Themen – Bildung – Berufliche Grundbildung

Nachholbildungen pushen

An der Lehrstellenkonferenz werden von den Verbundpartnern grundlegende strategische Entscheidungen in Bezug auf die Berufsbildung getroffen. Travail.Suisse ist erfreut, dass die Verbundpartner einen Grundlagenbericht zu den Möglichkeiten, Chancen und Kosten der Nachholbildung erarbeiten wollen und damit einen ersten Schritt zur ihrer Förderung machen. mehr

Das Berufsbildungsgesetz sieht die Möglichkeit von Nachholbildungen vor. Es sieht aber in seiner heutigen Form nicht vor, dass die Nachholbildungen bewusst gefördert werden. Der Arbeitsmarkt ist jedoch aufgrund der demografischen Entwicklung und des sich abzeichnenden Fachkräftemangels verstärkt auf Nachholbildungen angewiesen, insbesondere auf Nachholbildungen von Personen, die noch über keinen beruflichen Erstabschluss verfügen.

Ein erster Schritt zu einer wichtigen Neuerung

Indem die Lehrstellenkonferenz einen Grundlagenbericht zur Nachholbildung verlangt, setzt sie den Grundstein zur bewussten und zielgerichteten Förderung der Nachholbildung. Travail.Suisse ist überzeugt, dass die Förderung der Nachholbildung von Personen ohne beruflichen Erstabschluss eines der zentralen bildungspolitischen Themen der nächsten Jahre werden muss. Ein Berufsabschluss verbessert nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig, sondern ist auch für die Gesellschaft höchst profitabel und trägt dazu bei, den absehbaren demografischen Fachkräftemangel zu lindern. Die Alternative zu mehr Nachholbildung sind erstens mehr Migration und zweitens höhere Kosten bei der sozialen Sicherheit. Dies zeigen Studien, die Travail.Suisse zum Thema Nachholbildung veröffentlicht hat (http://www.travailsuisse.ch/de/node/3145).

23. November 2012, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Mobilität und Fremdsprachen in der Berufsbildung fördern

An der Lehrstellenkonferenz vom 23. November 2012 wird ein Bericht zur Mobilitäts- und Fremdsprachenförderung in der Berufsbildung diskutiert und hoffentlich auch verabschiedet. Travail.Suisse hofft, dass dieser Bericht zu einem Katalysator für verschiedenste Initiativen in diesem Bereich wird. mehr

An den Gymnasien ist es selbstverständlich, dass die Studierenden neben der Muttersprache mindestens zwei Fremdsprachen lernen. Zudem haben die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten die Möglichkeit, durch ein internationales Austauschjahr eine Fremdsprache vertieft kennenzulernen. Auf der Seite der Berufsbildung sieht das anders aus. Etwa 50 Prozent der Jugendlichen in Berufslehren ohne Berufsmaturität erhalten keine obligatorische fremdsprachliche Förderung. Im gewerblich-industriellen Bereich sind es sogar fast 80 Prozent! Zudem verfügen Austausch- und Mobilitätsprogramme in der Berufsbildung über wenig Tradition.

Bedarf auf dem Arbeitsmarkt nimmt zu

Dadurch, dass die Mobilität und das Fremdsprachenlernen in der Berufsbildung nur eine untergeordnete Rolle spielen, verpasst die Schweiz vielerlei Chancen, ihre Berufslernenden gut auf den europäischen Arbeitsmarkt und die Weiterbildung vorzubereiten: Denn dort wird heute immer öfter erwartet, dass sie sich in mehreren Sprachen verständigen und in multikulturellen Kontexten bewegen können.

Kreative Lösungen statt mehr Lektionen

Die Forderung nach mehr Fremdsprachenlernen und Mobilität in der Berufsbildung darf allerdings nicht durch die Erhöhung der Lektionszahlen an den Berufsfachschulen erfüllt werden. Andere Wege sind zu gehen. Für Travail.Suisse sind vor allem Initiativen zu stärken oder aufzubauen.

Bilingualer Unterricht stärken: Eine Möglichkeit besteht darin, dass schulische Fächer in einer Fremdsprache unterrichtet werden. Man lernt dann zwei Dinge auf einen Streich: den Fachinhalt und eine Fremdsprache. Es können dabei zwei Modelle zum Einsatz kommen. Bei einem Modell des zweisprachigen Unterrichts wird Deutsch und zu circa 30 Prozent eine Fremdsprache gesprochen, gelesen und geschrieben. Die Lehrperson führt zum Beispiel ein neues Thema zuerst auf Deutsch ein und vertieft das Thema dann mit fremdsprachlichen Aktivitäten. Beim zweiten Modell – Immersion genannt – werden ganze Fächer über eine längere Zeitspanne hinweg in einer Fremdsprache unterrichtet. Die heutigen Erfahrungen mit dem bilingualen Unterricht sind so auszuwerten und aufzubereiten, dass immer mehr Berufsfachschulen die Möglichkeit sehen, diese Art Unterricht anzubieten.

Projektgelder zur Verfügung stellen: Bedeutsam für die Entwicklung der Mobilität und der Förderung der Fremdsprachen ist natürlich die ch-Stiftung, die Gelder für Mobilitätsprogramme zur Verfügung hat. Ihr muss es noch besser gelingen, ihre Dienstleistungen den Bedürfnissen der Berufsbildung anzupassen und ihre Angebote so zu präsentieren, dass für die Betriebe und Schulen, die Mobilitätsprojekte durchführen wollen, Aufwand und Ertrag in einem günstigen Verhältnis stehen. Ebenso muss die Projektförderung des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie gemäss Art. 54/55 BBG Geld bereitstellen für die Anschubfinanzierung von innovativen Projekte in diesem Bereich.

Mobilitätsbeauftragte für Mobilität schaffen: Damit der Gedanke der Mobilität- und Fremdsprachen-förderung in der Berufsbildung besser Fuss fassen kann, sind beim Bund, den Kantonen und auch bei den Organisationen der Arbeitswelt „Mobilitätsbeauftragte“ zu benennen. Sie haben darauf zu achten, dass das Thema in ihrem Umfeld nicht aus den Traktanden fällt, sondern die möglichen Schritte zur Mobilitäts- und Fremdsprachenförderung angegangen werden. Der Bund hat diesbezüglich eine besondere Verantwortung. Er muss dafür besorgt sein, dass die „Mobilitätsbeauftragten“ der Verbundpartner in ein starkes Netz eingebunden sind.

Ein Monitoring einrichten: Über die Entwicklung im Bereich der Mobilitäts- und Fremdsprachenförderung in der Berufsbildung ist ein Monitoring einzurichten. Es soll eine regelmässige statistische und wissenschaftliche Auswertung über die Entwicklungen in diesem Bereich ermöglichen. Im Bildungsbericht Schweiz 2014 soll erstmals eine Bestandesaufnahme veröffentlicht werden.

Ein Pilotkurs bei Travail.Suisse

Travail.Suisse wird im nächsten Jahr einen Pilotkurs über ihre Jugendkommission anbieten, in dem bei der Bearbeitung des Themas „An der Schwelle zur Berufswelt: Das muss ich wissen“ zugleich Fremdsprachenkompetenzen erworben werden können. Der Kurs wird dreisprachig geführt. Dabei werden alle Unterlagen in Italienisch, Französisch und Deutsch abgegeben. In die einzelnen Sequenzen wird jedoch nur in einer Landessprache eingeführt. Da bei diesem Kurs Jugendliche (und Ausbildnerinnen und Ausbildner) aus allen Sprachregionen präsent sein werden, werden sie sich gegenseitig helfen können, die Inhalte zu verstehen.

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19. November 2012, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Wert der Berufsbildung: Internationale Positionierung vorwärtstreiben

Die allgemeinbildenden und die berufsbezogenen Bildungswege sollen in der Schweiz über eine gleichwertige gesellschaftliche Anerkennung verfügen. Dies hält die Bundesverfassung in Artikel 61.a, Abs. 3 unmissverständlich fest. Diese Bestimmung bringt zum Ausdruck: Es gibt keinen besseren oder schlechteren Bildungsweg. Auf schweizerischer Ebene ist dieses Denken weit verbreitet, wenn auch noch nicht Allgemeingut. Auf internationaler Ebene leidet hingegen der Berufsbildungsweg immer noch unter mangelnder Anerkennung. Aus Sicht von Travail.Suisse sind daher die Bestrebungen, die Berufsbildung international besser zu positionieren, noch intensiver vorwärtszutreiben. mehr

Die Schweiz gehört durch die Personenfreizügigkeit zum europäischen Arbeitsmarkt. Das heisst, die Schweiz bildet heute ihre jungen Menschen für den europäischen Arbeitsmarkt aus. Wenn diese ausgebildeten Personen sich für eine Stelle in der Schweiz oder der EU bewerben, so stehen sie aufgrund der Personenfreizügigkeit auch in Konkurrenz zu Personen, die in anderen Ländern ausgebildet wurden. Um in dieser Konkurrenzsituation bei einer Bewerbung erfolgreich zu sein, muss die Ausbildung vom Arbeitgeber als „wertvoll“ erkannt und anerkannt werden.

Berufsbildung: Niedere Ausbildung?

Wenn die Schweiz möchte, dass die berufsbezogenen Bildungswege auch auf europäischer Ebene eine gleichwertige gesellschaftliche Anerkennung wie die allgemeinbildenden (akademischen) Wege erhalten, so muss sie sich auf dem internationalen Parkett dafür einsetzen. Das ist nicht einfach, aber nötig. Ansonsten wird es passieren, dass die Berufsbildung nach und nach ihren Wert verliert, weil sie als „niedere Ausbildung“ angeschaut wird 1 .

Grundlage Qualität

Will die Schweiz für die Berufsbildung auf internationaler Ebene eine gleichwertige gesellschaftliche Anerkennung erhalten, so muss sie im Minimum drei Punkte beachten. Erstens muss die Qualität der Berufsbildung stimmen. Eine hohe Qualität ist übrigens das erste Ziel des Bildungsraumes Schweiz 2 , zu dem auch die Berufsbildung gehört. Ohne oder mit mangelnder Qualität können wir die Berufsbildung international nicht besser positionieren. In allen Tätigkeiten der Berufsbildung muss daher das Bewusstsein für Qualität vorhanden sein, wie das die Charta „Qualitätsentwicklung Berufsbildung Schweiz“ festhält 3 .

Verständlichkeit

Die Berufsbildung der Schweiz muss zweitens verständlich sein. Es muss klar werden, dass ein wichtiger Grund für den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz darin liegt, dass wir auf beide Bildungswege setzen und ihre Komplementarität zu Innovationen und hoher Produktivität führt. Zudem ist auch Klarheit über das Niveau unserer beruflichen Abschlüsse zu schaffen. Der nationale Qualifikationsrahmen ermöglicht über den europäischen Qualifikationsrahmen die notwendige Vergleichbarkeit der Abschlüsse in Europa. Die Chance, die der Qualifikationsrahmen ermöglicht, muss optimal und mutig ausgenutzt werden.

Verkauf

Die Berufsbildung muss drittens bewusst verkauft werden, insbesondere auch die höhere Berufsbildung. Das neue Staatsekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Travail.Suisse wird die Arbeit des Staatssekretariates auch daran messen, ob es ihm gelingt, die Berufsbildung im europäischen und internationalen Kontext besser zu „verkaufen“, das heisst besser zu positionieren und so Schritt für Schritt eine gleichwertige Anerkennung der berufsbezogenen mit den allgemeinbildenden Bildungswegen auch auf diesen Ebenen zu erreichen. Übrigens ist der Film des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie über die höhere Berufsbildung ein vortreffliches Hilfsmittel diesbezüglich 4 , das jetzt voll eingesetzt werden müsste. Aus Sicht von Travail.Suisse wäre es klug, wenn das zukünftige Staatssekretariat die Verbundpartner in den Verkauf der Berufsbildung vermehrt einbeziehen würde. Eine Möglichkeit wäre, den Artikel 55.3 des Berufsbildungsgesetzes dafür einzusetzen 5 und vom Bundesrat zu erlangen, dass spezifische und innovative Projekte der Verbundpartner zum „Verkauf“ der Berufsbildung auf internationaler Bühne in Zukunft über den Artikel 54 finanziert werden können. Gegenwärtig fehlt ja dem Berufsbildungsgesetz die Dimension einer Verantwortung der Verbundpartner für die internationale Positionierung der Berufsbildung. Allenfalls müsste dieses Anliegen auf eine geschickte Art in eine Revision des Berufsbildungsgesetzes eingebracht werden.

1 Tagesanzeiger, Freitag, 5. Oktober 2012, S.13: „Nach Süddeutschland ins Gymi: Die Angst vor der Berufslehre…..Häufigster Grund für die Schulwahl jenseits der Grenze ist das Unbehagen der Deutschen gegenüber dem Schweizerischen Bildungssystem. Eine Berufslehre gilt in Deutschland als niedere Ausbildung mit schlechteren Verdienstaussichten. Ausserdem braucht es für die höheren Berufslehren ein Abitur. Viele Pendler glauben, dass ihre Kinder mit einem Schweizer Lehrabschluss schlechtere Berufsaussichten hätten als mit dem Abitur. Dabei ist in der Schweiz manchmal sogar das Gegenteil der Fall.“

2 BV Art. 61.a1: Bund und Kantone sorgen gemeinsam im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für eine hohe Qualität und Durchlässigkeit des Bildungsraumes Schweiz.“

3 http://www.bbt.admin.ch/themen/berufsbildung/01223/index.html?lang=de

4 http://www.bbt.admin.ch/aktuell/medien/00483/01323/index.html?lang=de

5 BBG Art. 55.3: Der Bundesrat kann weitere Leistungen im öffentlichen Interesse festlegen, für die Beiträge gewährt werden können.

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05. November 2012, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Berufslehre/Berufsmatura oder Gymnasium?

Viele Eltern sind heute noch der Meinung, dass nur der Besuch des Gymnasiums ihren Kindern den Weg zum Erfolg ebnet. Dank des durchlässigen Bildungssystems kann sich heute glücklicherweise jedoch aus jeder Ausbildung eine spannende Karriere entwickeln. Mit etwa 15 Jahren muss man sich als junger Mensch entscheiden, welchen Bildungsweg man gehen möchte. Sucht man sich eine Lehrstelle und macht allenfalls die Berufsmatura? Oder möchte man doch lieber das Gymnasium besuchen? mehr

Vor 30 Jahren hat diese Entscheidung weitreichendste Folgen gehabt. Hat man eine Spur gewählt, so war es überaus schwierig, noch einen Spurwechsel vorzunehmen. Der Wechsel zwischen gymnasialem Weg und dem Berufsbildungsweg und umgekehrt war nur mühsam zu bewerkstelligen. Viele erwachsene Personen leben noch in dieser alten Welt und vermitteln deshalb ihren Kindern Bilder, die so nicht mehr stimmen.

Situation heute

In den 90er Jahren wurden die Berufsmaturität und die Fachhochschulen geschaffen. Damit hat sich die Bildungslandschaft stark verändert. Folgende Punkte sind besonders zu erwähnen:

- Heute kann man über den Berufsbildungsweg (Berufslehre und Berufsmaturität) an einer Fachhochschule einen Hochschulabschluss erreichen. Hochschulabschlüsse sind also nicht mehr nur über den gymnasialen Weg zu erlangen.
- Zudem kann man mit einer Berufsmaturität über eine so genannte Passerelle innerhalb eines Jahres den Zugang zu den universitären Hochschulen erreichen. Früher musste man dafür die eidgenössische Maturität nachholen.
- Auch für die gymnasialen Maturandinnen und Maturanden besteht die Möglichkeit, die Spur zu wechseln. Mit einer einjährigen geregelten Arbeitswelterfahrung können sie sich den Zugang zu den Fachhochschulen erarbeiten.
- Schliesslich kann man heute auch ohne Berufsmatura einen Tertiärabschluss erreichen. Die höhere Berufsbildung (Berufsprüfung, höhere Fachprüfung, höhere Fachschule) ist durch das neue Berufsbildungsgesetz neu dem Tertiärbereich zugeordnet und hat damit eine Aufwertung erfahren. Die höhere Berufsbildung zählt heute zum Tertiär-B-Bereich, die Hochschulen zum Tertiär-A-Bereich. Übrigens können Bildungsleistungen im Tertiär-B-Bereich in Bildungsgängen an Fachhochschulen angerechnet werden.

Durchlässigkeit: Grundprinzip des heutigen Bildungssystems

Prägend für das heutige Bildungssystem ist die so genannte Durchlässigkeit. Spurwechsel – wie oben beschrieben – sollen möglich sein und sind auch möglich. Keine Ausbildung soll in eine Sackgasse führen. Die Entscheidungen, die mit 15 Jahren getroffen werden, haben daher nicht mehr so weitreichende Folgen wie früher. Sie können im Verlaufe des Lebens dank der Durchlässigkeit einfacher korrigiert werden als früher.

Eigene Begabung statt falsche Karriereträume

Immer wieder hört man, wie vor allem Eltern in städtischen Regionen ihre Kinder ins Gymnasium drängen wollen und alles unternehmen, damit ihr Kind die Aufnahmeprüfung schafft. Sie haben für ihr Kind Karriereträume und tun so, als ob der gymnasiale Weg allein das Glück versprechen würde. Im heutigen Bildungssystem sollte vielmehr darauf geachtet werden, wofür ein Jugendlicher begabt und motiviert ist. Aus jeder Ausbildung kann heute – dank dem durchlässigen Bildungssystem – eine spannende Karriere entwickelt werden, wenn man – und das ist natürlich die Voraussetzung dafür – sich engagiert und an sich arbeitet.

Arbeitslosigkeit und Bildungsrendite

Interessant sind neuere Statistiken. Sie zeigen, dass Personen, welche ihre Karriere über die Berufsbildung starten, auf dem Arbeitsmarkt sehr gute Karten haben. Personen, die über einen Abschluss der höheren Berufsbildung (Tertiär B) verfügen, sind weniger erwerbslos als Hochschulabgängerinnen – und -abgänger (Tertiär A). Und die Fachhochschulabgängerinnen und -abgänger weisen im Durchschnitt eine grössere private Bildungsrendite auf als Absolventinnen und Absolventen der höheren Berufsbildung und der Universitäten. Das heisst, wer etwas erreichen möchte, kann dies sowohl über den gymnasialen wie über den Berufsbildungsweg tun.

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27. August 2012, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Neue Ziele für die Berufsbildungspolitik

Das heute gültige Berufsbildungsgesetz aus dem Jahre 2004 ist stark geprägt von der Erfahrung eines grossen Lehrstellenmangels, wie er erstmals 1996 diagnostiziert wurde. Dieser Kontext hat sich geändert. Heute befinden wir uns in der Situation eines zunehmenden Fachkräftemangels. In der Bildungspolitik drängen sich damit neue Fragen und Probleme in den Vordergrund. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband von 170‘000 Arbeitnehmenden, möchte vier Herausforderungen hervorheben, die in der laufenden Legislatur angepackt werden müssen. mehr

Die Berufsbildungspolitik musste sich in den letzten 16 Jahren stark mit dem Thema „Lehrstellenmangel“ auseinandersetzen. Die vielen Projekte und Reformen haben erfreulicherweise zu spürbaren Verbesserungen geführt. Die Anzahl Lehrstellen konnten erhöht, die Probleme besser erfasst und wichtige Instrumente geschaffen oder verfeinert werden. Wichtigen Anteil am Erfolg und an den Verbesserungen haben namentlich

- das stark ausgebaute Lehrstellenmarketing in seinen unterschiedlichsten Formen
- die Brückenangebote, gesetzlich motiviert durch den Artikel 12 des Berufsbildungsgesetzes1
- die Möglichkeit der Finanzierung von Berufsbildungsprojekten über die Artikel 54 und 55 des neuen Berufsbildungsgesetzes
- die bewusst eingesetzte Kosten-Nutzen-Analyse in der Grundbildung in Bezug auf die Lehrbetriebe
- die Einführung des Case-Management Berufsbildung und
- die Schaffung der Attestlehre.

Natürlich hätten diese Instrumente ohne das grosse Engagement vieler Personen in den Kantonen, den Organisationen der Arbeitswelt, der Lehrerschaft und beim Bund wenig Wirkung gezeitigt.

Neue Herausforderungen

Mit dem Übergang vom Lehrstellenmangel zum Fachkräftemangel kristallisieren sich für die Berufsbildung neue Herausforderungen heraus. Noch steht man bei der Problemerfassung erst am Anfang. Niemand weiss so genau, wie eine erfolgreiche Berufsbildungspolitik im neuen Kontext auszusehen hat. Hier soll deshalb skizzenhaft versucht werden, auf einige Herausforderungen hinzuweisen.

Nahtstelle 1

Auch in Zukunft wird es Probleme an der Nahtstelle 1, d.h. beim Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II geben. Allerdings ist das Hauptproblem nicht mehr der Mangel an Lehrstellen, sondern eine mangelnde Nachfrage nach bestimmten Lehrstellen und ein Mangel an geeigneten Lehrlingen für bestimmte Lehrstellen. Die Politik wird also lernen müssen, Artikel 13 des Berufsbildungsgesetzes2 neu zu lesen und in geeigneter Weise darauf zu reagieren.

Nachholbildung

Das Berufsbildungsgesetz sieht zwar die Möglichkeit von Nachholbildungen von Personen ohne berufliche Erstausbildung vor. Es sieht aber in seiner heutigen Form nicht vor, dass die Nachholbildungen bewusst gefördert werden sollen. Travail.Suisse ist überzeugt, dass die Nachholbildungen von Personen ohne beruflichen Erstabschluss eines der zentralen bildungspolitischen Themen der nächsten Jahre werden muss. Dazu ist eine gesetzliche Änderung notwendig. Der Artikel 12 des Berufsbildungsgesetzes ist mit folgender Bestimmung zu ergänzen: „Die Kantone ergreifen Massnahmen, damit möglichst viele erwerbstätige Personen ohne beruflichen Erstabschluss über die anderen Qualifikationsverfahren einen Berufsabschluss erlangen können.“ Die Berufsbildung hat dafür zu sorgen, dass erwachsene Personen ohne beruflichen Erstabschluss, welche die Fähigkeit besitzen, einen Abschluss auf der Sekundarstufe II zu erreichen, diesen wirklich auch erreichen und so ihre Arbeitsmarktfähigkeit, ihre Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und auch ihren Zugang zur berufsorientierten Weiterbildung markant verbessern können.

Wiedereinstieg

Gemäss Artikel 32 des Berufsbildungsgesetzes3 unterstützt der Bund Angebote, die den beruflichen Wiedereinstieg ermöglichen. Diese Bestimmung hat bis heute keine Wirkung entfaltet. Sie ist toter Buchstabe. Angesichts des Fachkräftemangels ist ihr Leben einzuhauchen, indem zum Beispiel Bildungsgutscheine für Wiedereinsteigerinnen und -einsteiger mit tiefem und mittlerem Einkommen eingeführt werden. Ein Parlament, das solche Ideen abschreibt4, zeigt, dass es sich des Fachkräftemangels noch nicht bewusst ist.

Ältere Arbeitnehmende

Welche Rolle spielen angesichts des Fachkräftemangels die älteren Arbeitnehmenden in Zukunft? Das heutige Berufsbildungsgesetz sieht direkt keine Massnahmen für ältere Arbeitnehmende vor. Es ist ernsthaft zu diskutieren, ob diesbezüglich nicht Abhilfe geschaffen werden muss. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, dass Artikel 32 mit folgender Bestimmung ergänzt wird:

Art. 32 Massnahmen des Bundes
1 Der Bund fördert die berufsorientierte Weiterbildung.
2 Er unterstützt insbesondere Angebote, die darauf ausgerichtet sind:
b. älteren Arbeitnehmenden den Verbleib im Erwerbsleben zu ermöglichen.

Diese vier Beispiele zeigen, dass das Berufsbildungsgesetz angesichts des Fachkräftemangels neu gelesen und zum Teil ergänzt werden muss. Die Diskussionen und Anpassungen müssen in den nächsten drei Jahren erfolgen, so dass auf die neue Finanzierungsperiode der Bildung (2017-2020) Gelder für solche Projekte bereitgestellt werden können. Es ist zu hoffen, dass die Berufsbildung angesichts der sich neu abzeichnenden Probleme gleich kreativ, engagiert und erfolgreich ist wie angesichts des Lehrstellenmangels Mitte der 90er Jahre.

1Art. 12 Vorbereitung auf die berufliche Grundbildung

Die Kantone ergreifen Massnahmen, die Personen mit individuellen Bildungsdefiziten am Ende der obligatorischen Schulzeit auf die berufliche Grundbildung vorbereiten.

2Art. 13 Ungleichgewichte auf dem Markt für berufliche Grundbildung

Zeichnet sich ein Ungleichgewicht auf dem Markt für berufliche Grundbildung ab oder ist ein solches Ungleichgewicht bereits eingetreten, so kann der Bundesrat im Rahmen der verfügbaren Mittel befristete Massnahmen zur Bekämpfung treffen.

3_Art. 32 Massnahmen des Bundes_

1. Der Bund fördert die berufsorientierte Weiterbildung.
2. Er unterstützt insbesondere Angebote, die darauf ausgerichtet sind:

  • b. Personen, die ihre Berufstätigkeit vorübergehend eingeschränkt oder aufgegeben haben, den Wiedereinstieg zu ermöglichen.*

4http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20103298

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PD Neue Ziele für die Berufsbildungspolitik.doc 118 KB

18. Juni 2012, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

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