen für Familien stimmen. Den Preis, den wir ansonsten zahlen wird viel grösser als die genannten Investitionen in einen Vaterschaftsurlaub sein: Gut ausgebildete Frauen, die als Mütter nicht mehr arbeiten oder überhaupt auf Kinder verzichten. Beides ist in einer alternden Gesellschaft nicht wünschenswert.

Unverständlich und jenseits von Gut und Böse deshalb, dass sich der Arbeitgeberverband, der sich bei jeder Gelegenheit über die Demografie Sorgen macht und auf dem Arbeitsmarkt auf die Mütter setzen will vehement gegen einen Vaterschaftsurlaub wehrt.

Wie geht es politisch weiter?

Die Sozialkommission des Nationalrats hat sich vor einem Monat erstmals für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ausgesprochen. Nach jahrelanger Überzeugungsarbeit bewegt sich etwas im Parlament. Vor allem für Vertreter/innen jüngerer Generationen gehört ein Vaterschaftsurlaub einfach dazu. Auch wenn die vorgeschlagenen zwei Wochen äusserst bescheiden sind, unterstützt Travail.Suisse diesen ersten konkreten Schritt. Der Ansatz über die EO ist richtig. Im Spätsommer wird sich die Ständeratskommission dazu äussern. Travail.Suisse wird sich mit aller Vehemenz dafür einsetzen, dass auch diese Hürde genommen wird. Wir erwarten von der Familienpartei CVP, dass sie diesem Vorstoss aus den eigenen Reihen zum Durchbruch verhilft, auch wenn deren Exponenten im Ständerat nicht mehr zur jungen Garde gehören.

Weil unsere Kinder es uns wert sind

Letztlich geht es um einen Grundsatzentscheid: Wer unter diesen Umständen einen Vaterschaftsurlaub mit finanziellen oder arbeitsorganisatorischen Argumenten bekämpft, ist letztlich nicht ganz ehrlich oder denkt viel zu kurzfristig. Es geht nicht darum, ob wir uns einen Vaterschaftsurlaub leisten können, sondern was uns ein guter Start ins Familienleben, die Wertschätzung der Väter sowie eine gegenseitige partnerschaftliche Unterstützung wert sind. Letztlich ist es nicht eine Frage von Franken und Rappen, ob in der Schweiz endlich ein gesetzlicher Vaterschaftsurlaub eingeführt wird, sondern des politischen Willens. Für Travail.Suisse ist die Zeit für einen Vaterschaftsurlaub mehr als reif.


www.papizeit.ch

Zum Vätertag vom 7. Juni hat Travail.Suisse in Zusammenarbeit mit weiteren Organisationen die Plattform www.papizeit.ch lanciert. Väter und andere Familienmitglieder zeigen dort mit Foto und Statement, wieso es einen gesetzlichen und bezahlten Vaterschaftsurlaub braucht.

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Zur Medienmitteilung: http://www.travailsuisse.ch/medien/medienmitteilungen


1 Die untersuchten GAV decken rund drei Viertel der insgesamt einem GAV unterstellten Arbeitnehmenden ab.
2 Bericht des Bundesrates vom November 2013. Gesamtsicht über die Finanzierungsperspektiven der Sozialversiche-rungen bis 2035.

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15 06 08 Vaterschaftsurlaub www-papizeit-ch d.docx 537 KB

08. Juni 2015, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

Vater zu werden muss besser behandelt werden als ein Umzug

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, untersucht seit Jahren die Praxis von privaten und öffentlichen Unternehmen bezüglich Vaterschaftsurlaub. Der diesjährige Schwerpunkt liegt auf der Analyse von 46 Gesamtarbeitsverträgen, denen insgesamt rund 1,5 Millionen Arbeitnehmende unterstellt sind. Das Fazit ist ernüchternd: Es ist noch immer die Ausnahme, dass ein Arbeitgeber den angestellten Männern einen Vaterschaftsurlaub gewährt, der diesen Namen auch verdient – über die Hälfte der von der Untersuchung betroffenen Arbeitnehmenden arbeitet gar unter einem GAV, der nur einen freien Tag gewährt. mehr

Heute bekommt ein frisch gebackener Vater in der Schweiz vom Gesetz gleich viel bezahlte freie Zeit, wie bei einem Wohnungswechsel: Einen Tag. Dass dies nicht mehr zeitgemäss ist, belegen unzählige Umfragen ebenso wie die verstärkte Akzeptanz in der Bundespolitik. Es ist höchste Zeit für einen gesetzlich geregelten Vaterschaftsurlaub.

Ernüchterung auch bei Gesamtarbeitsverträgen

Gerne verweisen Wirtschaft und Politik darauf, dass die Sozialpartner ja frei seien, weitergehende Bestimmungen zu treffen. Den Vätern werde de facto schon mehr Urlaub gewährt, als gesetzlich vorgeschrieben. Nachdem Travail.Suisse in den vergangenen Jahren die Bedingungen bei den öffentlichen Arbeitgebern analysiert hat, nahm der Dachverband dieses Jahr den Vaterschaftsurlaub in der Privatwirtschaft unter die Lupe. Dafür wurden die wichtigsten 46 Gesamtarbeitsverträge (GAV) mit rund 1,5 Millionen Angestellten untersucht. Das Resultat ist mehr als ernüchternd: Über die Hälfte der von der Untersuchung betroffenen Arbeitnehmenden arbeitet gar unter einem GAV, der nur einen freien Tag gewährt. Es ist bezeichnend, dass Väter mit fünf Tagen Urlaub bereits zu den absoluten „Gewinnern“ gehören – mehr als diese fünf Tage gewährleisten fast ausschliesslich Grossfirmen.

Gross oder klein macht den Unterschied

Die Schere öffnet sich nicht zwischen privaten und öffentlichen Arbeitgebern, wie die Anlyse von Travail.Suisse aufzeigt, sondern zwischen Gross- und Kleinunternehmen. Das ist kein Zufall: Grössere Betriebe haben mehr finanzielle Möglichkeiten als Kleinbetriebe. Doch ein bezahlter Vaterschaftsurlaub darf nicht davon abhängen, wo ein Vater arbeitet. „Genau deshalb setzen wir uns seit Jahren für einen bezahlten und flexibel einziehbaren 20-tägigen Vaterschaftsurlaub ein“, sagt Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Travail.Suisse. Und: „Die 20 Tage sind zwar nicht gratis zu haben, aber aus den Überschüssen der EO finanzierbar.“ Gemäss Bundesrat 1 kostet ein vierwöchiger Vaterschaftsurlaub (=28 Taggelder) rund 384 Mio. CHF. Aus der finanziellen Situation der EO und deren mittelfristigen Perspektiven zeigt sich, dass auf Grund der Einführung eines vierwöchigen Vaterschaftsurlaubs mit keiner bzw. einer minimen Erhöhung der EO-Beiträge gerechnet werden muss: Erstens schreibt die EO bereits heute Überschüsse und zweitens ist die Anzahl Diensttage im Militär stark rückläufig. „Vorausgesetzt die Beiträge bleiben bei 0.5 Lohnprozenten und die Einnahmen, Ausgaben und Anlageergebnisse entwickeln sich gemäss den Perspektiven des Bundesrats, kann der Vaterschaftsurlaub von 20 Arbeitstagen praktisch ohne Beitragserhöhung finanziert werden,“ sagt Kuert Killer.

Jetzt ist das Parlament gefordert

Im Parlament sind verschiedene Vorstösse hängig, die den Vaterschaftsurlaub zum Thema haben. Travail.Suisse wird sich weiterhin mit viel Überzeugungsarbeit auch auf parlamentarischer Ebene dafür einsetzen, dass der Vaterschaftsurlaub Realität wird. Es handelt sich dabei nicht um eine ideologische, sondern um eine praktische Frage. Einen Vaterschaftsurlaub haben sich die heutigen Väter verdient, denn es braucht sie – heute und nicht erst morgen.

Mehr Informationen:
• Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Travail.Suisse, 079 777 24 69
• Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Travail.Suisse, 079 598 06 37

Modell Travail.Suisse:
Vaterschaftsurlaub mit positiven Auswirkungen für Familien und Wirtschaft

Der Vaterschaftsurlaub von 20 Arbeitstagen soll gemäss Travail.Suisse analog dem Mutterschaftsurlaub über die EO bei einer Lohn-Ersatzquote von 80 Prozent finanziert werden. Er wird auf ein Jahr nach der Geburt beschränkt und kann in einzelnen Tagen bezogen werden. So wäre es etwa möglich, 20 Wochen lang das Arbeitspensum um 20% zu reduzieren, was den Beginn einer Teilzeiterwerbstätigkeit des Vaters darstellen kann. Mit diesem Modell haben sowohl die Väter wie auch die Betriebe die Möglichkeit, Teilzeitarbeit über mehrere Monate hinweg zu testen und bei guten Erfahrungen definitiv auf Teilzeitarbeit umzustellen.

=> Mehr Informationen zur Finanzierung siehe Beiblatt „Finanzierung“


1 http://www.bsv.admin.ch/index.html?webcode=d_11095_de

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2015 05 18 TravailSuisse Factsheet Vaterschaftsurlaub-GAV d.pdf 123 KB

2015 05 18 MK TravailSuisse Vaterschaftsurlaub Redetext M-Kuert-Killer d.docx 21 KB

2015 05 18 MK TravailSuisse Vaterschaftsurlaub Redetext Valerie-Borioli d.docx 111 KB

2015 05 18 MK TravailSuisse Vaterschaftsurlaub Kostenbeiblatt-2015 d.docx 20 KB

2015 05 18 TravailSuisse Vaterschaftsurlaub Datenblatt-GAV d.pdf 123 KB

18. Mai 2015, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik und Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Jetzt ist es Zeit für einen Vaterschaftsurlaub!

Morgen hat die Sozialkommission des Nationalrates (SGK-N) die Gelegenheit, einen konkreten Fortschritt für die Familien zu erzielen. Sie berät die parlamentarische Initiative von Nationalrat Martin Candinas zum Vaterschaftsurlaub. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, fordert die Mitglieder der Sozialkommission auf, sich für diesen zweiwöchigen, bezahlten Vaterschaftsurlaub einzusetzen. Es ist höchste Zeit, diesen Schritt zu tun und den frischgebackenen Eltern einen gemeinsamen Familienstart zu ermöglichen. mehr

Ein frischgebackener Vater hat heute von Gesetzes wegen Anrecht auf eine Kurzabsenz von ein bis zwei Tagen. Das ist alles andere als zeitgemäss. Heutige Väter wollen sich von Anfang an ins Familienleben einbringen. Das ist auch notwendig, denn die erste Zeit nach einer Geburt ist anforderungsreich – vor allem, wenn noch ältere Geschwister da sind. Travail.Suisse macht sich deshalb seit langem für einen Vaterschaftsurlaub stark und fordert einen über die Erwerbsersatzordnung EO bezahlten Vaterschaftsurlaub von 20 Arbeitstagen.

Sozialkommission ist jetzt gefordert

Auch wenn die parlamentarische Initiative Candinas „Zwei Wochen über EO bezahlten Vaterschaftsurlaub“ nur ein Minimum an gemeinsamer Familienzeit fordert, ist sie dennoch ein wichtiger konkreter Fortschritt für die Familien. Der Bundesrat veranschlagt in seinem Bericht von 2013 die Kosten für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub auf rund 380 Mio. Franken – zwei Wochen, wie von Candinas gefordert, würden dementsprechend rund 190 Mio. Franken kosten. Die EO kann diese zusätzliche Leistung gut verkraften. Ende März wurden die neuesten Zahlen präsentiert. „Die Zahlen zeigen, dass sich die Überschüsse der EO schon heute in der Grössenordnung der Kosten eines zweiwöchigen Vaterschaftsurlaubs bewegen“, sagt Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik bei Travail.Suisse, „damit ist die EO stabil unterwegs – für die Zukunft geht der Bundesrat sogar von einer deutlich besseren Entwicklung aus.“ Bis jetzt hat es das Parlament verpasst, auf einen Vaterschaftsurlaub einzutreten. In der Tendenz zeigt sich aber eine steigende Zustimmung. Mit neuen Generationen kommt auch im Parlament etwas in Bewegung. Travail.Suisse fordert die Mitglieder der SGK-N dazu auf, diesen konkreten Schritt in die richtige Richtung zu unterstützen.

→ Die Medienkonferenz von Travail.Suisse zum Thema findet am Donnerstag, 18. Mai 2015, in Bern statt.

Mehr Informationen:
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Travail.Suisse, Tel. 079 777 24 69

((Box))
Vorteile des gesetzlichen Vaterschaftsurlaubs auch für KMU
Heute liegt es im Ermessen der Arbeitgeber, ob sie ihren Angestellten einen Vaterschaftsurlaub gewähren. Grössere Betriebe können hier auf Grund ihrer Möglichkeiten grosszügiger sein, sie gewähren heute zum Teil schon 10 Tage bis 20 Tage Vaterschaftsurlaub auf eigene Kosten. Mit einer Lösung über die EO finanzieren alle Erwerbstätigen und Arbeitgeber solidarisch den Vaterschaftsurlaub, so dass dieser auch für KMU-Betriebe und ihre Angestellten möglich wird. Das bedeutet gleich lange Spiesse für alle.

14. April 2015, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

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