Themen – Bildung – HFKG

Das neue Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz

Das neue HFKG ist ein für die Schweizer Bildungslandschaft einzigartiges Projekt: Alle Hochschulen – also Universitäten, ETH, EPFL, Fach- und Pädagogische Hochschulen – werden ab 2015 zentral gefördert und koordiniert. Diese Umstrukturierung bewegt das Hochschul-Umfeld: Neue Organisationen haben sich gebildet, alte verändern sich und die Mitsprache wurde verstärkt. Auch Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, redet mit.

Aus diesem Anlass versenden wir periodisch ein Info-Mail und beleuchten für Sie Akteure, Stärken und noch offene Baustellen des neuen HFKG. Wollen Sie das Info-Mail ebenfalls erhalten, dann tragen Sie sich bitte hier ein:










Die Texte aus den Info-Mails finden Sie hier:

„Ich halte die Autonomie der Hochschulen für extrem wichtig“

Als neu gewählter Vizepräsident der Schweizerischen Hochschulkonferenz kann Bernhard Pulver erheblichen Einfluss nehmen. Zu Themen wie Akkreditierung, Ärzte-Ausbildung und Doktorat für Fachhochschul-Absolventen hat er klare Vorstellungen. mehr

Seit Ende Mai bekleiden Sie einen wichtigen Posten in der Hochschulpolitik. Wie werden Sie die Aufgabe wahrnehmen?
Bernhard Pulver: Natürlich sind viele Themen von der politischen Agenda her bereits gesetzt. Dennoch haben wir vom Präsidium einen Gestaltungsspielraum. Im Hinblick auf die Session des Hochschulrats vom 28. Mai war ich das erste Mal an einer Vorbereitungssitzung unter der Leitung von Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Ich habe gespürt, dass er eine vertiefte politische Diskussion anstrebt und nicht nur formelle Traktanden abhaken will.

An seiner letzten Sitzung hat der Hochschulrat die Akkreditierungsrichtlinien verabschiedet und die Förderung des medizinischen Nachwuchses unterstützt. Sind die Beschlüsse nach Ihrem Sinn verlaufen?
Zum Teil. Bei den Akkreditierungsrichtlinien bin ich kritisch. Ich befürchte, dass der Prozess mit einem riesigen Aufwand für die Hochschulen verbunden ist, welcher der Bildung in diesem Land nichts bringt. Auch renommierte Hochschulen müssen sich nun akkreditieren lassen und das Prozedere alle sieben Jahre wiederholen. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die zweiten Durchläufe in einem vereinfachten Verfahren ablaufen. Dagegen gibt es Widerstände, aber im Grundsatz haben wir dies zum Glück so beschlossen.

Und was halten Sie von der Absicht, die Kapazitäten im Medizinstudium zu erhöhen?
Dieses Anliegen ist nun gut aufgegleist. Bei diesem teuren Studiengang müssen die Kantone gemeinsam möglichst kostengünstige Lösungen finden. Ich halte es a priori für zielführender, die bestehenden medizinischen Fakultäten zu erweitern, als anderorts von Grund auf neue aufzubauen – aber entschieden ist noch nichts.

Welche Anliegen wollen Sie sonst noch einbringen?
Mir ist es sehr wichtig, dass die drei verschiedenen Hochschultypen eigenständige Profile wahren.

Das ist doch bereits heute der Fall und wurde im HFKG nochmals ausdrücklich festgehalten.
Ja, aber vielen fehlt das Verständnis für die verschiedenen Rollen. Zum Beispiel bemängeln Politiker oft, die Universitäten würden ihre Forschung zu wenig auf die Bedürfnisse der Wirtschaft und der Gesellschaft ausrichten. Wirtschafts-Vertreter dagegen fordern, die Fachhochschulen sollten sich auf die Ausbildung von Fachleuten konzentrieren, statt in der Forschung mitzumischen. Ich muss regelmässig erklären, dass die Grundlagenforschung Aufgabe der universitären Hochschulen ist und dass auch die Fachhochschulen einen Forschungsauftrag haben, allerdings einen anwendungsorientierten. Eine gute Lehre ist zwingend mit Forschung verbunden.

Ist der Anspruch nicht auch berechtigt, dass die von Steuergeldern finanzierte Forschung den Bedürfnissen der Gesellschaft dient?
Ich halte die Autonomie der Hochschulen sowie eine gewisse Konkurrenz untereinander für extrem wichtig. Über den Nationalfonds, der eingereichte Projekte auswählt, hat die Politik ja immer noch ein Instrument in der Hand, um die Aktivitäten ein Stück weit zu steuern.

Was halten Sie von der Forderung der Fachhochschulen nach Doktoratsprogrammen?
Ich habe an sich Verständnis für dieses Anliegen. Die Fachhochschulen müssen auch Dozierende ausbilden. Deren Anforderungsprofil ist bis jetzt nicht klar definiert. Ich kann mir einen dritten Zyklus für Fachhochschulen vorstellen, der speziell für sie konzipiert wird und einen anderen Namen trägt. Somit wären die Doktorate weiterhin den universitären Hochschulen vorbehalten. Der Hochschulrat hat sich bereits mit dem Thema befasst und ein Projekt bewillig, in welchem nun konkrete Vorschläge erarbeitet werden.

Bernhard Pulver ist seit 2006 Erziehungsdirektor des Kantons Bern. Der 49-jährige Jurist gehört der Grünen Partei an. Ende Mai wurde er Vizepräsident der Schweizerischen Hochschulkonferenz, anstelle der zurückgetretenen Zürcherin Regine Aeppli. Präsidiert wird die SHK von Bundesrat Johann Schneider-Ammann, zweite Vizepräsidentin ist die Waadtländerin Anne-Catherine Lyon.

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2015 06 30 Info-Mail-HFKG Interview B-Pulver d.docx 15 KB

30. Juni 2015, Andrea Söldi, freie Journalistin BR Drucker-icon

Bund will mehr Ärzte ausbilden

Der Hochschulrat stellt sich hinter die Absicht des Bundes, die Studienplätze in der Humanmedizin zu erhöhen. Nun zeigen auch andere Kantone Interesse an einer medizinischen Fakultät. mehr

Wer sich kürzlich im Spital behandeln liess, wird festgestellt haben, dass ein Grossteil der Ärzte und Ärztinnen nicht Schweizer Dialekt spricht. Der Eindruck täuscht nicht: Unsere hochstehende Gesundheitsversorgung können wir nur dank der vielen ausländischen Fachkräfte aufrechterhalten. In den letzten Jahren wurden bedeutend mehr ausländische Diplome anerkannt als schweizerische ausgestellt, wie ein Bericht des Bundesrats aus dem Jahr 2011 zeigt. Diese Entwicklung ist problematisch. Denn einerseits könnte die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative den Zugang für ausländische Ärzte künftig erschweren. Anderseits zeichnet sich in den umliegenden Ländern ebenfalls ein Ärztemangel ab. Somit ist die Versorgungssicherheit auch hierzulande in Gefahr. Zudem ist es nicht besonders fair, auf Fachkräfte zu setzen, die im Ausland eine teure Ausbildung genossen haben und dort danach fehlen.

100 Millionen für die Medizin vorgesehen

Nun will der Bund Gegensteuer geben. In seiner Sitzung vom 28. Mai hat sich der Hochschulrat dafür ausgesprochen, die Anzahl Masterabschlüsse in der Humanmedizin zu erhöhen. Bereits in den vergangenen Jahren wurden die Studienkapazitäten kontinuierlich ausgebaut. Schliessen derzeit in der gesamten Schweiz jährlich knapp 800 Personen ein Medizinstudium ab, sollten es 2019 bereits über 1000 sein. Definiertes Ziel sind 1200 bis 1300 Abschlüsse. Um die benötigten Ausbildungsplätze zu schaffen, sieht der Bund eine Anschubfinanzierung von bis zu 100 Millionen Franken für die Zeitspanne von 2017 bis 2020 vor. Die Hochschulen können Projekte einreichen. Der Betrag muss aber nächstes Jahr noch vom Parlament genehmigt werden. Bei einer Studienzeit von sechs Jahren, wird die angestrebte Zahl neuer Ärzte wohl erst in etwa 12 Jahren erreicht.

Hatten bis anhin die bestehenden medizinischen Fakultäten in Basel, Bern, Freiburg, Genf, Lausanne, Neuenburg und Zürich ihre Kapazitäten erweitert, so zeigen nun auch andere Universitäten Interesse an der Studienrichtung. Weit fortgeschritten sind die Pläne im Kanton Tessin. In St. Gallen und Luzern sind Abklärungen am Laufen.

Studienplätze allein reichen nicht

Wie aber will man erreichen, dass die Mediziner künftig vermehrt die benötigten Fachrichtungen wählen? „Schönheitschirurgen in Zürich gibt es wahrscheinlich bereits genug“, sagt Corina Wirth vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Bedarf bestehe hingegen bei Hausärzten, vor allem in ländlichen Gebieten, und Psychiatern. Um mehr Studienabgänger für diese Fachrichtungen zu gewinnen, arbeitet das Bundesamt für Gesundheit mit verschiedenen Ärzteorganisationen zusammen. Es sollen mehr attraktive, interprofessionelle Versorgungsmodelle entstehen. Noch nicht entschieden ist, ob auch das Tarifsystem, das Hausärzte finanziell schlechter stellt als Spezialisten, weiter angepasst wird.

Werden in Zukunft also wieder mehr Ärzte mit Schweizer Pass in unseren Spitälern und Praxen arbeiten? „Die Erhöhung der Abschlüsse allein genügt nicht“, sagt Corina Wirth. Denn einerseits steigt der Bedarf durch das Bevölkerungswachstum und die älter werdende Gesellschaft. Anderseits gehen in den nächsten Jahren mehr Ärzte in Pension als Junge nachkommen. Und mit der zunehmenden Anzahl Frauen, die den Beruf wählen, nimmt die Bereitschaft zu hohen Erwerbspensen ab. Der Bund plant deshalb Massnahmen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.

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2015 06 30 Info-Mail-HFKG Humanmedizin d.docx 15 KB

30. Juni 2015, Andrea Söldi, freie Journalistin BR Drucker-icon

Menschen mit Behinderung: Der Chancengleichheit eine Chance eröffnen

Personen mit einer Behinderung und den notwendigen Kompetenzen haben wie alle anderen auch das Recht, an einer Hochschule zu studieren. Das Recht allein genügt allerdings nicht. Es müssen auch die Voraussetzungen auf Seite der Hochschulen vorhanden sein, um dieses Recht umsetzbar zu machen. Gemäss Wissen von Travail.Suisse bestehen gegenwärtig keine gesamtschweizerischen Studien, die über die „Zugänglichkeit der Hochschulen“ Auskunft geben. Es wäre aber aufgrund der Gesetzeslage angezeigt, sich mit dieser Frage vertieft auseinanderzusetzen. Vor allem eine gesamtschweizerische Regelung im Zusammenhang mit der Gewährung eines Nachteilsausgleichs bei Prüfungen wäre ein Schritt in die richtige Richtung. mehr

Bei der Vernehmlassungsvorlage der Akkreditierungsrichtlinien 1 für die Hochschulen gehörte zu den Qualitätsstandards auch die Integration von Personen mit einer Behinderung. Dieser Standard bezog sich dabei sowohl auf Studierenden wie auch die Mitarbeitenden. In den vom Hochschulrat verabschiedeten Standards fehlt nun der Hinweis auf diese Personengruppe. Das heisst allerdings nicht, dass die Hochschulen sie nicht zu berücksichtigen haben. Im Gegenteil. Die Bundesverfassung, das Behindertengleichstellungsgesetz (BeHiG) wie auch die UNO Behindertenrechtskonvention (UNO BRK) verlangen von der Bildungswelt Anstrengungen zugunsten von Personen mit Behinderungen.

Die UNO BRK, die am 15. Mai 2014 in der Schweiz in Kraft getreten ist, beschreibt das so:
„Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass Menschen mit Behinderungen ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen Zugang zu allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen haben. Zu diesem Zweck stellen die Vertragsstaaten sicher, dass für Menschen mit Behinderungen angemessene Vorkehrungen getroffen werden.“ 2

Projekte zugunsten von Menschen mit Behinderung

Gemäss Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz HFKG besteht die Möglichkeit, projektgebundene Beiträge zugunsten der Förderung der Chancengleichheit auszurichten 3 . Aus Sicht von Travail.Suisse wäre es angezeigt, ein gesamtschweizerisches Projekt zur Förderung zur Integration von Menschen mit einer Behinderung zu starten und die Chancengleichheit für diese Personengruppe zu erhöhen. Ziele eines solchen Projektes könnten zum Beispiel sein,

• eine gesamtschweizerische Regelung im Zusammenhang mit der Gewährung eines Nachteilsausgleichs bei Prüfungen
• eine auf das Thema „Menschen mit einer Behinderung“ ausgerichtete Dozierendenbildung
• Sensibilisierung der Hochschulen durch good practice Beispiele
• Coaching-Programme an Hochschulen beim Übergang von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt.

Ein solches Projekt könnte das Fehlen des Qualitätsstandards „Integration von Personen mit einer Behinderung“ in den Akkreditierungsrichtlinien zu mindestens teilweise wettmachen.


1 http://www.sbfi.admin.ch/themen/hochschulen/01640/02110/index.html.
2 UNO BRK Art. 24.5.
3 Vgl. HFKG Art. 59.2e.

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2015 06 30 Info-Mail-HFKG Menschen-mit-Behinderungen d.docx 17 KB

30. Juni 2015, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Mitwirkung an Hochschulen – unabdingbar für die Qualitätskultur

Die Akkreditierungsrichtlinien für den Hochschulbereich sind verabschiedet. Der Hochschulrat der Schweizerischen Hochschulkonferenz hat sie an seiner letzten Sitzung von 28. Mai 2015 genehmigt 1 . Die Richtlinien schliessen die Mitwirkung der Lehrkräfte mit ein. Vor allem an den Fachhochschulen wird nach Meinung von Travail.Suisse die Frage der Mitwirkungsrechte der Lehrkräfte, aber auch der anderen repräsentativen Gruppen (Studierende, Mittelbau, Verwaltungspersonal) noch intensiv diskutiert werden müssen. mehr

Wer eine Hochschule als Unternehmen, Lehrkräfte als blosse Angestellte und Studierende als reine Kunden versteht, wird Mühe bei der Umsetzung der Akkreditierungsrichtlinien für den Hochschulbereich haben. Denn diese fordern die Mitwirkung aller Hochschulangehörigen.

Mitwirkung auch in strategischen Fragen

Dabei geht es bei der Mitwirkung nicht primär um Veloständer oder Parkplätze und nicht nur um operative Geschäfte, sondern im Gegenteil um strategische Entscheidungen. Die Akkreditierungsrichtlinien sehen vor, dass alle repräsentativen Gruppen „für die Entwicklung des Qualitätssicherungssystems und dessen Umsetzung …auf allen Ebenen… einbezogen“ werden 2 .
Den repräsentativen Gruppen sind dazu angemessene Mitwirkungsrechte zuzugestehen 3 . Und es sind ihnen über das Qualitätssicherungssystem Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, „die ihnen ein unabhängiges Funktionieren ermöglichen“ 4 .

Der Fachhochschuldozierendenverband FH-CH schlägt in einem Positionspapier im Hinblick auf die Gruppe der Lehrkräfte vor, dass für die Unabhängigkeit und für die repräsentative Vertretung mindestens 20 Stellenprozente pro 100 Mitarbeitende nötig sind. Ohne dieses Minimum ist eine konsolidierte und relevante Meinungsbildung unter den Lehrkräften und eine gewissenhafte Vertretung der Lehrkräfte nicht möglich 5 .

Best practice gesucht

Aus Sicht von Travail.Suisse ist die Mitwirkung ein unabdingbarer Teil der Qualitätskultur an einer Hochschule. Die Mitwirkung schafft Akzeptanz und Effizienz und muss daher, wo diese noch mangelhaft ist, optimiert werden. Die Qualität muss dabei von innen heraus gemeinsam entwickelt werden. Von diesem Geist sind die Akkreditierungsrichtlinien erfüllt . In der gegenwärtigen Phase scheint es sinnvoll zu sein, die Frage der Mitwirkungsrechte an einer Hochschule in einer unabhängigen Studie aufzuarbeiten und best-practice-Modelle zu eruieren. Damit könnte eine Diskussion in Gang gesetzt werden, welche die Qualitätskultur an den Hochschulen stärkt.


1 http://www.sbfi.admin.ch/aktuell/medien/00483/00594/index.html?lang=de&msg-id=57493
2 Richtlinien des Hochschulrates für die Akkreditierung im Hochschulbereich, Anhang 1, Qualitätsstandards für die institutionelle Akkreditierung, Art. 1.3).
3 Ebd. Art 2.3.
4 Ebd.
5 Mitwirkung mit Wirkung, http://www.fh-ch.ch/~fhch/upload/110820_Mitwirkung_d_def.pdf.
6 Ebd. Art. 1.3.

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2015 06 30 Info-Mail-HFKG Mitwirkung d.docx 20 KB

30. Juni 2015, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Professoren und Studierende werden Änderungen spüren

Das neue Gesetz wertet die Fachhochschulen auf. Gleichzeitig könnten sie in gewissen Punkten zurückgepfiffen werden, wie Rechtsprofessor Bernhard Ehrenzeller ausführt. Doch auch Uni-Professoren sind verunsichert. mehr

Andrea Söldi: Seit Anfang Jahr ist das HFKG in Kraft. Wieso hat es dieses neue, komplizierte Gesetz gebraucht?
Bernhard Ehrenzeller * : Ausschlaggebend war der neue Hochschulartikel in der Bundesverfassung, der 2006 vom Volk angenommen wurde. Er definiert den gesamten Hochschulraum Schweiz, zu dem neu auch die Fachhochschulen und die Pädagogischen Hochschulen gehören. Diese beiden Typen haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Nun werden sie auch rechtlich auf gleiche Stufe gestellt wie die Universitäten. Gegenüber dem heutigen System bringt das Gesetz eine erhebliche Vereinfachung der Strukturen.

Welches sind die wesentlichsten Änderungen?
Grundlegend ist die verstärkte gesamtschweizerische Koordination durch gemeinsame Organe von Bund und Kantonen. Sie ist nötig, um die Qualität der Hochschulen zu sichern und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Hochschulen zu erhalten und zu steigern. Deshalb gesteht das Gesetz dem Bund mehr Führungskompetenzen zu, während die Kantone leicht an Selbstbestimmung verlieren. Neu ist das Mittel der Referenzkosten: So will man vergleichen, wie viel ein Studierender des gleichen Fachs an verschiedenen Institutionen kostet. Somit kann man die Bundesbeiträge stärker nach leistungsorientierten Kriterien verteilen und die öffentlichen Gelder noch transparenter und effizienter einsetzen.

Und welches sind die Auswirkungen für die Hochschulen selber?
Die neue Rechtsform gewährt den Hochschulen mehr Autonomie. Während die universitären Hochschulen schon bisher grosse Eigenständigkeit genossen, waren die Fachhochschulen stark vom Bund her gelenkt. Nun müssen sich sämtliche Typen einer eingehenden Prüfung durch den Schweizerischen Akkreditierungsrat unterziehen. Jede Hochschule wird an ihrem eigenen Profil gemessen werden. Auch die Professoren werden ihre Arbeit in der Lehre und Forschung stärker rechtfertigen müssen, was bereits heute einige ein wenig verunsichert hat. Ausserdem kommen nun die Leitungspersonen aller Hochschulen in der Rektorenkonferenz zusammen. Da treffen verschiedene Kulturen aufeinander. Es wird zu diskutieren geben.

Zum Beispiel?
Ein Ziel des Hochschulraumes ist es, die Kooperationen unter den Hochschulen zu verstärken, vor allem in der Forschung. Es soll mehr Austausch von Dozierenden und Studierenden geben und der schweizerische Nachwuchs soll stärker gefördert werden. Auch die Durchlässigkeit soll sich verbessern. Heute bestehen noch nennenswerte Hürden, wenn etwa ein Fachhochschul-Absolvent an einer Universität einen Master oder gar einen Doktortitel erwerben möchte.

Dürfen Fachhochschulen und ihre Absolventen also auf namhafte Verbesserungen hoffen?
Zum Teil, aber nicht nur. Es kann durchaus sein, dass einzelne Masterstudiengänge an Fachhochschulen im Rahmen der Akkreditierung kritisch beurteilt werden, falls sie die Qualitätsanforderungen nicht erfüllen und dem Fachhochschulprofil zu wenig entsprechen. Auch Professorentitel dürften künftig an Fachhochschulen nicht mehr so leicht vergeben werden. An den Universitäten braucht es dazu neben dem Doktorat eine Habilitation.

Welche Änderungen werden Studierende und Dozierende sonst noch direkt spüren?
Der tiefgreifendste Wandel im Bildungssystem ist bereits vollzogen: Es war die Umstellung aufs Bologna-System. Dieses ist nun laufend weiterzuentwickeln. Zum Beispiel sollte man überprüfen, ob die bisherige Umsetzung zu einer zielwidrigen Sammlerei von Credits geführt hat, was dem Bildungsniveau abträglich wäre. Einschneidende Konsequenzen, auch für die Professoren, wird die Koordination in kostenintensiven Bereichen haben, falls es tatsächlich zu einer Konzentration einzelner Lehr- und Forschungsbereiche an bestimmten Hochschulen kommt. Für die Studierenden ist etwa das Thema Studiengebühren von grosser Bedeutung. Je nach Hochschule variieren sie zurzeit erheblich. Wenn der Hochschulrat Empfehlungen über allgemeingültige Ober- und Untergrenzen erlassen wird, kann es da und dort zu einem merklichen Anstieg kommen.

* Bernhard Ehrenzeller ist Professor für öffentliches Recht an der Universität St. Gallen und war massgeblich beteiligt an der Erarbeitung des HFKG.

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2015 03 18 Info-Mail-HFKG Interview B-Ehrenzeller d.docx 16 KB

23. März 2015, Andrea Söldi, freie Journalistin BR Drucker-icon

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