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Für die Arbeitnehmenden sind zwei Ja am 19. Mai besser

Die Abstimmungen vom 19. Mai sind entscheidend für die Schweiz, es geht um viel. Sowohl bei der AHV-Steuervorlage wie auch beim Waffenrecht müssen die Stimmberechtigten über Kompromisse abstimmen. Für Travail.Suisse, den unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, ist klar: Im aktuellen Umfeld ist die Annahme von beiden Vorlagen für die Arbeitnehmenden von Vorteil. mehr

Am 19. Mai stimmen die Schweizer Stimmberechtigten vor den Eidgenössischen Wahlen im Herbst das letzte Mal über Sachvorlagen ab. Es sind zwei gewichtige Abstimmungen, weil von beiden Entscheiden viel für unsere wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz und unser Zusammenleben abhängt. Bei der AHV-Steuervorlage (auch mit STAF abgekürzt) hat die Schweiz die letzte Möglichkeit ihre international geächtete Steuerpraxis zu ändern und mit international konformen Steuervorschriften zu ersetzen. Wird die Vorlage abgelehnt, wird die Schweiz für gewisse Grossunternehmen weiterhin Sondersteuervorschriften haben und damit von der EU auf eine schwarze Liste der Steuerparadiese gesetzt. Das wäre für die Reputation des Standorts Schweiz und die hier ansässigen Unternehmen – und damit für ihre Arbeitsplätze – alles andere als vorteilhaft. Die Schweiz soll nicht mit den Bermudas oder den Vereinigten Arabischen Emiraten als international geächtete Steueroasen gelten, welche die in den letzten Jahren verbesserten OECD-Standards im Bereich der Unternehmenssteuern nicht einhalten.

Werden die Steuerpraktiken mit den in der Vorlage ausgestellten Mindeststeuersätzen nicht in der ganzen Schweiz koordiniert angepasst, werden die Kantone selber versuchen den Reputationsschaden abzuwenden. Es drohen Steuergesetzänderungen in den Kantonen mit offenem Ausgang für die natürlichen Personen – für die Arbeitnehmenden. Die kantonalen Steuergesetze müssen mit der AHV-Steuervorlage zwar auch angepasst werden. Anders als bei der letzten Abstimmung haben fast alle Kantone jetzt skizziert wie sie dies tun wollen. In einigen Kantonen konnten Lösungen gefunden werden, die allen zu Gute kommt. In anderen Kantonen stehen die Entscheide noch aus. Falls Steuerdumping in einem Kanton betrieben werden soll, muss dies mit einem kantonalen Referendum bekämpft werden. Im Kanton Bern ist dies Ende November 2018 gelungen.

Wichtig ist die Tatsache, dass die im Februar 2017 abgelehnte Unternehmenssteuerreform III verbessert wurde. Sie ist nicht alter Wein in neuen Schläuchen. Natürlich geht es immer noch um die Besteuerung der Unternehmen und die Abschaffung der Sonderbesteuerung, aber es wurden die nötigen Lehren gezogen. Die grosszügigen Steuerausfälle wurden begrenzt, die grossen Unternehmen bezahlen auf nationaler Ebene künftig mehr Steuern. Für die Kantone wurden Mindeststeuersätze für die Dividendenbesteuerung von neu 50 Prozent eingeführt (für Bundessteuern 70 Prozent, 10 Prozent mehr als aktuell). Die zinsbereinigte Gewinnsteuer wurde faktisch gestrichen, die Patentbox eingeschränkt. Die Städte und Gemeinden sollen über den höheren Kantonsanteil, den der Bund den Kantonen aus der direkten Bundessteuer zahlt, berücksichtigt werden, damit ihre Steuerausfälle durch die Abschaffung der Sonderbesteuerung kompensiert werden können. Die Vorlage entspricht nicht zu 100 Prozent den Vorstellungen von Travail.Suisse, sie ist ein Kompromiss, der aber in die richtige Richtung geht und die aktuelle Situation verbessert. Ein Nein würde nicht dazu führen, dass eine bessere Vorlage entsteht, sondern die Reputation der Schweiz schädigen und längerfristig zu weniger Steuereinnahmen führen. Insbesondere wäre mit dem Nein auch der soziale Ausgleich mit der AHV-Zusatzfinanzierung, der für Travail.Suisse bei der Unternehmenssteuerreform III gefehlt hat, vom Tisch.

Der Vorwurf, die AHV-Steuervorlage sei ein Kuhhandel, weil die AHV-Finanzierung mit den Unternehmenssteuern verknüpft ist, darf nicht der Grund sein die Vorlage abzulehnen. Travail.Suisse hat immer einen sozialen Ausgleich gefordert. Die AHV ist der richtige Ort: Sie benötigt sehr schnell mehr Mittel. Mit dem Nein zur Altersvorsorge 2020 wurden die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die AHV-Rentenalterhöhung für Frauen abgelehnt. Mit der AHV-Steuervorlage werden nun die Lohnbeiträge erstmals seit 40 Jahren um je 0.15 Prozent für Arbeitgeber und Arbeitnehmende erhöht, was Mehreinnahmen von 1,2 Milliarden Franken entspricht. Diese 600 Mio. Franken Zusatzeinnahmen, die von den Arbeitnehmenden bezahlt werden, werden insbesondere von Gut- bis Bestverdienenden bezahlt, wer mehr verdient, bezahlt auch mehr. Zudem soll neu das gesamte Demografieprozent der Mehrwertsteuer an die AHV fliessen (520 Mio. Franken Mehreinnahmen) und der Bundesbeitrag an die AHV soll erhöht werden (300 Mio. Franken Mehreinnahmen). Für die AHV ist es wichtig, dass dieses Geld schon nächstes Jahr in die Kasse kommt. Wenn nicht, drohen in den nächsten fünf Jahren grössere Defizite und neue Schulden für die AHV. Damit würde es schwieriger eine gute Lösung für die künftige AHV-Sanierung zu finden. Mit der AHV-Steuervorlage können der AHV nun im letzten möglichen Moment zwei Milliarden Mehreinnahmen zugeführt werden ohne dass damit ein Leistungsabbau bei den Renten oder mit dem Rentenalter verknüpft ist. Mit einem Ja am 19. Mai kann die AHV vor einem kurzfristigen Schuldenloch gerettet und gestärkt werden!

Waffenrecht bringt mehr Sicherheit

Am 19. Mai stimmen wir auch über die Waffenrechtsvorlage ab. Aufgrund neuer Bedrohungen – nicht zuletzt wegen der Terroranschläge 2015 in Paris – hat die EU eine neue Waffenrichtlinie ausgearbeitet. Als Schengen-Staat profitieren wir Bürgerinnen und Bürger nicht nur von unserer Reisefreit und der verbesserten Sicherheit, die Schweiz hat bei Änderungen am Schengen-Vertrag auch ein Mitspracherecht und erarbeitete zusammen mit der EU eine pragmatische Lösung, welche die Schweizer (Schiess-)Traditionen speziell berücksichtigt. Trotz zurückhaltender Vorlage bringt das neue Waffenrecht mehr Sicherheit nach Europa und in die Schweiz. Grundsätzlich finden bei der neuen Waffenrechtsvorlage drei Anpassungen statt:

Verschärfter Zugang zu halbautomatischen Waffen: Halbautomatische Waffen, wie sie auch bei den Pariser Terroranschlägen verwendet wurden, sind neu ausschliesslich mittels Ausnahmebewilligung zu erwerben. Schütz/innen und Jäger/innen sind ausgenommen. Einzig müssen sie nachweisen, dass sie regelmässig schiessen, zum Beispiel indem sie bei einem Schützenverein Mitglied sind. Das Ziel ist, die Waffen, mit denen niemand Schiesssport betreibt, aus dem Umlauf zu nehmen und somit das Risiko von häuslicher Gewalt, Suizid und Terrorismus zu minimieren (dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich belegt). Für die Angehörigen der Armee wird sich nichts ändern. Sie können ihre Waffen auch weiterhin ohne Bewilligung zu Hause haben und nach der Dienstpflicht übernehmen.
Anmeldungspflicht und Markierungspflicht: Aktuelle Waffen-Besitzer/innen müssen ihre neu verbotenen Waffen bei der kantonalen Behörde anmelden. Auch werden einzelne Bestandteile von Feuerwaffen markiert, um eine allfällige Rückverfolgung zu erleichtern.
Mehr Sicherheit durch Informationsaustausch im Schengenraum: Der Informationsaustausch soll unter den Schengen-Staaten erweitert und systematischer ausgestaltet werden, um die Rückverfolgbarkeit von Feuerwaffen aller Kategorien zu verbessern und mehr Sicherheit in Europa zu gewährleisten.

Reisefreit in Europa und Arbeitsplätze in Tourismusregionen in Gefahr

Ohne die Übernahme der EU-Waffenrichtlinie würde die Schengen-Zusammenarbeit automatisch enden, ausser des eher unwahrscheinlichen einstimmigen Entgegenkommens aller EU-Staaten. Bei einem Nein hätte die Polizei somit keinen Zugang mehr zum Schengener Informationssystem (SIS), das für ihre Arbeit von grosser Wichtigkeit ist: Allein im Jahr 2018 lieferte das System 18‘000 Fahndungstreffer. Dazu kommt, dass die Schweizer Bürgerinnen und Bürger die Reisefreit in Europa verlieren würden. Wir würden in Europa wieder als Nicht-Europäer behandelt. Für Touristinnen und Touristen aus Übersee wäre für den Besuch der Schweiz auch ein zusätzliches Visum nötig. Viele würden dann wohl auf ihren Europa-Reisen nicht mehr in die Schweiz reisen, weil sie kein zusätzliches Visum besorgen wollen. Tourismusexperten schätzen die Einnahmeausfälle auf über 500 Millionen Franken mit den entsprechenden Folgen für die Arbeitsplätze in der Hotellerie- und Gastrobranche in den Tourismusregionen. Summa summarum bezahlt die Schweiz einen tiefen Preis für ein sichereres Europa. Die Vorteile einer Gesetzesannahme überwiegen bei Weitem, weshalb Travail.Suisse auch diese Vorlage aus Sicht der Arbeitnehmenden unterstützt.

Abstimmen gehen – es geht um die Zukunft der Schweiz!

Hier der Aufruf: Geht am 19. Mai auch wirklich abstimmen! Jede Volksabstimmung ist wichtig, aber diese beiden Vorlagen sind entscheidend für die Schweiz. Wir müssen uns gemeinsam zusammenraufen, damit wir als kleines Land gemeinsam vorwärtskommen. Die getroffenen Kompromisse verdienen unsere Unterstützung. Die paar Minuten sind für alle Arbeitnehmende bestens investierte Zeit.

» Das Argumentarium zur AHV-Steuervorlage finden Sie unter https://bit.ly/2HSuS2Y
» Das Argumentarium zum Waffenrecht finden Sie unter https://bit.ly/2PeJ3kC

23. April 2019, Adrian Wüthrich, Präsident

Travail.Suisse kritisiert die ungleiche Geschlechtervertretung in Schweizer Führungsgremien

Im Rahmen der alljährlichen Studie zu den Managerlöhnen setzt sich Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, auch mit weiteren Aspekten der Corporate Governance auseinander – so auch mit der Geschlechtervertretung in Führungsgremien. Während sich der Frauenanteil in den Verwaltungsräten in den letzten Jahren stetig erhöhte, wird in den Konzernleitungen nicht einmal jede zehnte Stelle von einer Frau besetzt. Der Vergleich mit anderen westeuropäischen Ländern zeigt, dass in der Schweiz Handlungsbedarf besteht. Es wird Zeit, Massnahmen zu ergreifen, damit endlich eine nachhaltige und ausgeglichene Repräsentation von Frauen in Führungsgremien stattfindet. mehr

Die Auswertung der Studie zu Frauen in Führungsgremien fällt auch dieses Jahr ernüchternd aus. In den untersuchten Unternehmen waren 2018 von 206 Konzernleitungsmitgliedern gerade 18 Frauen, was einem Frauenanteil von unter 9 Prozent entspricht. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: in den letzten 16 Jahren entwickelte sich der Frauenanteil in Konzernleitungen nur marginal. Folgt man dieser Entwicklung, müssten weitere 30 Jahre vergehen, um die vom Bundesrat geforderten 20 Prozent zu erreichen. Besonders erwähnenswert ist, dass 12 der 26 untersuchten Unternehmen gar keine Frauen in ihren Geschäftsleitungen beschäftigten. Somit wurden 2018 fast die Hälfte der Unternehmen im Sample von reinen Männergremien geführt.


Während sich der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen nur sehr schleppend entwickelt, scheint der positive Trend der letzten Jahre bezüglich des Frauenanteils in den Verwaltungsräten anzudauern. 2018 bestanden die Verwaltungsräte im Sample zu 25.6 Prozent aus Frauen. Damit verdoppelte sich in den letzten 10 Jahren der Frauenanteil in den Verwaltungsräten. Doch andere Untersuchungen zeigen, dass der positive Trend mit Vorsicht zu geniessen ist: Der Schillingreport 2019 etwa, der die 117 grössten Arbeitgeber der Schweiz untersucht, bestätigt zwar den Aufwärtstrend, aber in geringerem Mass : Im aktuellen Report machen die Frauen in den untersuchten Verwaltungsräten 21 Prozent aus. Schilling erwähnt explizit, dass auch mit diesem jährlichen Wachstum von rund 2 Prozent das Ziel von mindestens 30 Prozent Verwaltungsrätinnen im Jahr 2022 nicht erreicht wird.
Der europäische Vergleich zeigt deutlich, dass in der Schweiz Handlungsbedarf besteht. Während Frankreich mit einem Anteil von 42.1 Prozent an weiblichen Verwaltungsratsmitglieder an erster Stelle steht, gefolgt von Norwegen, Schweden, Italien mit je über 35 Prozent, belegt die Schweiz einen Platz am untersten Ende der Rangliste und deutlich unter dem westeuropäischen Durchschnitt von 29 Prozent.



Die Politik ist gefordert


2016 verabschiedetet der Bundesrat die Botschaft zur Aktienrechtsrevision, die moderate Geschlechterrichtwerte für das oberste Kader vorsieht. In Verwaltungsräten sollen mindestens 30 Prozent und in Geschäftsleitungen mindestens 20 Prozent Frauen vertreten sein. Nachdem sich der Nationalrat im Juni 2018 knapp für die Geschlechterrichtwerte ausgesprochen hat, wies der Ständerat die gesamte Vorlage Ende Jahr zurück an seine Rechtskommission, mit dem Auftrag diese zu verschlanken.


Travail.Suisse unterstützt diese Vorlage, weil sie einen wichtigen gleichstellungspolitischen Schritt in die richtige Richtung macht. Jedoch muss das Geschäft kritisch im Auge behalten werden, da eine Minderheit im Ständerat die Geschlechterquote nur in Bezug auf Verwaltungsratsmitglieder forderte. Dies würde bedeuten, dass eine dringend benötigte rechtliche Verankerung von einem Frauenanteil in den Konzernleitungen wegfällt. Hinzu kommt, dass die Umsetzung der Geschlechterrichtwerte auf einem Comply-or-explain-Ansatz beruhen soll. Das heisst, Unternehmen, welche die Richtwerte nicht erfüllen, müssen lediglich Gründe sowie Massnahmen zur Verbesserungen vorlegen. Das vorgesehene Gesetz, ohne griffige Sanktionen, wird dadurch zur Farce.


Keine Geschäftsführerinnen in Sicht


Noch düsterer wird das Bild, wenn man weibliche CEO sucht. Im Sample von Travail.Suisse war zu Jahresende keine einzige Frau an der Spitze einer Konzernleitung zu finden. Der Umfang dieses Missstandes wird im Schilling Report deutlich: gerade mal 4 von 116 CEO sind weiblich. Der gleiche Prozentsatz zeigt sich im Verwaltungsrat: nur 3 Prozent der untersuchten Verwaltungsräte haben eine Frau als Präsidentin. Gründe dafür sind sicherlich bei nicht vorhandenen Arbeitsmodellen, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern, zu finden, aber auch bei veralteten Rollenbildern und Unternehmenskulturen, die Frauen nicht für Führungspositionen vorsehen.
Des Weiteren stellt der Schilling Report fest, dass Frauen in der Geschäftsleitung überwiegend Servicefunktionen übernehmen und nur 28 Prozent der Frauen, die neu in die Geschäftsleitung eintreten, einen Posten in Kerngeschäftsfunktionen besetzen. Als Kerngeschäftsfunktionen gelten alle umsatzrelevanten Rollen im Unternehmen bzw. jene Funktionen, die im Kerngeschäft des Unternehmens sind wie z.B. Sales, Marktverantwortungen, Forschung und Entwicklung und Produktion. Unter Service-Funktion werden alle Rollen zusammengefasst, die eine Support-Funktion im Unternehmen und keine direkte umsatztreibende Wirkung haben wie z.B. Human Resources und Kommunikation. Auch daraus ergibt sich als Konsequenz, dass Frauen möglicherweise weniger als Kandidatinnen in Betracht gezogen werden, da Unternehmen immer noch nach Erfahrung und nicht nach Fähigkeit und Potential entscheiden.


Die von Travail.Suisse durchgeführte Untersuchung der Geschlechtervertretung in Führungsgremien zeigt erneut auf, dass kein Gleichgewicht der Geschlechter in Führungspositionen besteht. Dabei ist es längst überfällig, dass beide Geschlechter adäquat in Führungspositionen vertreten sind – und zwar zu gleichen Teilen. Die Politik und die Unternehmen sind nun gefordert, wegweisende Leitmassnahmen zu schaffen um dem Problem entgegenzuwirken. Um es mit einem kleinen Auszug aus dem Gedicht von Nationalrätin Andrea Gmür aus der Parlamentsdebatte zu sagen: «Es ist Zeit, dass etwas geht, dass die Welt sich leicht bewegt».


» die Medienkonferenz zu den Managerlöhnen findet am Montag, 24. Juni 2019 statt.

23. April 2019, Christoph Eichenmann, Projektmitarbeiter Managerlöhne

Gemeinsam neue Türen aufstossen

Hausangestellte in Lateinamerika arbeiten oft unter sklavenähnlichen Bedingungen. Dank Projekten von Brücke · Le pont lernen die Frauen, ihre Rechte einzufordern. mehr

Wer in El Salvador als Hausangestellte arbeitet, tut dies meist unter katastrophalen Bedingungen: 15-stündige Arbeitstage sind an der Regel, es gibt keinen Schutz durch Arbeitsverträge, Mindestlohn oder Sozialleistungen. Viele der Frauen erleben tagtäglich Diskriminierungen, gerade junge Frauen sind auch gewalttätigen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Doch ihnen bleibt keine andere Wahl: Die meisten stammen aus armen Verhältnissen und haben wenig Bildung durchlaufen. Angesichts der hohen Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt in El Salvador ist die bezahlte Hausarbeit für unzählige Frauen die einzige Einkommensmöglichkeit.

Türen öffnen

Mit dem Projekt Abriendo Puertas («Türen öffnen») unterstützt Brücke · Le pont eine Gewerkschaft salvadorianischer Hausangestellter. Die involvierten Frauen erleben eine starke Ermächtigung. Sie besuchen Berufskurse, wo sie anerkannte Ausbildungszertifikate erwerben. Mit diesen können sie selbstbewusster auftreten und einen fairen Lohn einfordern. Wichtiger Bestandteil ist auch die psychologische und rechtliche Beratung, denn viele der Frauen kennen ihre Rechte nicht und haben nicht das Geld, um sich vor Gericht verteidigen zu lassen. Damit alle Teilnehmerinnen eine Arbeitsstelle mit guten Bedingungen finden, haben die Gewerkschafterinnen in einem kollektiven Prozess eine Stellenbörse erarbeitet, die seit 2017 in Betrieb ist.

Die Wirkung des Projekts geht weit über die Teilnehmerinnen hinaus: Mit Öffentlichkeitskampagnen und Lobbying setzen sich die Frauen für alle Hausangestellten des Landes ein. Sie verlangen, dass ihre Arbeit als solche anerkannt wird und dass sie gesetzlichen Schutz erhalten. Mit Radiospots und Strassenaktionen bringen sie diese Botschaften in die Bevölkerung und sensibilisieren für ihre desolate Situation. Zudem lobbyieren sie im Parlament und bei Behörden.

Zusammenstehen gibt Kraft

Cecilia Chávez arbeitet seit 25 Jahren als Hausangestellte. Sie wünscht sich ein würdevolles Leben, auch nach der Pensionierung – dafür braucht sie eine Rente. Bisher hat sie nicht gewagt, ihre Rechte einzufordern. Der Austausch mit anderen Hausangestellten im Projekt von Brücke · Le pont hat das geändert: «Das Projekt gibt uns Kraft und Selbstvertrauen. Wir merken, dass wir nicht alleine sind.» Cecilia weiss nun, dass sie sich auf gesetzliche Regelungen stützen kann, wie das Übereinkommen 189 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO für menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte. «Es ist enorm wichtig, dass wir eine Gewerkschaft haben, wie andere Angestellte auch. Denn auch wir haben Rechte – und wir bitten nicht nur darum, wir fordern sie ein».

Zusammen haben die Frauen schon viel erreicht. Sie wollen sich mit Brücke · Le pont weiter engagieren, um die Situation der Hausangestellten langfristig und landesweit zu verbessern. Schätzungen zufolge arbeiten in El Salvador fast 90 000 Personen als Hausangestellte. Brücke · Le pont will erreichen, dass sie alle gesetzlich geschützt und als Menschen und Arbeiterinnen anerkannt werden.


Schenken Sie eine Stunde!
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23. April 2019, Fabienne Jacomet, Kommunikation und Entwicklungspolitik Brücke · Le pont

Politik muss Basis für Vereinbarkeit legen

Langsam, aber sicher kommt Bewegung in die Familienpolitik. Mit der Vaterschaftsurlaubs-Initiative heizt Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, die Diskussion an. Etliche Kantone und Gemeinden, aber auch Unternehmen begreifen, dass sie ihren Angestellten mehr als einen Tag Vaterschaftsurlaub bieten müssen, um als Arbeitgeber interessant zu bleiben. mehr

Ende letzten Jahres hat die Stadt St. Gallen 20 Tage Vaterschaftsurlaub eingeführt, anfangs 2019 zog Neuenburg als erster Kanton gleich. Auch die privaten Unternehmen begreifen, dass sie ihren Angestellten etwas bieten müssen, um als Arbeitgeber interessant zu bleiben. So führt Novartis inzwischen mit ganzen 90 Tagen bezahltem Vaterschaftsurlaub die Liste an – gefolgt von weiteren Multis wie Google (60 Tage), Johnson & Johnson oder Microsoft (40 Tage).

Nur Angestellte aus Verwaltung und Multis profitieren von aktueller Entwicklung

Das sind zwar erfreuliche News, doch die Initiative für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub fordert 20 Tage für alle Unternehmen in der Schweiz. Es darf nicht sein, dass es sich ein mittelständisches Unternehmen in Zeiten von Fachkräftemangel und der Dominanz von multinationalen Unternehmen nicht leisten kann, seinen Angestellten einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub zu bieten. Die Diskrepanz zwischen einem Arbeitgeber wie Novartis, der seinen Vätern 90 Tage bei vollem Lohn bezahlt, und den vielen KMU, die sich nicht mehr als den einen obligatorischen Tag leisten können, ist viel zu gross. Es braucht eine vernünftige politische Lösung, damit die KMU in der Schweiz den Anschluss nicht verlieren.

Verheerend wäre, wenn die Argumentation der Arbeitgeberverbände gewinnen würde. So liess der Schweizerische Arbeitgeberverband in seiner Vernehmlassungsantwort zum Gegenentwurf von 10 Tagen Vaterschaftsurlaub verlauten, ein gesetzlich verankerter Vaterschaftsurlaub sei „eine Geringschätzung gegenüber den zahllosen Anstrengungen in den Unternehmen und führe zu keiner Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Es scheint, als ob der Arbeitgeberverband noch nicht verstanden hat, dass Familie heute anders gelebt wird also noch vor 30 Jahren. Väter wollen heute bei ihrer Familie sein, wenn ein weiteres Familienmitglied geboren wird. Sie unterstützen ihre Frau, betreuen allfällige Geschwisterkinder, stehen nachts auf, trösten, wickeln, umsorgen. Und zwar völlig unabhängig vom gewählten Rollenmodell. Auch in traditionell bürgerlich organisierten Familien haben Väter heute einen anderen Platz als noch vor 30 Jahren. Und diesen Fakt gilt es politisch zu antizipieren. 20 Tage Vaterschaftsurlaub, die flexibel und in Absprache mit dem Arbeitgeber innert dem ersten Lebensjahr des Babys zu beziehen sind, sind dafür der vernünftige und richtige Ansatz.

Ein Angestellter kann so in Absprache mit dem Arbeitgeber beispielsweise zehn Tage direkt nach der Geburt beziehen und weitere zehn Tage im Verlauf des Jahres. Das wäre dann noch rund ein Tag pro Monat. Wer behauptet, das sei nicht organisierbar, soll erst erklären, wie Krankheitsfälle oder Ausfälle aufgrund des Militärdienstes organisiert werden können.

Aus Sicht von Travail.Suisse ist es längst an der Zeit, 20 Tage Vaterschaftsurlaub einzuführen. Die heutigen Väter funktionieren nicht mehr wie die Generation Männer (und Frauen), die heute mehrheitlich das nationale Parlament stellen. Gespannt darf man auf die Beratung des Ständerats in der Sommersession warten. Diskutiert werden voraussichtlich gleichzeitig die Vaterschaftsurlaubs-Initiative und ihr indirekter Gegenentwurf. Der Ständerat wird zeigen können, ob ihm eine vernünftige Familienpolitik – gerade in Zeiten von Fachkräftemangel – wichtig ist oder nicht.

Gegenentwurf versus Initiative

Die Vaterschaftsurlaubs-Initiative und ihr Gegenentwurf unterscheiden sich durch zwei Merkmale: Der Gegenentwurf fordert 10 Tage Vaterschaftsurlaub, der flexibel in Einzeltagen innert dem ersten halben Lebensjahr des Kindes einzuziehen ist, und ist auf Gesetzesebene angesiedelt. Die Initiative fordert 20 Tage – ebenfalls flexibel, aber innert dem ersten Lebensjahr zu beziehen – und soll analog Mutterschaftsurlaub auf Verfassungsebene festgeschrieben werden.

Aktuelle Erhebungen zeigen, dass ein zunehmender Teil der Arbeitnehmenden bei Unternehmen oder Verwaltungen angestellt sind, die einen Vaterschaftsurlaub bieten. Die Entwicklung betrifft aber längst nicht alle Arbeitnehmer und der Umfang des Vaterschaftsurlaubs lässt zu wünschen übrig.1 Aus Sicht von Travail.Suisse, dem Dachverband der Arbeitnehmenden, darf die Entwicklung keinesfalls in eine Richtung gehen, die KMU in der Schweiz benachteiligt. Heute sieht es aber leider danach aus: Die kleine Schreinerei mit ihren wenigen Angestellten kann sich heute nicht mehr als den einen Tag Vaterschaftsurlaub leisten. Ist es wirklich diese Entwicklung, welche die Politik für die Schweiz will?

…und dann noch das Geld

Damit sich auch das traditionelle Schweizer KMU einen Vaterschaftsurlaub leisten kann, braucht es eine solidarische Lösung über die Erwerbsersatzordnung (EO). Vier Wochen Vaterschaftsurlaub kosten gemäss Bundesrat zwischen 400 und maximal 450 Millionen Franken pro Jahr, was für Arbeitgeber und -nehmer je 0.055 Lohnprozente ausmacht. Bei einem durchschnittlichen Schweizer Monatslohn macht das je 3 Franken aus – weniger als eine Tasse Kaffee.

1https://bit.ly/2Sth29h

09. April 2019, Linda Rosenkranz, Leiterin Kommunikation

Stress in der Arbeitswelt muss beobachtet werden

Stress ist ein fixer Bestandteil der heutigen Arbeitswelt. Chronischer Stress aber bedroht die Gesundheit der Arbeitnehmenden und verursacht hohe Kosten für Wirtschaft und Gesellschaft. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, fordert ein kontinuierliches Stressmonitoring, um die Entwicklung im Auge zu behalten und geeignete Schutzmechanismen für die Gesundheit der Arbeitnehmenden zu entwickeln. mehr

In den letzten Jahrzehnten hat die Arbeitswelt grosse Änderungen erfahren. Strukturanpassungen, Produktivitätssteigerungen und Arbeitsverdichtungen haben den Druck auf die Arbeitnehmenden stetig erhöht. Arbeitsabläufe werden beschleunigt und die Arbeitnehmenden müssen ihre Arbeit immer schneller verrichten. Es entsteht Stress in der umgangssprachlichen Definition. Wird Stress zu einem Dauerzustand, so ist er eine der grössten Herausforderungen der heutigen Arbeitswelt. Arbeitsmedizinisch spricht man dann von einem chronischen Ungleichgewicht von Belastungen einerseits und Ressourcen zur Entlastung andererseits. Dies wird nicht nur als unangenehm wahrgenommen, sondern gefährdet die Gesundheit. Die Schwierigkeit liegt darin, dass kurzfristiger Stress durchaus zu Motivationssteigerung und erhöhter Leistungsbereitschaft führen kann. Der Zusammenhang zwischen (kurzfristigem) Stress als Herausforderung und Motivator und (längerfristigem oder chronischem) Stress als Gesundheitsrisiko lässt sich anhand der Ergebnisse des «Barometer Gute Arbeit» anschaulich darstellen. Personen, die nur selten gestresst sind, nehmen Stress überwiegend als nicht oder nur wenig belastend wahr. Dagegen empfinden mehr als zwei Drittel (69%) der Arbeitnehmenden, die oft oder sehr häufig gestresst sind, den Stress als starke oder eher starke Belastung (vgl. Grafik1).

Stress am Arbeitsplatz ist weit verbreitet und nimmt zu

Gemäss der Stressstudie vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) aus dem Jahr 2010 fühlen sich rund ein Drittel der Erwerbstätigen in der Schweiz häufig oder sehr häufig gestresst. Dies sind 30 Prozent mehr als noch 10 Jahre davor – neuere Zahlen fehlen leider. Im «Barometer Gute Arbeit» – einem Kooperationsprojekt von Travail.Suisse und der Berner Fachhochschule (BFH) – geben jeweils rund 40 Prozent der Arbeitnehmenden an, oft oder sehr häufig gestresst zu sein. Stress am Arbeitsplatz ist damit definitiv keine Randerscheinung, sondern ein weit verbreitetes Phänomen. Zeitdruck, Parallelität von Aufgabenerledigung („Multitasking“), ständige Arbeitsunterbrechungen durch Telefonanrufe und E-Mails sowie das Verschwimmen von klaren Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind die massgeblichen Verursacher von Stress. Die gesundheitlichen Folgen zeigen sich zum Beispiel in Schlafproblemen, chronischen Schmerzen, Herz-Kreislauf-Problemen oder Burnouts.

In einer Studie geht die Suva davon aus, dass Stress in Zukunft zu einem der grössten Arbeitsplatz-Risiken überhaupt wird. Gemäss dieser Studie sollen die psychischen und neurologischen Krankheiten bis ins Jahr 2030 um fünfzig Prozent zunehmen. Die Anzahl arbeitsbedingter, psychischer Erkrankungen wird die Anzahl der physischen Erkrankungen übersteigen. Folglich wird chronischer Stress für die Mehrzahl der ausgefallenen Arbeitsstunden verantwortlich sein – nicht mehr die Grippe. Erste Entwicklungen in diese Richtung lassen sich bereits beobachten. So berichtete der Krankenversicherer CSS unlängst über eine Zunahme der psychischen Erkrankungen um 35 Prozent im Verlauf der letzten fünf Jahre.

Die Auswirkungen auf die Betroffenen und deren Familien und Angehörigen sind immens – ebenso die wirtschaftlichen Kosten für die Gesellschaft.

Schutz vor psychosozialen Risiken statt einseitige Flexibilisierung – Politik ist gefordert

Stress ist ein Auslöser für die klassischen Verschleisserscheinungen. Diese tragen dazu bei, dass bereits heute ein Drittel der Arbeitnehmenden aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur ordentlichen Pensionierung arbeiten, sondern frühzeitig aus dem Erwerbsprozess ausscheiden. Das ist ein „Verschleiss“ von Arbeitskräften, der die schweizerische Volkswirtschaft in Zeiten der demografischen Überalterung und des damit zusammenhängenden Fachkräftemangels teuer zu stehen kommt. Dazu kommen die direkten volkswirtschaftlichen Kosten. Die Gesundheitsförderung Schweiz beziffert alleine die Produktivitätsverluste aufgrund von Absentismus und Präsentismus auf rund 6.5 Mrd. Franken. Zusätzlich fallen Gesundheitskosten und allfällige Leistungen der Sozialversicherungen bei eingeschränkter oder ausfallender Erwerbsfähigkeit an.

Obwohl die Stress-Problematik in aller Munde ist, läuft auf dem politischen Parkett ein Angriff auf die Schutzbestimmungen des Arbeitsgesetzes. Unter dem Stichwort der Flexibilisierung der Arbeitszeitregelungen sollen die Belastungsspitzen deutlich erhöht werden. Eine Ausdehnung der wöchentlichen Arbeitsstunden, verkürzte Ruhe- und Erholungszeiten und weniger klare Regelungen zur Kompensation von Überzeiten wären die Folge. Damit würden die psychosozialen Belastungen deutlich erhöht und die Gesundheit der Arbeitnehmenden in unverantwortlicher Weise aufs Spiel gesetzt. Was es aus Sicht von Travail.Suisse braucht, ist ein Ausbau des Schutzes vor psychosozialen Risiken. Ein erster Schritt dazu ist eine erneute Durchführung der beinahe 10-jährigen Stressstudie des SECO und ein kontinuierliches Stressmonitoring. Nur so kann es gelingen, die Entwicklung wirklich im Auge zu behalten und darauf aufbauend geeignete Schutzmechanismen für die Arbeitnehmenden zu entwickeln.

Ein solches Stressmonitoring fordert Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse und Nationalrat, mit der in der letzten Session eingereichten Motion „SECO-Stressmonitoring aktualisieren“ (19.3194).

09. April 2019, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik

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