Themen – Arbeit – Arbeitsbedingungen

Lohndumping ist eine Realität – Lohnschutz wird wichtiger

Der heutige Bericht des SECO zur Umsetzung der flankierenden Massnahmen FlaM zum freien Personenverkehr zeigt, dass Lohndumping in der Schweiz eine Realität ist. Die Kontrollen auf dem Arbeitsmarkt im Rahmen der FlaM sind daher auch in Zukunft unabdingbar – nur so kann der Lohnschutz in der Schweiz garantiert werden. Für Travail.Suisse, den unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, ist klar, dass es einen funktionierenden Schutz der Löhne und Arbeitsbedingungen braucht, um die politischen Aufgaben der Zukunft bewältigen zu können. mehr

Die flankierenden Massnahmen wurden zeitgleich mit der Personenfreizügigkeit eingeführt, um die in- und ausländischen Arbeitnehmenden vor Verstössen gegen die schweizerischen minimalen Lohn- und Arbeitsbedingungen zu schützen. Dazu wurden 2014 mehr als 33‘000 Betriebe sowie 7‘000 meldepflichtige Selbständigerwerbende auf die Einhaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen hin kontrolliert. Dass diese Kontrollen zwingend notwendig sind, beweisen die Ergebnisse: In Bereichen ohne allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsvertrag (AVE GAV) haben die tripartiten Kommissionen bei 10% der Schweizer Arbeitgebern und bei 12% der Entsendebetriebe eine Unterbietung der üblichen Löhne festgestellt. In Bereichen mit AVE GAV haben die paritätischen Kommissionen bei 29% der kontrollierten Schweizer Arbeitgeber und bei 28% der kontrollierten Entsendebetriebe vermutete Verstösse festgestellt. „Lohndumping ist in der Schweiz eine Realität und die flankierenden Massnahmen sind absolut zentral zum Schutz des Arbeitsmarktes und der Löhne und Arbeitsbedingungen “, sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse.

Flankierende Massnahmen sind wichtig und ausbaufähig

Travail.Suisse teilt grundsätzlich die Einschätzung des SECO, wonach sich die flankierenden Massnahmen als Instrumente bewährt haben und die Kontrolldichte ausreichend ist. Es zeigen sich aber auch kritische Punkte. Einerseits muss in Bereichen ohne Mindestlohn (aus AVE GAV oder NAV) auf die orts- und branchenüblichen Löhne abgestützt werden. Das Festlegen von orts- und branchenüblichen Löhnen ist schwammig, teilweise willkürlich und durch zu tiefe Referenzlöhne nutzlos. Wird trotzdem ein Verstoss festgestellt, kommt es mit dem betroffenen Betrieb zu einem Verständigungsverfahren zur Nachzahlung, resp. Anpassung der Löhne. Diese sind 2014 aber weniger erfolgreich als 2013 verlaufen. Bei Schweizer Betrieben konnten nur 59% (2013: 69%) und bei Entsendebetrieben 70% (2013: 76%) erfolgreich abgeschlossen werden. Andererseits wurde bei 12% der überprüften Selbständigerwerbenden eine Scheinselbständigkeit vermutet. Dies ist eine beträchtliche Zunahme gegenüber den 7.4% im 2013.

Es ist endlich an der Zeit, die mit der Revision des EntsG auf den 1.1.2013 in Kraft getretenen Massnahmen gegen die Scheinselbständigkeit auf ihre Wirksamkeit zu analysieren, schliesslich hat sich die Zahl der meldepflichtigen Selbständigerwerbenden seit 2010 verdoppelt. Für Fischer ist klar: „Die Allgemeinverbindlicherklärung von Gesamtarbeitsverträgen muss erleichtert werden; wo dies nicht möglich ist, braucht es den Erlass von Normalarbeitsverträgen. Ausserdem sind die Massnahmen gegen Scheinselbständigkeit genau zu analysieren und gegebenenfalls anzupassen – nur so können die flankierenden Massnahmen effektiv angewandt und der Lohnschutz in der Schweiz garantiert werden“.

Für weitere Informationen:
Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik, 076 412 30 53

05. Mai 2015, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Teilzeitarbeit nimmt zu – Diskriminierung bleibt

Teilzeitarbeit ist in der Schweiz auf dem Vormarsch, allerdings mit starken Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Für eine stärkere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine Zunahme der Teilzeitarbeit – insbesondere bei Männern – notwendig. Um dies zu erreichen, ist die Wirtschaft gefordert. Sie muss durch verstärkte Akzeptanz von Teilzeitstellen auch für ein grösseres Angebot an Teilzeitstellen sorgen. In einem ersten Schritt muss indes dringend die Diskriminierung der Teilzeit beseitigt werden: Nur so kann die optimale Voraussetzung für deren Förderung geschaffen werden. mehr

Vergangene Woche hat das Bundesamt für Statistik (BfS) die neusten Zahlen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) präsentiert. Das BfS hebt die Zunahme von flexiblen Arbeitsverhältnissen in der Schweiz hervor: Fast die Hälfte der Arbeitnehmenden in der Schweiz unterstehen einem Modell der Wochen- oder Monatsarbeitszeit mit oder ohne Blockzeit, einer Jahresarbeitszeit oder Arbeitszeiten gänzlich ohne formale Vorgaben. Auch im europäischen Vergleich zeigt sich eine grosse Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse in der Schweiz. Gemäss einer Studie 1 der Fachhochschule Nordwestschweiz arbeiten die Arbeitnehmenden in der Schweiz also deutlich flexibler als jene in den Nachbarländern. Weniger als ein Drittel der Befragten geben an, dass ihre Arbeitszeiten vom Betrieb festgelegt werden, im Durchschnitt der europäischen Länder ist dies für fast 70% der Beschäftigten der Fall. Und insgesamt arbeiten rund 60% der Schweizerinnen und Schweizer flexibel, in der EU sind es nur 22%. Ausserdem verzeichnete die Schweiz zwischen 2005 und 2010 einen wahren Flexibilisierungsboom (massiver Anstieg der flexiblen Arbeitsverhältnisse von 48% auf 60%), während sich in den EU-Betrieben in dieser Hinsicht nur wenig verändert hat.

Teilzeitarbeit auf dem Vormarsch

In der SAKE wird auch eine Zunahme von Teilzeitarbeit festgestellt: 36% der Erwerbstätigen in der Schweiz haben eine Teilzeitanstellung; 2004 waren es noch 31.7%. Damit nimmt die Schweiz in Europa einen Spitzenplatz ein. Dies ist positiv zu beurteilen, da Teilzeitarbeit eine notwendige Voraussetzung für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt. Allerdings zeigt sich auch, dass es grosse Unterschiede in Bezug auf die Geschlechter gibt. Zwar nimmt auch die Teilzeitarbeit bei Männern laufend zu, aber mit knapp 16% liegt die Teilzeitquote bei Männern doch deutlich tiefer als mit knapp 60% bei den Frauen (vgl. Grafik 1).

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Dieser starke Unterschied zwischen den Geschlechtern ist Ausdruck einer einseitigen Verteilung der Betreuungs- und Pflegepflichten zuungunsten der Frauen. Eine Anhebung der Teilzeitquote der Männer ist unabdingbar, um eine ausgeglichenere Verteilung dieser unbezahlten Arbeit zu erreichen und so neben Fortschritten bei der Gleichstellung der Geschlechter auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Gefordert ist die Wirtschaft, die neben einem grösseren Angebot an Teilzeitstellen auch für eine bessere Akzeptanz derselben sorgen muss – ohne negative Effekte auf Lohn- und Karriereentwicklungen.

Diskriminierung von Teilzeitarbeit

Neben der mangelnden Akzeptanz wird Teilzeitarbeit im Vergleich zu Vollzeitarbeit heute besonders in zwei Bereichen diskriminiert: Zum einen führt der Koordinationsabzug in der beruflichen Vorsorge zu einer schlechteren Absicherung. Wer den vollen Koordinationsabzug von rund 25‘000 Franken hinnehmen muss, hat nur einen kleinen Teil seines Einkommens versichert und muss später mit einer tieferen Rente leben. Der in der Reform der Altersvorsorge 2020 vorgesehene Wegfall des fixen Koordinationsabzugs erachtet Travail.Suisse deshalb als zwingend notwendig zur besseren Absicherung von Teilzeitarbeit. Ebenfalls begrüsst wird die geplante Herabsetzung der Eintrittsschwelle auf 14‘000 Franken.

Zum anderen wird Teilzeitarbeit auch im Bereich der Überzeitregelungen diskriminiert. Überzeit sind Arbeitsstunden, die über den gesetzlichen wöchentlichen Höchstarbeitszeiten liegen. Für Überzeitarbeit ist grundsätzlich ein Lohnzuschlag von 25% auszurichten. Für Arbeitnehmende in industriellen Betrieben sowie für Büropersonal, technische und andere Angestellte sowie für das Verkaufspersonal in Grossbetrieben des Detailhandels beträgt die wöchentliche Höchstarbeitszeit 45 Stunden; für alle übrigen Arbeitnehmenden 50 Stunden.

Mit der heutigen Regelung beginnt Überzeit für Arbeitnehmende mit Teilzeitpensum ab der gleichen wöchentlichen Arbeitszeit wie für Arbeitnehmende mit Vollzeitpensum. Dies führt zu einer Benachteiligung der Teilzeitbeschäftigten, da sie anteilsmässig viel mehr Arbeitsstunden über die vertragliche Arbeitszeit hinaus leisten müssen, bis sie in den Bereich der kompensierten und bezahlten Überzeit kommen (vgl. Grafik 2).

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Teilzeitarbeitende werden oftmals als – für den Arbeitgeber – ideale Arbeitskräftepuffer eingesetzt. So ermöglicht zum Beispiel ein Angestellter im 50%-Pensum bei einer 40-Stundenwoche 20 fix vereinbarte Arbeitsstunden und zusätzlich 25 potenzielle Arbeitsstunden ohne Zuschläge bei starkem Arbeitsanfall. In diesem Sinn flexibel ausgelegte Teilzeitarbeit bringt aber keine Verbesserung der Vereinbarkeit, sondern erschwert diese zusätzlich, denn die Gründe für Teilzeitarbeit sind vielschichtig. Der wichtigste Grund ist die Abkehr vom klassischen Einverdienerhaushalt und damit die Aufteilung der Familien- und Betreuungspflichten, die neben der Berufstätigkeit ausgeübt werden. Weitere gewichtige Gründe sind Weiterbildungen oder die Ausübung einer Nebenbeschäftigung. Arbeitnehmende im Teilzeitpensum leisten somit nachweislich insgesamt ebenfalls ein volles Pensum; sie benötigen Planbarkeit und einen bedürfnisorientierten und zwingenden Schutz durch das Arbeitsgesetz. Die aktuell geltende gesetzliche Höchstarbeitszeit stellt den persönlichen Gesundheitsschutz der Arbeitnehmenden mit Teilzeitpensum nicht sicher und setzt falsche Anreize zum Einsatz von Teilzeitarbeit.

Travail.Suisse spricht sich klar für eine anteilsmässige Anpassung der wöchentlichen Überzeitgrenze an den Beschäftigungsgrad aus. Damit würde Überzeit beispielsweise bei einem 80%-Pensum bei 36 Stunden (bzw. 40 Stunden) einsetzen. So könnte der Realität der zunehmenden Teilzeitarbeit entsprochen werden. Ausserdem würde damit ein Schritt in Richtung Gleichstellung der Teilzeitarbeit mit Vollzeitarbeit getan und den Teilzeitarbeitenden die Vereinbarkeit von Beruf, Familie, Weiterbildung, Nebenbeschäftigung usw. erleichtert.

1 Fachhochschule Nordwestschweiz. 5. Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen 2010. Ausgewählte Ergebnisse aus Schweizer Perspektive. S. 73ff.

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28. April 2015, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Arbeitszeiten im Gegenwind

Im Zusammenhang mit der Währungskrise nach dem SNB-Entscheid zur Aufhebung des Euro-Mindestkurses betrachten die Arbeitgeber eine Verlängerung der Arbeitszeiten als Königsweg zur Krisenbewältigung. Gleichzeitig drohen mit der Auflockerung der Arbeitszeiterfassung viele offene Fragen zu entstehen, wie ein Memorandum der Universität St. Gallen beweist. Klar ist, dass die Arbeitszeiten in der Schweiz schon überdurchschnittlich lang und flexibel sind – mit den bekannten negativen Auswirkungen auf die Arbeitnehmenden. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, wehrt sich gegen jegliche Ausnutzung der Krise, um Verschlechterungen der Arbeitszeiten auf dem Buckel der Arbeitnehmenden durchzusetzen. mehr

Die Arbeitszeiten gehören zu den zentralen Elementen der Arbeitsbedingungen für die Arbeitnehmenden. Nur mit vernünftigen Arbeitszeiten und ausreichend Ruhezeiten ist die Erholung sichergestellt und nur mit verlässlicher Planbarkeit wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich. Die Arbeitszeiten sind zentral, damit die Arbeitnehmenden gesund und motiviert ihren Beitrag an Produktivität und Innovationskraft der Schweizer Wirtschaft leisten können und die Herausforderungen des Arbeitskräftemangels zu meistern.

Arbeitszeiten in der Schweiz: lang und flexibel

Die Wochenarbeitszeiten in der Schweiz sind mit durchschnittlich 44.3 Stunden deutlich länger als das europäische Mittel von 42.5 Stunden. Auch die Arbeitszeiten sind deutlich flexibler ausgestaltet als in den Nachbarländern: Die Schweiz erfuhr zwischen 2005 und 2010 einen wahren Flexibilisierungsboom (Anstieg der flexiblen Arbeitsverhältnisse von 48% auf 60%), während sich in den EU-Betrieben in dieser Hinsicht nur wenig änderte (22%). 1 Fast die Hälfte der Arbeitnehmenden in der Schweiz arbeitet ab und zu länger als 10 Stunden pro Tag wie die Schweizerische Gesundheitsbefragung zeigt 2 . Dies trägt auch zur starken Verbreitung von Überstunden bei, die von den Arbeitnehmenden oftmals als zusätzliche Belastung wahrgenommen. Im 2013 wurden in der Schweiz beinahe 200 Millionen Überstunden 3 geleistet, was umgerechnet über 100‘000 Vollzeitstellen entspricht. Zusammen mit Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, Parallelität von Aufgabenerledigung („Multitasking“), sowie dem Verschwimmen von klaren Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit führt dies zu Druck und Stress bei den Arbeitnehmenden. Gemäss einer vom Seco in Auftrag gegebenen Studie 4 fühlt sich rund ein Drittel der Erwerbstätigen in der Schweiz häufig oder sehr häufig gestresst. Dies ist eine Zunahme von 30% innerhalb von 10 Jahren. Und gemäss dem Job-Stress-Index der Universität Bern sind in der Schweiz ein Viertel der Arbeitnehmenden oder rund eine Million Menschen erschöpft und 300‘000 stehen kurz vor einem Burn-out.

Verstärkter Druck auf die Arbeitszeiten und viele offenen Fragen

Mit dem Nationalbankentscheid, die Frankenuntergrenze nicht mehr zu verteidigen, gestaltet sich die wirtschaftliche Situation in der Exportindustrie, dem Tourismus und dem Detailhandel noch herausfordernder. Die Drohung, Arbeitsplätze abzubauen oder ins Ausland zu verlagern, oder die Ankündigung der Bezahlung der Löhne in Euro erhöht die Angst um den Arbeitsplatz. Dabei hat sich insbesondere die Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit als Allerheilmittel der Arbeitgeber herauskristallisiert. Was im Einzelfall eine vorübergehend durchaus sinnvolle Massnahme sein kann, um Arbeitsplätze zu erhalten, darf auf keinen Fall missbraucht werden, um die Gewinnmargen zu optimieren – Währungsschwankungen gehören grundsätzlich zum unternehmerischen Risiko der Arbeitgeber und dürfen nicht auf die Arbeitnehmer abgewälzt werden.

Zusätzliche Unsicherheit im Bereich der Arbeitszeiten entsteht durch die geplante Auflockerung der Arbeitszeiterfassung. Ein Vorschlag des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF klärt nun – mitgetragen von den Sozialpartnern – die Grundzüge, unter denen zukünftig auf eine Erfassung der Arbeitszeiten gänzlich oder zumindest in einer detaillierten Form verzichtet werden könnte (vgl. Medienmitteilung WBF vom 22.2.2015). Die Grundzüge umfassen drei Bedingungen die kumulativ erfüllt sein müssen, damit ein Verzicht auf die Arbeitszeiterfassung zukünftig zulässig sein soll. Erstens muss der AHV-pflichtige Jahreslohn (inkl. Boni) mehr als 120‘000 Franken betragen. Zweitens müssen die Arbeitnehmenden über eine sehr grosse Zeitautonomie verfügen. Und drittens muss der Verzicht im Rahmen eines Gesamtarbeitsvertrages geschehen.

Ein im Auftrag von Travail.Suisse und durch das Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitsrecht der Universität St. Gallen erstelltes Memorandum 5 macht allerdings deutlich, dass durch die Auflockerung der Arbeitszeiterfassung eine Vielzahl neuer und offener Fragen entsteht, die Klärung bedürfen.

Gemäss dem Memorandum gelten die Schutzmassnahmen des Arbeitsgesetzes grundsätzlich auch bei einem Verzicht auf die Arbeitszeiterfassung, Unsicherheit besteht aber bei arbeitsgesetzlichen Normen die an die Arbeitszeiterfassung anknüpfen, beispielsweise bei der Beweisbarkeit von geleisteten Überstunden und Überzeit und bei der Kompensation derselben. Diese Problematik manifestiert sich im Besonderen bei Teilzeitangestellten. Ebenso sind die Einhaltung der täglichen Ruhezeit, die Kompensation der Nacht- und Sonntagsarbeit und die medizinische Untersuchung bei längerer Nachtarbeit bisher direkt von der Arbeitszeiterfassung abhängig. Weiter ist die betriebliche Arbeitszeitkontrolle eine zwingende Voraussetzung für Kurzarbeitsentschädigung. Der Verzicht auf die Arbeitszeiterfassung droht so auch ein wirksames Instrument der Arbeitslosenversicherung zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit auszuhebeln.

Vernünftig geregelte Arbeitszeiten sind zentral für die Arbeitnehmenden

Vernünftig geregelte Arbeitszeiten sind von grösster Wichtigkeit für die Gesundheit und Motivation der Arbeitnehmenden. Travail.Suisse wehrt sich dagegen, dass die Krise für eine weitere Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, insbesondere der Arbeitszeitregelungen ausgenützt wird. Die folgenden vier Forderungen sind daher von grösster Wichtigkeit:

1. Für den Prozess muss einerseits genügend Zeit für den Einbezug der Gewerkschaften und eine transparente Informationspolitik zum Nachweis der Notwendigkeit der geplanten Massnahmen zentral sein. Andererseits sind Arbeitszeiterhöhungen zwingend zeitlich zu befristen und mit einem regelmässigen Monitoring über die Wirksamkeit der Massnahmen wichtig. Ausserdem muss die Opfersymmetrie beachtet werden, so dass neben den Arbeitnehmenden auch das Management und die Shareholder ihren Beitrag leisten.
2. Der Verzicht auf die Arbeitszeiterfassung darf nicht mit einem Verzicht auf die Schutzmassnahmen für die Arbeitnehmenden gleichgesetzt werden. Die im Memorandum der Universität St. Gallen aufgezeigten offenen Fragen und Problemfelder müssen in der Konsultation zur konkreten Änderung der Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz geklärt und in der Umsetzung berücksichtigt werden.
3. Die Überzeitregelungen für Teilzeitarbeitende sind zu verbessern. Mehr als ein Drittel der Arbeitnehmenden arbeiten in einem Teilzeitpensum. Die Regelungen zur wöchentlichen Höchstarbeitszeit sowie zur Überzeit und dessen Entschädigung sind aber auf Vollzeitarbeitnehmende ausgerichtet. Anteilsmässig müssen Teilzeitbeschäftigte so viel mehr Arbeitsstunden über die vertragliche Arbeitszeit hinaus leisten, bis sie in den Bereich der kompensierten Überzeit kommen. Teilzeitarbeitende werden so zu einem Gratis-Puffer für zusätzlichen Arbeitsanfall, was aber die Planbarkeit und so die Vereinbarkeit der Arbeitnehmenden stark erschwert. Travail.Suisse unterstützt die Anpassung der wöchentlichen Überzeitgrenze anteilsmässig an den Beschäftigungsgrad, wie sie in der Motion 15.3102 „Überzeit: Gleichbehandlung von Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten“ von Nationalrat und Travail.Suisse-Vizepräsident Jacques-André Maire gefordert wird.
4. Überbordende Flexibilität verunmöglicht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gemäss Gesetz sind Arbeitnehmende mindestens zwei Wochen im Voraus über ihre Einsätze zu informieren. Diese kurze Frist wird in der Praxis oftmals noch unterschritten. Kurzfristigere Arbeitseinsätze oder Absagen von geplanten Einsätzen sind in diversen Branchen an der Tagesordnung. Dies ist für die Arbeitnehmenden eine grosse Belastung und führt insbesondere bei Teilzeitbeschäftigten zu Schwierigkeiten mit der Planbarkeit und verunmöglicht eine sinnvolle Vereinbarkeit mit Betreuungspflichten, einer Weiterbildung oder einer Zweitbeschäftigung. Travail.Suisse unterstützt den Grundsatz einer Vorankündigungsfrist von vier Wochen, wie er in der Motion 15.3101 „Erhöhung der Ankündigungsfrist der Arbeitszeiten auf vier Wochen“ von Jacques-André Maire gefordert wird.


1 Fachhochschule Nordwestschweiz. 5. Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen 2010. Ausgewählte Ergebnisse aus Schweizer Perspektive.
2 Seco. Arbeit und Gesundheit. Zusammenfassung der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2007.
3 Bundesamt für Statistik. Arbeitsvolumenstatistik.
4 Seco. Stressstudie 2010 – Stress bei Schweizer Erwerbstätigen.
5 www.travailsuisse.ch/system/uploadedfiles/3295/original/Memorandum.pdf

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26. März 2015, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Arbeitszeit im Gegenwind: Klare Schutzbestimmungen statt stetige Verschlechterung der Arbeitszeiten

Seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses steckt die Schweiz in einer Währungskrise, die den Druck auf die Arbeitnehmenden verstärkt. Die Arbeitgeber fordern insbesondere die Verlängerung der Arbeitszeiten. Dabei sind lange und flexible Arbeitszeiten und eine grosse Anzahl Überstunden bereits Realität – mit bekannten Folgen: eine Million Arbeitnehmende sind erschöpft, 300‘000 stehen kurz vor einem Burn-out. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, hält dieser Entwicklung entgegen. Anstatt die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern, müssen klare Schutzbestimmungen her. Denn nur mit motivierten und gesunden Mitarbeitenden können Betriebe auch längerfristig in der globalisierten Wirtschaft bestehen. mehr

Die Situation der Arbeitnehmenden verschlechtert sich stetig: Pflegepersonal sieht sich mit Arbeit auf Abruf, kurzfristigen Änderungen von Einsatzplänen oder überlangen Arbeitstagen konfrontiert. Detailhandelsangestellte mit Teilzeitpensen werden mit Absicht in Unterzeit getrieben, damit sie bei kurzfristig entstandenen „Löchern“ ebenso kurzfristig aufgeboten werden können – das alles zu tiefen bis Tiefstlöhnen. Kurz: Ein grosser Teil der Arbeitnehmenden droht zur Manövriermasse des Arbeitsmarktes zu werden.

Krise darf nicht ausgenutzt werden – Travail.Suisse präsentiert Lösungen

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses kann zu Problemen für die Wirtschaft führen. Gerade deshalb bieten Gewerkschaften wie die Syna auch Hand, mit Firmen über kurzfristige und zeitlich begrenzte Massnahmen zu verhandeln. Doch viele Unternehmer und Politiker wollen die Krise vor allem zur Optimierung von Gewinnmargen missbrauchen und zielen insbesondere auf die Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmenden. „Diese Entwicklung auf dem Buckel der Arbeitnehmenden ist verheerend und wird mittel- bis längerfristig Schäden hinterlassen“, sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse. „Gefragt sind klare Schutzbedingungen und faire Arbeitsbedingungen. Nur so können Arbeitnehmende den vollen Einsatz erbringen.“ Der Travail.Suisse-Vizepräsident und Nationalrat Jacques-André Maire hat nun zwei Vorstösse eingereicht, die den Arbeitsmarkt stützen und die Arbeitsbedingungen verbessern. Die Vorstösse bieten Lösungen für zwei zunehmend prekäre Problemfelder: Als erstes zu nennen ist die Aufwertung der Teilzeitarbeit, die gerade in Zeiten des Fachkräftemangels elementar ist. Die Motion 15.3102 „Überzeit: Gleichbehandlung von Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten“ soll deshalb die Überzeitgrenze dem Beschäftigungsgrad anpassen. Zu oft wächst heute ein Teilzeitpensum – addiert mit den geleisteten Überstunden – zu einer Vollzeitstelle an, der Lohn wird aber weiterhin gemäss vereinbartem Pensum vergütet. Die Teilzeitangestellten bilden so einen Gratis-Puffer für schwankenden Arbeitsanfall. Ein zweites Problemfeld ist die Ankündigungsfrist von Arbeitszeiten resp. -schichten. Heute ist sie auf zwei Wochen angelegt, was oft dazu führt, dass Einsatzpläne kurzfristig noch geändert werden können – Angestellte dienen so als Manövriermasse für eine ungenügende Ressourcenplanung und werden immer kurzfristiger und spontaner zu Einsätzen aufgeboten. Die Motion 15.3101 „Erhöhung der Ankündigungsfrist der Arbeitszeiten auf vier Wochen“ fordert die Erhöhung der Ankündigungsfrist auf vier Wochen, was die Planungssicherheit für die Angestellten erhöht und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur verbessert, sondern erst ermöglicht.

Travail.Suisse fordert Arbeitgeber und Politik auf, die Krise nicht zur Optimierung von Gewinnmargen auszunutzen. Nicht Deregulierung und Flexibilisierung sind die Rezepte, die der Arbeitsmarkt jetzt braucht, sondern gute und faire Arbeitsbedingungen für die Arbeitnehmenden. Planbarkeit von Arbeitseinsätzen, genügend Ruhezeiten und die bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie verhelfen zu gesunden und motivierten Arbeitskräften und nur diese können die Herausforderungen der Zukunft meistern.


Lockerung der Arbeitszeiterfassung schafft Lücken

Die Arbeitszeiterfassung dient dem Schutz der Arbeitnehmenden. Mit der Dokumentation werden allfällige Überstunden belegt, Ruhezeiten können eingehalten werden, Lohn- oder Zeitzuschläge für Nacht- oder Sonntagsarbeit erwirkt oder ein klarer Ferienanspruch erhoben werden. Diese Punkte sind zwar im Arbeitsgesetz definiert und behalten auch bei einem Wegfall der Arbeitzeiterfassung ihre Gültigkeit. Doch die Beweisbarkeit wird durch das Nicht-Erfassen in Frage gestellt wie ein im Auftrag von Travail.Suisse durch das Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitsrecht der Universität St. Gallen erstelltes Memorandum aufzeigt. Für Travail.Suisse sind vier Forderungen zentral:

• Der Verzicht auf die Arbeitszeiterfassung darf nicht mit einem Verzicht auf die Schutzmassnahmen für die Arbeitnehmenden gleichgesetzt werden;
• die im Memorandum der Universität St. Gallen aufgezeigten offenen Fragen und Problemfelder müssen in der Konsultation zur konkreten Änderung der Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz geklärt und in der Umsetzung berücksichtigt werden;
• das Vollzugsdefizit muss behoben werden, d.h. für die Arbeitnehmenden, die der Arbeitzeiterfassung unterstellt sind, müssen die vorgesehenen Arbeitsmarktkontrollen durchgeführt werden;
• Vergehen müssen Sanktionen nach sich ziehen und alle weitergehenden Forderungen zum Verzicht der Arbeitszeiterfassung sind abzuschreiben.

> zum Memorandum

Mehr Informationen:
- Jacques-André Maire, Nationalrat und Vizepräsident Travail.Suisse, Tel. 078 709 48 50
- Arno Kerst, Präsident Syna, Tel. 079 598 67 70
- Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Travail.Suisse, Tel. 076 412 30 53

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2015 03 26 MK TravailSuisse Arbeitszeit-im-Gegenwind Redetext G-Fischer d.docx 47 KB

2015 03 26 MK Syna Arbeitszeit-im-Gegenwind Redetext Arno-Kerst d.docx 50 KB

2015 03 26 MK TravailSuisse Arbeitszeit-im-Gegenwind Redetext JA-Maire d.docx 17 KB

26. März 2015, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Bundesrat höhlt das Verbot der Sonntagsarbeit aus

Der Bundesrat hat heute eine Verordnungsänderung präsentiert, mit der er das Verbot der Sonntagsarbeit weiter aushöhlt. Für bestimmte Shoppingzentren wird dauerhafte Sonntagsarbeit eingeführt. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, bemängelt die schwammigen Voraussetzungen und ist insbesondere schockiert, dass die Interessen der Arbeitnehmenden nicht ausreichend berücksichtigt werden. mehr

Der Bundesrat hat heute eine Änderung der Verordnung 2 zum Arbeitsgesetz (ArG) beschlossen. Über eine Ausnahmeregelung sollen gewisse Shoppingzentren in Zukunft an Sonntagen dauerhaft geöffnet sein. Die Voraussetzungen für eine Bewilligung sind dabei äusserst schwammig, und der Entscheid verbleibt bei den kantonalen Behörden. Mit dieser unnötigen zusätzlichen Ausnahme vom Verbot der Sonntagsarbeit höhlt der Bundesrat eine zentrale Schutzbestimmung für die Arbeitnehmenden weiter aus und lässt den Sonntag ein weiteres Stück zu einem ganz normalen Arbeitstag verkommen.

Kompensationsmassnahmen für die Beschäftigten unzureichend

Das Arbeitsgesetz und die dazugehörenden Verordnungen dienen dem Schutz der Arbeitnehmenden. Das Verbot der Sonntagsarbeit hat darüber hinaus auch einen grossen gesellschaftlichen und kulturellen Wert. Nur ein gemeinsamer arbeitsfreier Tag für alle ermöglicht ein intaktes Sozial- und Familienleben und die Pflege von Kontakten und Beziehungen. Mit dieser unnötigen Ausnahmeregelung höhlt der Bundesrat das Verbot der Sonntagsarbeit weiter aus und missachtet die Interessen der betroffenen Arbeitnehmenden. Dies umso mehr als die Kompensationsmassnahmen für die betroffenen Beschäftigten nicht ausreichen. „Mit dem Verzicht auf eine GAV-Pflicht für Sonntagsarbeit, macht der Bundesrat klar, dass er einseitig die Interessen der Shoppingzentren berücksichtigt“, sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse.

Für mehr Informationen:
Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik, Tel. 031 370 21 11 oder 076 412 30 53

18. Februar 2015, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

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