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Bald hat die Schweiz einen Vaterschaftsurlaub

Die Vaterschaftsurlaubs-Initiative wurde in der vergangenen Sommersession vom Ständerat als Erstrat behandelt. Statt 20 Tage flexibel beziehbaren Vaterschaftsurlaub wie es die Vaterschaftsurlaubs-Initiative will, sollen die Väter künftig immerhin ein Recht auf 10 Tage Vaterschaftsurlaub erhalten. Das ist immerhin ein erster kleiner Schritt in die richtige Richtung. Doch zuerst entscheidet der Nationalrat in der Herbst- bzw. Wintersession über einen Vaterschaftsurlaub. mehr

Am 20. Juni hat der Ständerat ausgiebig über drei Vorschläge zum Vaterschaftsurlaub debattiert: Über die von Travail.Suisse mitlancierte Volksinitiative “Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub – zum Nutzen der ganzen Familie” mit 20 flexibel beziehbaren Tagen, über den Gegenentwurf der vorberatenden Kommission mit 10 Tagen und über einen Vorschlag, gemäss dem Ferien für den Vaterschaftsurlaub eingesetzt werden könnten. Aktive Mitstreiter/innen für einen 20-tägigen haben die Debatte auf der Besuchertribüne verfolgt. So haben die Ständerätinnen und Ständerätinnen gemerkt, dass ihre Debatte von Leuten aus der Zivilgesellschaft verfolgt wird.

Schlechtes Image wegen fehlendem Vaterschaftsurlaub

Von den insgesamt 46 Ständeratsmitgliedern haben sich 17 in der Debatte geäussert. Anders als der Bundesrat hat die vorberatende Kommission der Volksinitiative einen indirekten Gegenvorschlag mit 10 Tagen Vaterschaftsurlaub gegenübergestellt. Einerseits erkannte die Kommission das Potential der Initiative, vom Volk angenommen zu werden. Andererseits reifte bei vielen Ständeratsmitgliedern die Einsicht, dass auch die Schweiz als letztes Land in Europa einen Vaterschaftsurlaub braucht – nicht zuletzt aufgrund breiten gesellschaftlichen Diskussion. Denn klar ist, dass die Väter heute aktiv am Familienleben teilhaben wollen. Sogar für junge Gewerbetreibende wird ein Vaterschaftsurlaub immer mehr zur Selbstverständlichkeit.

Die Schweiz ist das letzte Land in Europa, die keinerlei gesetzliche Bestimmung für einen Vaterschafts- oder Elternurlaub hat – familienpolitisch ist sie ein Entwicklungsland. Das bringt der Schweiz ein schlechtes Image ein, wie treffend erwähnt wurde. Gerade international aufgestellte Unternehmen müssen ihren Arbeitnehmenden erklären, dass die Schweiz ihren Familien keine nennenswerte Unterstützung gewährt. Gerade diese grossen Unternehmen sind es heute, die von sich aus grosszügige Vaterschaftsurlaubsmodelle eingeführt haben. Die neuesten Erhebungen von Travail.Suisse zur Entwicklung des Vaterschaftsurlaubs in den grössten GAV und der öffentlichen Hand zeigen, dass es in vielen Branchen nur dank den Sozialpartnern überhaupt einen Vaterschaftsurlaub gibt und dass diese Entwicklung aber sehr langsam vorwärts geht.1

Indirekten Kosten steht indirekter Nutzen gegenüber

Die Bedürfnisse der heutigen Familien, der Väter und Mütter, wurden in der Debatte sehr differenziert diskutiert und beleuchtet. Die Kosten des Vaterschaftsurlaubs wurden interessanterweise nicht durchgehend als Gegenargument genannt. Der Gegenentwurf bedarf 224 Mio. Franken bzw. 0,6 Lohnprozente, die Initiative gemäss Botschaft des Bundesrates 420 Mio. Franken, insgesamt 0.11 Lohnprozente für die Erwerbsersatzordnung, also von Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden je zur Hälfte finanziert. Anfang Juni wurden in den Medien die indirekten Kosten eines Vaterschaftsurlaubs ins Spiel gebracht. Gewerbekreise haben Zahlen aus einer Studie zu kurzfristigen Pflegeurlauben hochgerechnet, die mögliche Aufwände bei der Organisation und Kompensation der Abwesenheit aufzeigt. Der Verein „Vaterschaftsurlaub jetzt!“ hat den Ständeratsmitgliedern vor der Debatte zusammen mit den wichtigsten Argumenten auch ein Factsheet zu den Kosten zur Verfügung gestellt und auch an die indirekten Nutzen eine Vaterschaftsurlaubs erinnert2. Väter mit Vaterschaftsurlaub sind ausgeglichenere und motiviertere Mitarbeiter und halten dem Unternehmen länger die Treue, was weniger Aufwand zur Folge hat.

Vaterschaftsurlaub ist der erste Schritt zur Elternzeit

In der Abstimmung wurde die Vaterschaftsurlaubs-Initiative mit 29 zu 14 bei einer Enthaltung abgelehnt. Unterstützung erhielt sie von den SP-Ständeratsmitgliedern, sowie je einem Mitglied der Grünen und der FDP. Der Gegenentwurf wurde dank Unterstützung der CVP mit 26 zu 16 angenommen. Das Geschäft geht jetzt an die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrates (WBK-N). Diese wird ihre Beratungen noch im Juni aufnehmen, damit der Gegenvorschlag in der Herbstsession und die Initiative in der Wintersession beraten werden kann. Die Initianten werden sich auch im Nationalrat für die Vaterschaftsurlaubs-Initiative einsetzen, da viele Vorteile des Vaterschaftsurlaubs bezüglich Vater-Kind-Bindung und Gleichstellung ab vier Wochen zum Tragen kommen. Ende Jahr wird das Resultat der parlamentarischen Beratung bekannt sein. Gemäss heutiger Einschätzung könnte die Initiative im Mai oder September 2020 zur Abstimmung kommen. Klar ist, dass der Vaterschaftsurlaub ein erster Schritt in Richtung Elternzeit von mindestens 24 Wochen ist. Diese Forderung hat Travail.Suisse seit mehreren Jahren. In rund zwei Jahren müssen alle EU-Länder neben dem Mutterschaftsurlaub einen Vaterschaftsurlaub von mindestens zwei Wochen und eine Elternzeit von mindestens je 8 Wochen für Väter und Mütter einführen. Die Schweiz hat noch einen weiten Weg vor sich. Travail.Suisse wird sich noch lange für eine umfassende und moderne Familienpolitik einsetzen – für die Gleichstellung, für die Familien, für die Arbeitnehmenden.

1 Factsheet Vaterschaftsurlaub in den Gesamtarbeitsverträgen, der öffentlichen Verwaltung und in den grösseren Unternehmen
2 Factsheet Indirekte und direkte Kosten: http://ts-paperclip.s3-eu-west-1.amazonaws.com/system/uploadedfile1s/5182/original/2019_06_20_Factsheet_Direkte-indirekte-Kosten_Vaterschaftsurlaub_d.docx?1561024843

25. Juni 2019, Adrian Wüthrich, Präsident

So unterstützt Travail.Suisse die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen

Menschen mit Behinderungen haben ein grosses Interesse, in den Arbeitsmarkt integriert zu sein – grösser als das Angebot auf Seiten der Wirtschaft. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, setzt sich über Projekte und Massnahmen seit Jahren dafür ein, dass diese Arbeitsmarktintegration besser gelingen kann. Ziel ist es, dass mehr Menschen mit Behinderungen eine ihnen entsprechende Arbeitsstelle finden. mehr

Sowohl die Ausgestaltung der Invalidenversicherung wie auch die von der Schweiz unterzeichnete Behindertenkonvention der UNO unterstützen das Anliegen der Menschen mit Behinderungen, besser in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Was kann dabei der Beitrag der Arbeitnehmendenverbände sein? Fünf Beispiele, wie Travail.Suisse die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen zu fördern versucht:

1. Menschen mit Behinderungen und der Gesamtarbeitsvertrag
Ein wichtiges Instrument, um Probleme im Arbeitsmarkt zu lösen, ist der Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Was kann ein GAV zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen beitragen? Im Rahmen einer Studie1 ist Travail.Suisse dieser Frage nachgegangen. Diese zeigt, dass Gesamtarbeitsverträge die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt auch behindern können, wie es folgender Auszug zeigt: „Wenn es in den GAVs mit Mindestlöhnen keine Regelungen zur Unterschreitung des Mindestlohnes gibt, verunmöglicht oder erschwert man Menschen mit Behinderungen und eingeschränkter Produktivität den Zugang zum Arbeitsmarkt. Die Sozialpartner mit GAVs mit Mindestlöhnen sind daher herausgefordert, Regelungen zur Unterschreitung der Mindestlöhne für Menschen, die behinderungsbedingt nur eingeschränkt produktiv sein können, festzulegen.“

GAV können aber selbstverständlich auch die Integration fördern, sei es, indem sie Lohnregelungen bei eingeschränkter Produktivität definieren, klare Bestimmungen im Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz nach Unfall oder Krankheit festlegen, der Diskriminierung aufgrund von körperlicher, geistiger oder psychischer Behinderung den Riegel schieben oder Verfahren der Integration festhalten. Jedoch muss erwähnt werden, dass die Sozialpartner mit dem Instrument des GAV einiges mehr zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen beitragen könnten. Die nächste Aufgabe muss deshalb sein, die paritätischen Kommissionen für weitergehende Schritte zu sensibilisieren und zu motivieren.


2. Menschen mit Sehbehinderungen und ihr Zugang zur öffentlichen Weiterbildung
Blinde und sehbehinderte Menschen sind wie alle anderen Menschen auch auf Weiterbildung angewiesen. Nur so können sie die Herausforderungen meistern, denen sie am Arbeitsplatz oder im persönlichen, gesellschaftlichen oder politischen Alltag begegnen. Beim Zugang zur öffentlichen Weiterbildung treffen sie aber auf Hürden, die manchmal kaum zu bewältigen sind. Sollen blinde und sehbehinderte Menschen erfolgreich an einer öffentlichen Weiterbildung teilnehmen können, haben die Kursanbietenden die vorhandenen Hürden abzubauen und den Zugang zu ihrer Weiterbildung barrierefrei zu gestalten. Was heisst das aber „barrierefrei“? Im Rahmen des Projektes von Travail.Suisse Formation TSF2 wird gemeinsam mit blinden und sehbehinderten Menschen und verschiedenen Bildungsanbietern eine Kriterienliste zur Barrierefreiheit erarbeitet. Damit soll die Zugänglichkeit von blinden und sehbehinderten Menschen zur öffentlichen Weiterbildung erhöht werden. Das ist wichtig, gerade auch für die Arbeitsmarktintegration. Denn wie eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW und der Haute École Spécialisée de Suisse occidentale HESSO zeigt: Blinde und sehbehinderte Menschen, die an einer beruflichen Weiterbildung im öffentlichen Kontext teilnehmen, erhöhen ihre Chance auf eine bessere Positionierung im Arbeitsmarkt stark3.

3. Bildungsmodul für zukünftige Führungskräfte
Für den Prozess der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen ist es ein Vorteil, wenn die betrieblichen Führungskräfte für dieses Thema sensibilisiert sind und über grundlegendes Wissen diesbezüglich verfügen. Im Rahmen eines gegenwärtig geplanten Travail.Suisse-Projektes soll ein Bildungsmodul erarbeitet werden, das die Bildungsanbieter von Führungskursen – z.B. die Höheren Fachschulen – in ihr Angebot aufnehmen können. Die Bildungsanbieter sollen dabei schon früh ins Projekt aufgenommen werden, damit sie die Inhalte und die Ausgestaltung des Moduls entsprechend ihren Bedürfnissen mitgestalten können.

4. Menschen mit Behinderungen und ihr Zugang zur Berufsbildung
In den strategischen Leitlinien der Berufsbildung 2030 wird von den Verbundpartnern festgehalten: „Wir gestalten eine Berufsbildung, die Jugendlichen und Erwachsenen mit unterschiedlichen Voraussetzungen (kursiv, sc.) den Einstieg beziehungsweise den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt ermöglicht.“4 In diesem Satz sind auch die Menschen mit Behinderungen mitgedacht. Travail.Suisse hat es übernommen, im Auftrag des verbundpartnerschaftlichen Steuergremiums von Berufsbildung 2030 das Thema „Menschen mit Behinderungen und ihr Zugang zur Berufsbildung“ zu bearbeiten. Ein erster Workshop zu diesem Thema hat schon unter Teilnahme von betroffenen Personen, Organisationen und Bildungsanbietern stattgefunden.5 Nun geht es darum, die Ergebnisse des Workshops unter Beteiligung der Betroffenen in konkrete Projekte und Massnahmen umzugiessen.

5. Zusammenarbeit mit anderen Akteuren
Die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen funktioniert nur, wenn viele Akteure Hand in Hand zusammenarbeiten. Für Travail.Suisse ist es daher wichtig, sich mit anderen Akteuren zu vernetzen. So ist Travail.Suisse als Dachverband der Arbeitnehmenden dem vom Arbeitgeberverband gegründeten Verein „Compasso“ beigetreten und arbeiten dort im Beirat mit. Ebenso ist Travail.Suisse Solidarmitglied beim Dachverband der Behindertenorganisationen „Inclusion Handicap“. Schliesslich arbeitet Travail.Suisse auch in der Begleitgruppe des Programms “Gleichstellung und Arbeit” des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen mit.

1 Bruno Weber-Gobet, Über Gesamtarbeitsverträge die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt fördern (Volltext), Bern 2. überarbeitete Auflage, September 2018.
2 Genaue Informationen zum Projekt sind zu finden unter https://www.ts-formation.ch/den-zugang-zur-weiterbildung-fuer-menschen-mit-behinderungen-verbessern-2/
3 „Die Teilnahme an einer beruflichen Weiterbildung hat einen positiven Einfluss auf die Stellenprozente. Keine Teilnahme an einer Weiterbildung bzw. wenn ausschliesslich eine sehbehindertenspezifische Weiterbildung absolviert wird, bedeutet dies eine 3- bis 6-fach niedrigere Chance auf eine Vollzeit- oder eine gewünschte Teilzeitstelle.“ SAMS: Studie zum Arbeitsleben von Menschen mit Sehbehinderung, September 2015, S.18.
4 https://berufsbildung2030.ch/images/pdf_de_en/vision2030d.pdf
5 https://www.sbfi.admin.ch/sbfi/de/home/bildung/berufsbildungssteuerung-und—politik/verbundpartnerschaft/verbundpartnertagung/verbundpartnertagung-2019.html

25. Juni 2019, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik

Betreuende Angehörige haben Bedürfnisse – nicht nur in Notfällen

Die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats (SGK-NR) wird im August erstmals den Gesetzesentwurf des Bundesrates über die betreuenden Angehörigen behandeln. Auf dem Tisch liegen vier Massnahmen zur Förderung der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Betreuungsaufgaben für Angehörige. Obwohl diese Massnahmen nicht einmal ausreichen, um die wichtigsten Bedürfnisse zu decken, werden sie von einigen politischen Kreisen bereits bekämpft. mehr

Der Entwurf des Bundesrates behandelt nur Notfälle, er bietet keinen langfristigen Lösungsansatz für die Care-Arbeit. Dennoch sind die vier vorgeschlagenen Massnahmen ein wichtiger erster Schritt. Die kurzfristigen Abwesenheiten, bei denen die Regierung die Lohnfortzahlung auch für Personen ohne Unterhaltspflicht gesetzlich verankern will, der neue Langzeiturlaub von 14 Wochen für Eltern mit schwerkranken oder verunfallten Kindern oder eine Lockerung der Kriterien für die Gewährung von Betreuungsgutschriften: Diese drei Massnahmen müssen unterstützt werden. Travail.Suisse unterstützt auch die vierte Massnahme, die die Beibehaltung der Intensivpflegezuschläge (IPZ) und der Hilflosenentschädigung beim Spitalaufenthalt eines Kindes fordert.

Travail.Suisse hielt bereits in der Stellungnahme zur Vernehmlassung1 fest, dass die von der Regierung vorgeschlagenen Massnahmen minimalistisch und lückenhaft sind. Die vier Massnahmen, die Ende August von der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates (SGK-NR) diskutiert werden, sind deshalb als erster Schritt möglichst unverändert zu übernehmen. Für Travail.Suisse ist es allerdings von höchster Wichtigkeit, dass eine echte, kohärente und sektor-übergreifende Politik zugunsten der betreuenden Angehörigen verfolgt wird, die einen gezielten Aktionsplan und spezifische Massnahmen umfasst. Travail.Suisse ist sich bewusst, dass eine solche Politik ihren Preis hat, aber in Anbetracht des enormen Beitrags, der momentan von den betreuenden Angehörigen unentgeltlich geleistet wird2, dürfen die Behörden nicht einfach untätig zuschauen. Denn es ist keineswegs garantiert, dass dies künftig weiterhin so sein wird.

Von den betreuenden Angehörigen sind zwei Drittel berufstätig. Diese Gruppe gefährdet ihre Gesundheit und ihre finanzielle Zukunft. Es ist bekannt, dass rund 40% von ihnen psychische Probleme haben und dass eine von vier betroffenen Frauen angibt, dass ihr Engagement sich negativ auf ihre Karriere auswirkt. Ganz klar ist, dass bei einer Arbeitszeitverkürzung oder der Aufgabe der Berufstätigkeit, um die Eltern oder andere Familienmitglieder zu betreuen, die künftige Rente unter einer Verringerung oder einer Lücke der Sozialbeiträge leidet. Davon sind mehrheitlich Frauen betroffen.

Die Alterung der Bevölkerung lässt den Bedarf steigen

Gemäss der heutigen Bevölkerungsstruktur und der künftigen demografischen Entwicklung erreichen in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge (Babyboomer) das Rentenalter. Die Menschen werden immer älter, während die Geburtenrate stagniert und es auf der anderen Seite der Alterspyramide viel weniger Kinder und Jugendliche gibt. Als unmittelbare Folge dieser Alterung mit unterschiedlichen Ursachen haben Wirtschaft und Unternehmen Mühe, Fachkräfte zu finden: Hier zeigt sich der Fachkräftemangel, über die sich die Wirtschaft regelmässig beklagt. Die Gesellschaft muss weiterhin auf die Hilfe, die Unterstützung und die Betreuung zählen können, die im Familienkreis und darüber hinaus geleistet werden. Denn diese Arbeit kann unmöglich über kostenpflichtige Dienstleistungen abgedeckt werden. Bund und Kantone müssen zwingend die Tragweite der Herausforderung erfassen. Und dann muss die Politik bereit sein, sinnvoll in gute Massnahmen zu investieren, die den betreuenden Angehörigen langfristig helfen.

Langfristig braucht es weitere Massnahmen

Es wird noch weitere Massnahmen brauchen, um Berufstätigkeit und Care-Arbeit zu vereinbaren. Um die Gesundheit der stark engagierten betreuenden Angehörigen zu erhalten, muss eine bezahlte Auszeit geschaffen werden, wie dies die parlamentarische Initiative3 Meier-Schatz vorsieht, der vom Parlament Folge gegeben wurde: Betreuende Angehörige müssen mindestens einmal pro Jahr eine Auszeit erhalten. Aus finanzieller Sicht sind mehrere Möglichkeiten zu prüfen. Auch wenn sie nur symbolischen Charakter haben, müssen Entschädigungen für betreuende Angehörige landesweit eingeführt werden (nur wenige Gemeinden und Kantone wie Freiburg oder Basel-Stadt kennen solche Entschädigungen). Die Assistenzbeiträge der IV müssen anders als heute den Angehörigen gewährt werden können. Die Hilflosenentschädigungen der AHV müssen verdoppelt werden können, wenn Pflege und Betreuung zuhause erfolgen, wie dies die IV erlaubt. Arbeitslose, die Angehörige pflegen, sollten eine Verlängerung der AVIG-Rahmenfrist erhalten, gemäss dem Modell, das bei Aus- und Weiterbildungen angewandt wird. Schliesslich soll der Staat den fehlenden Arbeitgeberanteil übernehmen, wenn jemand für die Betreuung von Angehörigen die Arbeitszeit reduziert oder die Berufstätigkeit gar aufgibt.

In Abstimmung mit der neu gegründeten Interessengemeinschaft Angehörigenbetreuung (IGAB ) wird Travail.Suisse demnächst die Mitglieder der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates informieren.

1 Siehe die Stellungnahme von Travail.Suisse (nur auf Französisch)
2 Gemäss dem BFS werden 1,7 Milliarden Stunden «Sorge- und Pflegearbeit» bei Kindern und Erwachsenen geleistet, informelle Freiwilligenarbeit für Erwachsene und weitere Leistungen für Verwandte und Bekannte. Insgesamt schätzt man, dass 35 % der ständigen Wohnbevölkerung im Alter zwischen 15 und 64 Jahren in der Schweiz regelmässig Kinder oder Erwachsene betreuen. Dies entspricht 1,9 Millionen Menschen. Die grosse Mehrheit dieser Personen ist erwerbstätig.
3 https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20110412

25. Juni 2019, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

Sessionsvorschau Sommersession 2019

In der Sommersession werden im Parlament einige Vorlagen beraten, die für die Arbeitnehmenden in der Schweiz von zentraler Bedeutung sind. Gerne präsentieren wir Ihnen die Haltung von Travail.Suisse zu ausgewählten Geschäften.

Als unabhängiger Dachverband der Arbeitnehmenden setzt sich Travail.Suisse in der Politik und als nationaler Sozialpartner für Arbeit mit Zukunft ein. Mehr zu unserem Kongresspapier Arbeit mit Zukunft erfahren Sie im Dokument.

Wir wünschen Ihnen eine gute Session und stehen für Fragen jederzeit gerne zur Verfügung (Geschäftsstelle: 031 370 21 11).

Zur Sessionsvorschau:

29. Mai 2019, Adrian Wüthrich, Präsident

Alle Frauen (und Männer) zum Streik vom 14. Juni 2019!

Die Mitgliedsverbände von Travail.Suisse unterstützen den Frauenstreik vom kommenden 14. Juni und werden sich daran beteiligen. Alle Mitglieder, ob Männer oder Frauen, sind eingeladen, ihre wie auch immer geartete Unterstützung kundzutun. Niemand wird ausgeschlossen. Es gilt, aktiv ein Zeichen zu setzen, denn die Gleichstellung von Frau und Mann ist ein Anliegen, das uns alle angeht. Ganz gleich, ob es um die Familien- und Hausarbeit oder um die Lohngleichheit in den Unternehmen geht – das Engagement aller Frauen und Männer ist nach wie vor wichtig und notwendig. mehr

Vor Kurzem sahen sich gewisse Tageszeitungen, die um Beachtung buhlen, bemüssigt, die Frauen, die am kommenden 14. Juni streiken wollen, in reisserischen Schlagzeilen des «Sexismus mit umgekehrten Vorzeichen» zu bezichtigen, weil sie die Männer bei der landesweiten Mobilisierung in den Städten und Regionen ausschliessen wollten. Man darf sich indes nicht täuschen lassen: Es handelt sich dabei um reine Stimmungsmache, die darauf abzielt, eine Polemik über ein nicht existierendes Problem zu entfachen.

Zwar hat das allererste Manifest, das von den Assises féministes romandes im Sommer 2018 erarbeitet wurde, eine relativ radikale Position vertreten1. Dieses Kollektiv, welches den Frauenstreik 2019 initiiert hat, wollte im vorbereitenden Denkprozess die Frauen, und nur die Frauen, zu Wort kommen lassen. In dieser Phase wurde den Männern de facto keine Mitsprache gewährt.

Der Grund liegt in einer Feststellung, die durch wissenschaftliche Studien mehrfach bestätigt wurde: Bei öffentlichen Anlässen mit einem gemischten Publikum halten sich viele Frauen nach wie vor zurück und verzichten auf eine Wortmeldung. Dies ist die Folge einer jahrzehntelangen sozialen Konditionierung in Familie und Gesellschaft, wo es nicht gern gesehen wird, wenn eine Frau aufsteht und selbstbewusst ihre Forderungen stellt. Es ist nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen, «wenn es Durchsetzungsvermögen braucht, um mit der Kraft seiner Stimme, mit ‘natürlichem’ Charisma oder seiner Dominanz in die Diskussion einzugreifen, anderen ins Wort zu fallen, Entscheidungen herbeizuführen», wie dies die scheidende Ständerätin Géraldine Savary aufgrund ihrer langen politischen Erfahrung sehr treffend beschreibt.

Tief verwurzelte soziale Normen

Wir schreiben aber das Jahr 2019, und die Frauen sind mittlerweile bei den Universitäts- oder Hochschulabsolventen gegenüber den Männern in der Überzahl. Die Dreissigjährigen von heute zeigen nicht mehr die gleiche Zurückhaltung wie ihre Mütter und Grossmütter. Die traditionellen Rollenbilder und die sozialen Normen halten sich jedoch hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen.

Géraldine Savary hat in einer Stellungnahme in der Tageszeitung Le Temps2 auf diesen Umstand hingewiesen: «Aus diesen nicht gemischten Sitzungen, die durch eine nicht hierarchische Gesprächskultur geprägt waren, sind neue, bis dahin unbekannte Forderungen hervorgegangen, die heute breite Anerkennung finden.» Nach anfänglichen Zweifeln ist sie heute davon überzeugt, dass die freie Meinungsäusserung nicht die gleiche gewesen wäre, wenn der Denkprozess in der Anfangsphase in gemischten Sitzungen stattgefunden hätte. Und sie schliesst ihren Kommentar gewieft mit den Worten: «Selbstverständlich sind die Männer an den Demonstrationen vom 14. Juni willkommen. Aber so, wie es die Frauen in den Fussballstadien sind: um ihr Team anzufeuern.» Das heisst, mit einer gewissen Zurückhaltung, selbst wenn ihre Unterstützung unverzichtbar ist.

Das Genfer Gewerkschaftskollektiv hat im Übrigen verschiedene Möglichkeiten angedacht, wie die Männer den Frauenstreik auf sinnvolle Weise unterstützen können3. Auch ist anzumerken, dass in der Deutschschweiz ein Verein feministischer Männer gegründet wurde: «Die Feministen»4 – Männer, die mit den geschlechterspezifischen Rollen, Erwartungen und Vorstellungen unserer Gesellschaft unzufrieden sind. Für sie sind Femininität und Maskulinität lediglich soziale Konstrukte. Sie teilen damit die Auffassung der grossen französischen Feministinnen wie Elisabeth Badinter oder, bereits vor ihr, Simone de Beauvoir.

Um zum Frauenstreik vom 14. Juni zurückzukommen: Die Mitgliedsverbände von Travail.Suisse sind sich einig, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern im realen Alltag noch nicht verwirklicht ist. An ihrer Versammlung vom 24. April 2019 haben die Delegierten ihre Unterstützung für den Frauenstreik mit der Verabschiedung des eigenständigen Manifests von Travail.Suisse 5 zum Ausdruck gebracht. Es sind verschiedene regionale Aktionen geplant.

Das Manifest von Travail.Suisse ist bewusst inklusiv

Die Präambel dieses Manifests gibt die Stossrichtung vor: « … weil die Gleichstellung von Frau und Mann uns alle angeht, … weil alle die gleichen Chancen und die gleichen Möglichkeiten und ein selbstbestimmtes Leben haben sollen, … weil alle ihre Bedürfnisse unabhängig abdecken können müssen, … weil alle für sich selbst und für Personen, die von ihnen abhängig sind (Kinder, hilfsbedürftige Angehörige, aber auch Personal), Verantwortung übernehmen müssen, … weil die Werte von Travail.Suisse (Solidarität, sozialer Dialog und Sozialpartnerschaft) unantastbar sind».

Das Manifest legt den Fokus auf fünf Punkte:
1. den Kampf gegen die Lohndiskriminierung vor Ort
2. den Kampf gegen die Diskriminierung der Mütter auf dem Arbeitsmarkt
3. die Schaffung der nötigen Rahmenbedingungen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Care-Arbeit zugunsten von hilfsbedürftigen Kindern und Erwachsenen sicherzustellen
4. die Einführung von staatlichen Massnahmen zur Förderung der Elternschaft
5. die Einführung von menschenwürdigen Arbeitsmodellen für die Zukunft

In Bezug auf den ersten Punkt und ganz konkret haben die Delegierten ein neues Projekt von
Travail.Suisse und ihren Mitgliedsverbänden gutgeheissen: die Begleitung der Umsetzung des revidierten Gesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann. Das Gleichstellungsgesetz (GlG) wird die Unternehmen schon bald dazu verpflichten, die Lohngleichheit in ihren Betrieben systematisch zu überwachen. Dieses Projekt ist jetzt in Vorbereitung und wird rechtzeitig zur Inkraftsetzung der revidierten Gesetzesbestimmungen, voraussichtlich 2020, einsatzbereit sein.

Eine echte Gleichstellung, welche von Frauen und Männern gleichermassen gewollt und gelebt wird, ist ein Anliegen, das uns alle angeht.


1 Nachzulesen auf der Website des Frauenstreiks unter www.frauenstreik2019.ch.
2 Géraldine Savary, «La tribune aux femmes, les tribuns sur le banc», Le Temps, Ausgabe vom 5. Mai.
3 «Le 14 juin, c’est la Grève des femmes* / Grève féministe. Je suis un homme… Que faire ? Comment soutenir ?», Collectif genevois, zu finden auf der Website zum Frauenstreik.
4 www.feministen.ch
5 Zu finden auf der Website von Travail.Suisse.

Travail.Suisse, Hopfenweg 21, 3001 Bern, Tel. 031 370 21 11, info@travailsuisse.ch,
www.travailsuisse.ch

20. Mai 2019, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

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