Themen – Familie – Pflegende Angehörige

Erste nationale Plattform für pflegende und betreuende Angehörige

In Zukunft werden immer mehr ältere Menschen auf Betreuung und Pflege angewiesen sein. Viele von ihnen möchten möglichst lange zu Hause bleiben. Um das zu ermöglichen, bieten ihnen Angehörige oft ihre Hilfe an – zum Teil obwohl sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

Die Website www.info-workcare.ch von Travail.Suisse stärkt die generationenübergreifende Hilfe innerhalb der Familien. Sie bietet kostenlose Informationen, Ratschläge, Tools und nützliche Adressen für alle erwerbstätigen pflegenden Angehörigen.

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Veranstaltung zum Tag der Angehörigenpflege

Am Montag, 30. Oktober 2017, findet in Zürich die Impulsveranstaltung “Berufstätig sein und Angehörige betreuen” statt. Im Fokus steht die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Betreuungsarbeit. Denn die Unterstützung von kranken, behinderten oder hochaltrigen Angehörigen ist eine Herausforderung – für den einzelnen Menschen, für die Gesellschaft und für die Wirtschaft.

Die Impulsveranstaltung soll die aktuelle Situation sichtbar machen, den Dialog zwischen Angestellten, Arbeitgebern und der öffentlichen Hand fördern, aber auch Erfolgsmodelle und Stolpersteine thematisieren.

» Mehr zur Veranstaltung vom 30. Oktober finden Sie hier


Pflegende Angehörige – heutigen und künftigen Bedürfnissen gerecht werden

Kurz vor den Sommerferien wurde der Gesetzesentwurf, der endlich Unterstützung für berufstätige und pflegende Angehörige bringen soll, in die Vernehmlassung geschickt. Diese Gesetzesvorlage umfasst drei Massnahmen, um die meisten Notsituationen zu regeln. Doch die pflegenden Angehörigen haben viele Bedürfnisse. Die alltäglichsten Situationen, in denen regelmässige Hilfe und Unterstützung geleistet wird, werden vom Entwurf nicht abgedeckt. Es sind also weitere Massnahmen in verschiedenen Bereichen notwendig. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, fordert den Gesetzgeber auf, diesen ersten Entwurf zu ergänzen. Nur so kann die Schweiz weiterhin von den enormen sozialen Beiträgen profitieren, welche die gegenseitige Hilfe innerhalb und ausserhalb des Familienkreises bringt. mehr

Die drei Massnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Care-Arbeit, die im Gesetzesentwurf enthalten sind, der sich noch bis November in der Vernehmlassung befindet, wurden in einer früheren Medienmitteilung bereits ausgeführt1. Da diese Massnahmen notwendig sind, akzeptiert Travail.Suisse sie natürlich. Allerdings müssten sie ergänzt und zum Teil präzisiert werden. Dieses kleine Massnahmenpaket müsste zudem durch weitere, ebenso notwendige Massnahmen vervollständigt werden.

Die Herausforderung ist riesig und akut

Bereits Anfang Jahr2 haben wir erwähnt, dass Not- und Ausnahmesituationen wie schwere Erkrankungen, Unfälle und sämtliche Notfälle, die sich unerwartet ereignen und die das Eingreifen und die Anwesenheit der Arbeitnehmenden bedingen, geregelt werden müssen. Doch genau für diese Situationen haben die Arbeitgeber am häufigsten Verständnis zeigen und bieten sie Hand für Lösungen. Unsere politischen Vertreter haben zudem die Aufgabe, innovative Massnahmen hinsichtlich der regelmässigen und langfristigen Care-Arbeit zu finden.

Denn die Herausforderung ist da und sie ist enorm. Wegen der alternden Bevölkerung wird auch die Anzahl der pflegenden Angehörigen zunehmen. Die Anzahl berufstätiger Personen (zwischen 15 und 64 Jahren), die mindestens eine Care-Aufgabe wahrnehmen, wird auf 1,9 Millionen geschätzt. Gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung 20143 organisieren sich über die Hälfte der insgesamt über 4 Millionen Erwerbstätigen mit Betreuungsaufgaben (56 %) so, dass sie aus familiären Gründen ganze Tage freinehmen können. In der Schweiz sind täglich fast 340 000 Personen mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert – eine Zahl, die wegen der alternden Bevölkerung, der zunehmenden Anzahl Einpersonenhaushalte und mangelnder Betreuungseinrichtungen steigen wird. Gleichzeitig herrscht in der Wirtschaft Fachkräftemangel. Doch 11 Prozent der Personen, die Betreuungsaufgaben für Erwachsene übernehmen, gaben an, ihre Arbeitszeit für mindestens einen Monat reduziert zu haben, und 7 Prozent haben ihre Erwerbsarbeit für mehr als einen Monat ganz unterbrochen. Letztes Jahr haben 15 000 Personen (davon 87 % Frauen) ihre Berufstätigkeit aus persönlichen oder familiären Gründen gar ganz aufgegeben. Dabei sind die Pensionierten, die Angehörige pflegen, noch nicht einmal berücksichtigt. Denn diese Personen – mehrheitlich Frauen – befinden sich ausserhalb des Arbeitsmarktes, setzen ihre Gesundheit und ihr Gleichgewicht aufs Spiel, weil sie zu viel machen wollen.

Keine Spur von Betreuungsurlaub oder Betreuungszulagen

Der Nationalrat hat zwei parlamentarischen Initiativen der früheren CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz zum Thema pflegende Angehörige aus dem Jahr 2011 Folge gegeben4. Anschliessend wurde ein Postulat der SGK-NR 20135 ebenfalls im Plenum verabschiedet. Die Finanzierung eines Betreuungsurlaubs und von Betreuungszulagen für alle betreuenden Angehörigen wurde diskutiert. Doch diese Vorlagen sind im vorliegenden Entwurf leider keineswegs berücksichtigt worden. Für die Regierung ist die Arbeit also nicht getan: Sie hat ihre Aufgabe, den Bedürfnissen der pflegenden Angehörigen Rechnung zu tragen, nicht erfüllt.

Innovative Ideen und eine harmonisierte Politik sind gefragt

In seinem Positionspapier zur Gleichstellung6 nennt Travail.Suisse weitere Massnahmen, die zur Unterstützung der pflegenden Angehörigen beitragen könnten. Einige Massnahmen wurden dem Parlament bereits unterbreitet: Jacques-André Maire, Vizepräsident von Travail.Suisse und Nationalrat, will, dass die Freiwilligen, die langfristige Care-Arbeit in für direkte Care-Aufgaben anerkannten Organisationen leisten, mit einer Aufbesserung ihrer AHV-Rente für ihr Engagement «belohnt» werden7. In Bezug auf die zweite Säule hat Stefan Müller-Altermatt, Präsident von transfair und Nationalrat, ein Postulat eingereicht, das vom Bundesrat genehmigt und vom Nationalrat verabschiedet wurde. Es verlangt, dass der Staat den Arbeitnehmeranteil übernimmt, wenn pflegende Angehörige ihren Beschäftigungsgrad in einem bestimmten Rahmen reduzieren (um höchstens 20 %, Beschäftigungsgrad von mindestens 60 %)8.

In einer Studie, die als Meilenstein gewertet werden kann, wurden weitere Bedürfnisse bereits angekündigt9. Die Hilflosenentschädigung bei der AHV könnte etwa verdoppelt werden, wie das bei der Invalidenversicherung (IV) gemacht wird, wenn die Pflege zuhause erfolgt. Die Assistenzbeiträge der IV könnten auch den Angehörigen in der Familie entrichtet werden und nicht nur externen Dritten. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Pflege- und Betreuungsaufgaben, die in Vollzeit geleistet werden, zur Verlängerung der Rahmenfrist in der Arbeitslosenversicherung anzurechnen, wie dies für Erziehungsperioden ohne Erwerbstätigkeit bei der Erziehung und Betreuung von Kindern unter vier Jahren vorgesehen ist. Diese neue Bestimmung sollte auch zum Tragen kommen, wenn die betreffende Person ihren Beschäftigungsgrad reduziert, um sich um Angehörige zu kümmern.

Weiter wäre es sinnvoll, ein Recht auf Teilzeitarbeit für alle Angehörigen einzuführen, die Kinder oder Erwachsene betreuen. Diese Forderung stellt Travail.Suisse seit mehreren Jahren immer wieder. Denn es ist wichtig, dass berufstätige pflegende Angehörige ihre Erwerbstätigkeit beibehalten: Es geht um ihr persönliches Gleichgewicht und ihre künftige Rente, während die Unternehmen so qualifizierte und erfahrene Fachkräfte behalten können. Das Recht auf Teilzeitarbeit müsste jedoch beschränkt werden, ähnlich wie bei den geltenden Bestimmungen für das Personal der Bundesverwaltung (Reduktion um höchstens 20 %, sofern der Beschäftigungsgrad nicht unter eine gewisse Schwelle sinkt, damit der Zugang zu den Spargeldern der beruflichen Vorsorge bestehen bleibt, in der Regel nicht unter 60 %). Das Recht auf Teilzeitarbeit könnte zeitlich begrenzt werden, um eine Neubeurteilung der Situation der Arbeitnehmenden und eine entsprechende Anpassung des Pensums zu ermöglichen.

Finanzen und soziale Beiträge

Die Betreuung von Angehörigen dient der gesamten Gesellschaft. Gemäss dem Bundesamt für Statistik kostet eine Betreuung im Pflegeheim 8700 Franken im Monat (d. h. 9,5 Milliarden für die ganze Schweiz). Zwei Drittel davon werden den Bewohnerinnen und Bewohnern als Hotel- und Animationskosten belastet und sind von der Krankenversicherung und der Pflegekostenbeteiligung nicht gedeckt. Mit anderen Worten: Bleibt eine Person zuhause, bringt das dem Staat (und uns als Steuerzahlern) Einsparungen von 8000 bis 10 000 Franken pro Monat. Für Menschen, die sich die Kosten der Unterbringung ihrer hilfsbedürftigen Angehörigen in einer spezialisierten Einrichtung nicht leisten können, ist die Betreuung zuhause die einzige Lösung. Sie werden so zu pflegenden Angehörigen und müssen diese schwere Aufgabe auf sich nehmen.

Neulich wurden die Zahlen der an Alzheimer erkrankten Personen von der Presse in Erinnerung gerufen10. Ein grosser Teil der auf 9,5 Milliarden Franken geschätzten Kosten (43,5 %) wird von den Angehörigen übernommen: Das entspricht 4,2 Milliarden Franken, während sich die direkten Kosten für Pflegeheime, Spitäler, Hauspflegedienste usw. auf 5,3 Milliarden Franken belaufen. Es ist ausserdem bekannt, dass sich die Zahl der Betroffenen – 150 000 im Jahr 2018 – bis 2030 verdoppeln könnte.

Allerdings wäre es etwas simpel, die Thematik nur unter finanziellen Gesichtspunkten zu betrachten. In erster Linie ist es eine Frage der Menschlichkeit, dieses freiwillige Engagement zwischen Menschen zu fördern und zu unterstützen. Die sozialen Beiträge können zwar nicht beziffert werden, doch lässt sich leicht erfassen, was eine Gesellschaft ohne gegenseitige Hilfe verlieren würde. Daher darf eine Politik zugunsten der pflegenden Angehörigen auf jeden Fall einige Prozentpunkte unseres üppigen BIP kosten.


1 Valérie Borioli Sandoz, «Pflegende Angehörige – drei Massnahmen und noch mehr Bedürfnisse», Medienservice, 20. August 2018
2 Valérie Borioli Sandoz, « Es braucht bezahlte Urlaube für die Betreuung von Angehörigen », Medienservice, 6. Februar 2018.
3 BFS, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung: «"Vereinbarkeit von Beruf und Familie": https://www.bfs.admin.ch/bfsstatic/dam/assets/349762/master», Neuenburg, Oktober 2014
4 Lucrezia Meier-Schatz, «Betreuungszulage für pflegende Angehörige», parlamentarische Initiative 11.411; «Rahmenbedingungen für die Entlastung von pflegenden Angehörigen», parlamentarische Initiative 11.412.
5 SGK-NR «Betreuungszulagen und Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige», Postulat 13.3366
6 Valérie Borioli Sandoz, « Gleichstellung von Frau und Mann heute und morgen. 28 Forderungen für mehr Wahlfreiheit und zur Gewährleistung der Lebensqualität von Arbeitnehmenden », Travail.Suisse, Bern, April 2018.
7 Jacques-André Maire, «Anerkennung und Gutschriften für Freiwilligenarbeit in der Hilfe und Unterstützung für Dritte», Postulat 18.3422
8 Stefan Müller-Altermatt, «Angemessene BVG-Deckung für Personen, welche Care-Arbeit leisten», Postulat 16.3868
9 H. Stutz und C. Knupfer, «Absicherung unbezahlter Care-Arbeit von Frauen und Männern», EBG, Bern, Mai 2012.
10 Sylvie Logean, «Alzheimer, l’impossible consensus», Le Temps, 20. September 2018.

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2018 11 05 Consultation Conge-pour-proches-aidants d.docx 29 KB

05. November 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Arbeitslose pflegende Angehörige – Nationalrat verpasst eine wichtige Chance

Die Motion „Care-Arbeit und Arbeitsanforderungen vereinbaren“ von Stefan Müller-Altermatt, Präsident von transfair, ist leider heute vom Nationalrat abgelehnt worden. Die Motion forderte, dass das Arbeitslosenversicherungsgesetz Avig so ausgestaltet wird, dass es mit Care-Arbeit vereinbar wird. Travail.Suisse bedauert, dass die Wichtigkeit der Motion unterschätzt wurde. mehr

Die Pflege von Angehörigen muss besser berücksichtigt werden – auch wenn die pflegende Person arbeitslos ist. Arbeitnehmende, die bei der regionalen Arbeitsvermittlung RAV angemeldet sind, müssen jede Arbeit annehmen, die als “zumutbar” eingestuft wird. Dazu gehört auch ein Arbeitsort, der bis zu 4 Stunden Pendelzeit pro Tag erfordert. Das ist allerdings mit der Pflege von Angehörigen (auch Care-Arbeit) kaum vereinbar.

Die Mehrheit des Nationalrates folgte der Empfehlung des Bundesrates, die Motion abzulehnen. „Leider scheint sie die Tragweite von Erwerbslosigkeit und Angehörigenpflege nicht erfasst zu haben“, sagt Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei Travail.Suisse. Der Bundesrat hatte argumentiert, dass die heutigen gesetzlichen Bestimmungen ausreichend seien. Doch die Motion zielte in erster Linie auf eine flexiblere Umsetzung ab, welche die persönliche Situation der pflegenden Angehörigen auch wirklich berücksichtigen kann. Tatsächlich besteht heute für die RAV ein beträchtlicher Interpretationsspielraum bei der Einschätzung, ob die vorgeschlagene Arbeit an die persönliche Situation der/des Erwerbslosen angepasst ist. Travail.Suisse bedauert die verpasste Gelegenheit, dem SECO den Auftrag zu erteilen, die RAV aufzufordern, die Flexibilität des Gesetzes zugunsten von erwerbslosen pflegenden Angehörigen zu nutzen.

Weitere Informationen:
Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Travail.Suisse, Mobile: 079 598 06 37 37

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2018 09 26 MM NR Mo Mueller-Altermatt Care d.doc 55 KB

26. September 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Die IG Betreuende und pflegende Angehörige unterstützt die Massnahmen des Bundesrates, beurteilt sie aber als unzureichend

Die Anfang dieses Jahres neu gegründete «Nationale Interessengemeinschaft für betreuende und pflegende Angehörige» hat mit Nachdruck auf die Bedeutung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung hingewiesen. Die Mitglieder der IG-Betr. Angehörige sind in ihrer täglichen Arbeit mit den Herausforderungen der Angehörigenbetreuung und -pflege konfrontiert und unterstreichen die Notwendigkeit einer starken Positionierung im Hinblick auf die bis zum 16. November laufende Vernehmlassung. Insgesamt befürworten die Mitglieder der IG-Betr. Angehörige die vom Bundesrat vorgeschlagenen Massnahmen. mehr

Wenn eine schwere Krankheit oder eine Behinderung nahestehende Personen trifft, sind die Angehörigen der betroffenen Person an vorderster Front gefordert. Dies sind die betreuenden und pflegenden Angehörigen, ohne die unsere Gesellschaft nicht überlebensfähig wäre. Die Angehörigen von Personen, die an einer schweren oder chronischen Krankheit oder an einer Behinderung leiden, sehen sich in der Pflicht, die Betroffenen zu begleiten und mitunter auch zu pflegen. Sie tun dies freiwillig, setzen dabei aber oftmals ihr eigenes inneres Gleichgewicht und ihre Gesundheit aufs Spiel. Insgesamt 1,9 Millionen Menschen in der Schweiz – oder 35% der ständigen Wohnbevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren – unterstützen, betreuen und begleiten täglich ein Kind oder eine erwachsene Person. Ihre Zahl dürfte aufgrund der Alterung der Bevölkerung in Zukunft weiter ansteigen.

Für die fünf Gründungsmitglieder der IG-Betr. Angehörige stehen wir bei der Bewältigung dieser Herausforderung noch ganz am Anfang, und weitere Massnahmen auf Bundesebene sind zwingend erforderlich.

• Die IG begrüsst das Engagement des Bundesrates und seine Absicht, die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Care-Arbeit (Betreuung und Pflege) der betreuenden und pflegenden Angehörigen zu unterstützen, und befürwortet die vorgeschlagenen Massnahmen;
• Die IG wünscht, dass die BetreuerInnen von behinderten Personen bei den beiden Urlaubsarten nicht ausgeschlossen werden, und verlangt, dass andere alltägliche Situationen im Massnahmenpaket des Bundes besser berücksichtigt werden;
• Die IG wird auf die Lücken in diesem ersten Massnahmenpaket hinweisen, insbesondere auf das Fehlen eines Erholungsurlaubs für alle betreuenden und pflegenden Angehörigen sowie von Betreuungszulagen; diese Lücken sind Gegenstand von zwei parlamentarischen Initiativen, die vom Parlament überwiesen wurden.

Alle Mitglieder der IG sind aufgerufen, entsprechend ihren eigenen, bereichsspezifischen Anliegen eine Stellungnahme zu formulieren. Die gemeinsame Stellungnahme, die ihnen in nächster Zeit zur Verfügung gestellt wird, liefert eine Grundlage dazu.

Für zusätzliche Informationen
• Valérie Borioli Sandoz, Geschäftsstelle IG Pflegende und betreuende Angehörige,
Tel. 079 598 06 37, E-Mail : sekretariat@ig-pflegendeanghoerige.ch
• Andreas Bircher, Leiter Entlastung, Schweizerisches Rotes Kreuz,
Tel. 078 685 94 46, E-Mail : andreas.bircher@redcross.ch
• Ursula Koch, Leiterin Vorsorge, Betreuung & Nachsorge, Krebsliga Schweiz,
Tel. 079 753 87 19, E-Mail: ursula.koch@krebsliga.ch
• Benoit Rey, Leiter Dienstleistungen Romandie und Tessin, Pro Infirmis
Tel. 079 305 52 93, E-Mail: benoit.rey@proinfirmis.ch
• Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse und Nationalrat,
Tel. 079 287 04 93, E-Mail: wuethrich@travailsuisse.ch

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2018 09 10 MK IG-Pflegende-Angehoerige DOSSIER d.pdf 632 KB

10. September 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Pflegende Angehörige – drei Massnahmen und noch mehr Bedürfnisse

Kurz vor den Sommerferien begann die Vernehmlassung zur Gesetzesvorlage, die erwerbstätige betreuende und pflegende Angehörige entlasten soll. Die Vorlage enthält zwar drei Massnahmen. Sie zielt jedoch vor allem auf Notsituationen ab. Die Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen sind aber vielfältig, insbesondere in den Betreuungssituationen, in denen hilfsbedürftige Personen regelmässig auf Betreuung und Unterstützung angewiesen sind. Für sie sieht der Gesetzesentwurf leider keine Lösung vor. Travail.Suisse fordert die Regierung auf, nochmals über die Bücher zu gehen und das Massnahmenpaket zu ergänzen. mehr

Wie nach der Ankündigung des Bundesrates im Februar des vergangenen Jahres zu erwarten war, konzentriert sich der Inhalt der Gesetzesvorlage auf die Bedürfnisse der berufstätigen pflegenden Angehörigen, um sie bei der Wahrnehmung ihrer Doppelrolle als Erwerbstätige und Betreuende etwas zu entlasten.

Drei Massnahmen, um Notsituationen besser zu meistern

Die drei Massnahmen, die bis zum 19. Oktober in die Vernehmlassung gegeben wurden, beinhalten:

  • die gesetzliche Verankerung der Lohnfortzahlung während des bestehenden kurzen Betreuungsurlaubs zugunsten der Eltern von kranken Kindern und die Ausweitung des Urlaubanspruchs auf Angehörige ohne Unterhaltspflichten;
  • die Einführung eines neuen Langzeiturlaubs für die Betreuung schwer kranker oder verunfallter eigener Kinder (14 Wochen), welcher über die Erwerbsersatzversicherung (EO) bezahlt wird;
  • die Ausweitung des Anspruchs auf Betreuungsgutschriften für die AHV auf Konkubinatspartner und auf Fälle von leichter Hilflosigkeit.

Die ersten beiden Massnahmen liefern eine Antwort auf Notsituationen von berufstätigen Frauen und Männern, die ihre Betreuungspflichten gegenüber ihren Kindern wahrnehmen müssen, und im weiteren Sinne von allen Erwerbstätigen, die nahestehende Personen betreuen.

Betreuungsurlaub bei akuten Notsituationen für Angehörige im weiteren Sinne

In Bezug auf den kurzen Betreuungsurlaub ist festzustellen, dass das Kriterium der «Unterhaltspflicht» gemäss Artikel 324a des Obligationenrechts künftig nicht mehr ausschlaggebend sein wird: So können im Rahmen des Kurzurlaubs in Notsituationen neben den eigenen Kindern, dem Ehepartner/der Ehepartnerin oder dem eingetragenen Lebenspartner auch nahestehende Personen im weiteren Sinne betreut werden. Es handelt sich dabei um Personen, mit denen die Betreuungsperson de facto in einer festen Partnerschaft lebt, um Eltern, Brüder und Schwestern sowie «nahestehende Personen»: Sie alle können von einer erwerbstätigen Person betreut werden, wobei letztere die Gewissheit hat, dass sie während dieses kurzen Betreuungsurlaubs entschädigt wird.

Selbstverständlich begrüsst Travail.Suisse diese erste Massnahme, bedauert jedoch, dass gleichzeitig ein neues Kriterium eingeführt werden soll – das Kriterium des «Allein-lebens». So kann etwa im Fall der Eltern nicht automatisch vorausgesetzt werden, dass ein Elternteil im Alter in der Lage ist, die Betreuung des Ehepartners/der Ehepartnerin regelmässig zu übernehmen. Jede Situation ist einzigartig, und was für ein Paar möglich erscheint, ist es nicht zwangsläufig auch für ein anderes Paar. Travail.Suisse wünscht zudem, dass dieser Urlaub auch berufstätigen Grosseltern zugutekommt, die ihre Enkelkinder regelmässig betreuen – und dies betrifft viele Personen.

Der neu gestaltete Noturlaub hat den Vorteil, dass er Rechtssicherheit schafft, hat die im Vorfeld bei den Unternehmen durchgeführte Regulierungsfolgenabschätzung doch ergeben, dass ein Drittel der Personen, die den Noturlaub beanspruchen, heute aufgrund der unklaren Rechtslage keine Entschädigung erhalten. Diese Personen werden von der gesetzlichen Verankerung der Lohnfortzahlung im neuen Artikel 329g des Obligationenrechts direkt profitieren.

Neuer Langzeiturlaub: gut, aber zu kurz und zu restriktiv

Die wichtigste neue Massnahme, welche der Bundesrat in seinem Gesetzesentwurf vorschlägt, ist der Langzeiturlaub von 14 Wochen für Eltern, die ein schwer krankes oder verunfalltes Kind pflegen müssen. Die Eltern von jährlich mehreren Tausend hospitalisierten Kindern befinden sich heute in einer prekären Lage. Wenn ihre Anwesenheit zur Betreuung eines gesundheitlich schwer beeinträchtigten Kindes erforderlich ist, führt dies oft dazu, dass ein Elternteil die Erwerbstätigkeit vollständig aufgibt.

Die Vorlage schlägt daher einen neuen bezahlten Urlaub von 14 Wochen (98 Kalendertage) vor, welcher sich am Modell des Mutterschaftsurlaubs orientiert und mit 80 Lohnprozenten entschädigt wird. Im Vergleich zur heutigen Situation ist dies in der Tat eine bedeutende Verbesserung. Wie im erläuternden Bericht betont wird, beträgt die Dauer der Betreuung eines an Krebs erkrankten Kindes aber durchschnittlich 155 Arbeitstage. Berücksichtigt sind dabei weder die Betreuungsleistungen, die ausserhalb der Spitalbesuche erbracht werden, noch die Tatsache, dass eine Krebserkrankung in der Regel nicht innerhalb eines Jahres geheilt werden kann. Insgesamt dauert die Arbeitsabsenz der betroffenen Eltern durchschnittlich 320 Tage. Diese Fälle sind nicht sehr zahlreich (zwischen 1000 und 8000 pro Jahr), doch sie führen zu äusserst schwierigen und belastenden Situationen. Travail.Suisse ist der Ansicht, dass wir uns hier grosszügig zeigen und einen Urlaub von 22 Wochen vorsehen sollten, wenn die Gesellschaft den von solchen dramatischen Situationen betroffenen Familien eine echte Unterstützung anbieten und gleichzeitig verhindern will, dass die Eltern in ihren beruflichen Perspektiven (und später im Ruhestand) benachteiligt werden. Ausserdem muss der Anspruch auf diesen Urlaub auch für Behinderungen gelten.

In diesem Zusammenhang bedauert Travail.Suisse noch eine weitere gravierende Lücke: Dieser neue Langzeiturlaub ist ausschliesslich für die Betreuung kranker Kinder gedacht, nicht aber für andere Angehörige, für deren Betreuung sich eine erwerbstätige Person mehr als drei Tage beurlauben lassen muss – beispielsweise um ihren Lebenspartner oder die eigenen Eltern am Lebensende zu begleiten. Ein solcher Langzeiturlaub könnte kürzer sein, müsste aber auf jeden Fall im Gesetz vorgesehen und bezahlt sein.

Indirekte Anerkennung der pflegenden Angehörigen in der AHV

Die dritte Massnahme ist eine indirekte finanzielle Anerkennung für Töchter und Söhne, die ihre Eltern pflegen, oder für Mitglieder einer eingetragenen Partnerschaft, die ihren Lebenspartner/ihre Lebenspartnerin betreuen. Die Ausweitung der Betreuungsgutschriften in der AHV soll für Fälle von leichter Hilflosigkeit sowie für Konkubinatspartner gelten. Das ist eine sehr gute Nachricht.

Travail.Suisse bedauert jedoch, dass die Frage der «leichten Erreichbarkeit», welche heute in Artikel 29septies AHVG und vor allem in Artikel 52g AHVV geregelt ist, nicht revidiert wurde. Diese beiden Artikel schreiben vor, dass die betreute Person nicht mehr als 30 Kilometer vom pflegenden Angehörigen entfernt wohnen darf beziehungsweise innerhalb einer Stunde erreichbar sein muss.
Die «Fernbetreuung» stellt jedoch eine ebenso reale Belastung dar wie die direkte Care-Arbeit am Wohnort der betreuten Person. Die Familien sind heute vermehrt über grössere Distanzen verstreut; die Eltern wohnen nicht mehr in der Nähe ihrer erwachsenen Kinder. Das Kriterium der Entfernung bzw. der Anfahrtszeit hat im Zeitalter der neuen Kommunikationsformen nicht mehr die gleiche Relevanz wie in früheren Zeiten. Auch aus der Ferne koordinieren und organisieren ist aktive Care-Arbeit.

Innovative Lösungen sind notwendig, um mehr Betreuungssituationen abzudecken

Wie wir bereits am Anfang dieses Jahres festgestellt haben1, ist es natürlich unerlässlich, Not- und Ausnahmesituationen wie schwere Krankheiten, Unfälle und Notfälle gesetzlich zu regeln. Dabei handelt es sich jedoch um Situationen, in denen die Arbeitgeber grösstenteils Verständnis und entsprechendes Entgegenkommen zeigen. Unsere Volksvertreter und unsere Regierung haben aber auch die Aufgabe, innovative Massnahmen für die regelmässige Langzeitbetreuung vorzuschlagen.

In einer nächsten Ausgabe werden wir auf die Gründe für den Handlungsbedarf und auf die Notwendigkeit zurückkommen, eine harmonisierte Politik zu erarbeiten, welche die Thematik der berufstätigen pflegenden Angehörigen möglichst umfassend abdeckt. Travail.Suisse hat eine Reihe von Forderungen zur Gleichstellung2 erarbeitet, die u.a. pflegende Angehörigen betreffen, denn es sich überwiegend Frauen. Einzelne innovative Ideen sind bereits vom Parlament aufgenommen worden, andere sollten in Zukunft Eingang in die politische Agenda finden.


1 Valérie Borioli Sandoz , «Es braucht bezahlte Urlaube für die Betreuung von Angehörigen», Medienservice, 6. Februar 2018.
2 Valérie Borioli Sandoz, «Gleichstellung von Frau und Mann heute und morgen. 28 Forderungen für mehr Wahlfreiheit und zur Gewährleistung der Lebensqualität von Arbeitnehmenden», Travail.Suisse, Bern, April 2018.

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2018 08 21 Consultation Proches-aidants d.docx 30 KB

21. August 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Die Erwerbstätigkeit der pflegenden Angehörigen erleichtern

Heute ist die Vernehmlassung zum Gesetzesentwurf für die Entlastung der pflegenden Angehörigen eröffnet worden. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, nimmt mit Befriedung zur Kenntnis, dass die Thematik endlich ernst genommen wird und der Bundesrat konkrete Massnahmen vorschlägt zur Entlastung der erwerbstätigen pflegenden Angehörigen. mehr

Der Gesetzesentwurf wurde von Travail.Suisse und natürlich auch von den 1.9 Millionen Personen, die tagtäglich ein Kind oder eine erwachsene Person unterstützen und begleiten, ungeduldig erwartet. Travail.Suisse wird den Entwurf des Bundesrates in den nächsten Wochen eingehend analysieren.

Es ist eine Realität: Die Mehrheit der pflegenden Angehörigen ist erwerbstätig. Nur eine ausreichende Entschädigung für den vorübergehenden oder länger dauernden Verdienstausfall ermöglicht es einer erwerbstätigen Person, ihre berufliche Tätigkeit mit der “Betreuungsarbeit” zu vereinbaren und damit ihre Stelle zu behalten. Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei Travail.Suisse: "Auf die Absichtserklärungen müssen jetzt Taten folgen. Der Gesetzesentwurf muss umfassend und ehrgeizig sein, denn Investitionen in die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Betreuungsarbeit sind mit einem hohen Return on Investment verbunden. ».

In Erwartung der Ergebnisse der Analyse kann sich jeder Betroffene über die erste nationale Plattform für pflegende Angehörige (www.info-workcare.ch) informieren. Diese Plattform wurde von Travail.Suisse im Oktober 2016 lanciert. Aktualitäten zur Thematik sind auch auf der Facebook-Seite (auf Französisch) @infoworkcare.ch zu finden.

Für weitere Informationen :
Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik, Tel. 079 598 06 37 oder 031 370 21 11

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28. Juni 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon