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Der Druck auf Arbeitnehmende steigt

Das «Barometer Gute Arbeit» wird jährlich als Kooperationsprojekt der Berner Fachhochschule und Travail.Suisse, dem unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, herausgegeben. Die repräsentativen Ergebnisse beleuchten die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Schweiz und ihre Veränderungen. Die Ausgabe 2017 zeigt grosse psychosoziale Belastungen, mangelnde Förderung der Weiterbildung und den Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitsplatzsicherheit. mehr

Der Druck auf die Arbeitnehmenden ist hoch und psychosoziale Belastungen wie Stress oder emotionale Erschöpfungszustände nehmen zu. Gleichzeitig verlieren Arbeitnehmende immer mehr die Hoheit über ihre freie Zeit, was die Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Privatleben erschwert. Dazu kommen mangelhafte Investitionen der Arbeitgeber in ihre Angestellten – etwa in Mitarbeitergespräche oder Weiterbildungen. Neu ist die Angst, aufgrund der Digitalisierung den Arbeitsplatz zu verlieren.

Druck auf Arbeitnehmende steigt stetig

Die Ergebnisse des Barometer 2017 zeigen, dass Arbeitnehmende zunehmend stärkeren psychosozialen Belastungen ausgeliefert sind: „41 Prozent der Befragten fühlen sich oft oder sehr häufig durch ihre Arbeit gestresst, das sind eindeutig zu viele“, sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse. „Stress und emotionale Erschöpfung sind heute für viele Alltag – das darf nicht sein.“ Die Ergebnisse der Studie zeigen auch, dass Arbeitnehmende heute massiv weniger Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeiten haben: Zwischen 2015 und 2017 hat der Anteil von 38 auf 47.8 Prozent zugenommen. „Das schadet der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben“, sagt Fischer. Dieser Befund gewinnt an Bedeutung, da das Arbeitsgesetz von Arbeitgeberseite seit längerem traktiert wird. Gefordert werden die Abschaffung der Arbeitszeiterfassung, noch mehr Flexibiltät und längere Arbeitszeiten – am besten ohne Pausen. Dabei wird der beschleunigte Strukturwandel aufgrund der Digitalisierung als Vorwand für weitere Flexibilisierungen vorgeschoben. „Travail.Suisse wird Angriffe auf das bestehende Arbeitsgesetz unter dem Deckmantel der Digitalisierung bekämpfen“, sagt Fischer.

Keine Veränderungsmöglichkeiten

Arbeitnehmende in der Schweiz stehen stärker und häufiger unter Druck, sie verlieren immer mehr die Hoheit über ihre freie Zeit, die Löhne stagnieren und Standortbestimmungen und Förderung der Weiterbildung führen ebenfalls ein Mauerblümchen-Dasein. Über die Hälfte der Arbeitnehmenden verfügt über kein jährliches Mitarbeitergespräch oder erlebt es nicht als konstruktiv und hilfreich. Ebenfalls fast die Hälfte wird nicht oder zuwenig in seiner Weiterbildungstätigkeit gefördert. Zudem investieren Arbeitgeber stärker in bereits höher anstatt in tiefer Qualifizierte. „Insbesondere tiefer qualifizierte Arbeitnehmende drohen so den Anschluss und die Arbeitsmarktfähigkeit zu verlieren“, sagt Fischer. So glauben 52.6 Prozent der Arbeitnehmenden nicht oder kaum daran, bei Stellenverlust wieder eine vergleichbare Stelle zu finden – auch dieser Anteil hat gegenüber 2015 zugenommen. Mitarbeitergespräche und Weiterbildungen sind gerade für Erwerbstätige zwischen 40 und 45 Jahren zentral. Sie müssten von einer Standortbestimmung profitieren können, damit auch die Dequalifizierungen aufgedeckt werden könnten, die sich über die Jahre eingeschlichen haben. Damit können Betroffene das Risiko, zu älteren Arbeitslosen zu werden, massiv minimieren. Gerade heute, in Zeiten von Fachkräftemangel und Digitalisierung, müssten Arbeitnehmer die Möglichkeit erhalten, sich immer weiter zu qualifizieren, um bis zu Pensionierung die Arbeitsstelle behalten zu können.

Hände weg vom Arbeitsgesetz und zwei weitere Forderungen

Zukunftsfähige Arbeit muss die Gesundheit der Arbeitnehmenden schützen, ihre Motivation erhalten und ein gewisses Mass an Sicherheit bieten. Auf Basis der aktuellen Resultate des „Barometer Gute Arbeit“ stellt Travail.Suisse folgende Forderungen:

1. Hände weg vom Arbeitsgesetz
Erst kürzlich wurde die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 50 Stunden gefordert. Ebenfalls auf der Agenda der Arbeitgeber ist die Abschaffung der Arbeitszeiterfassung. Beides bekämpft Travail.Suisse vehement. Die Aufhebung der Arbeitszeiterfassung führt einzig zu mehr Gratisarbeit und eine 50 Stunden Woche zu noch grösserer Belastung der Arbeitnehmenden. Das Arbeitsrecht soll nicht verschrottet, sondern muss zwingend verbessert werden – dies gilt gerade mit dem zu erwartenden Wandel durch die Digitalisierung.

2. Mehr Weiterbildung – auch für tiefer qualifizierte Arbeitnehmende
Aufgrund von Fachkräftemangel und beschleunigtem Strukturwandel müssen Arbeitnehmende ihre Qualifikationen ständig überprüfen und anpassen. Für Travail.Suisse ist der Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit ein zentrales Anliegen. Dazu müssen neben den Arbeitnehmenden auch die Arbeitgeber mit mehr Engagement beitragen. Travail.Suisse fordert ausserdem einen Fonds, damit Weiterbildungen und Umschulungen für (ältere) Arbeitnehmende im Zuge der Digitalisierung finanziert werden können.

3. Inländervorrang muss wirkungsvoll umgesetzt werden
Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative erfordert eine bessere Ausschöpfung des inländischen Arbeitskräftepotenzials. Mehr als die Hälfte aller Befragten gaben an, dass es für sie gar nicht oder gering einfach wäre, eine vergleichbare Arbeit mit vergleichbarem Lohn zu finden falls, sie ihre Arbeit verlieren. Diese Tatsache belastet die Arbeitnehmenden überproportional. Mit der Stellenmeldepflicht bekommen inländische Arbeitnehmende einen Vorteil – allerdings nur mit einer entsprechend wirkungsvollen Umsetzung mit wenigen Ausnahmen und kurzer Übergangszeit. Die Massnahmen müssen zwingend ab 2018 Wirkung erzielen, um das Vertrauen der Arbeitnehmenden zu gewinnen.

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Weitere Informationen:
• Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse, 079 287 04 93
• Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Travail.Suisse, 076 412 30 53

23. November 2017, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik

„Die Altersvorsorge 2020 ist im Interesse aller Generationen!“

Wir werden älter und die Baby Boomer kommen ins Rentenalter. Deshalb braucht die Altersvorsorge mehr Geld. Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, fordert zusammen mit Vertreter/innen verschiedener Altersgruppen alle Generationen auf, mit 2x Ja am 24. September zu finanzieller Stabilität und sicheren Renten beizutragen. Wer polemisch die Generationen gegeneinander ausspielt, hat nur eines im Sinn: das Erfolgsmodell AHV frontal anzugreifen. mehr

Sagen die Mehrheit der Schweizer Stimmbevölkerung und der Kantone am 24. September 2x Ja zur Altersvorsorge 2020 und zur Erhöhung der Mehrwertsteuer, so erhalten alle Generationen sichere Renten. Gerade die AHV mit ihrer Umlagefinanzierung lebt von der Generationensolidarität. Dieses Prinzip hat sich bewährt und begründet das Erfolgsmodell AHV als staatstragende Institution der Schweiz.

Junge profitieren von der Reform

Die Altersreform hat ihren Preis, auch für die Jungen. Aber sie bietet viele Verbesserungen, wie etwa die Zusatzfinanzierung über die Mehrwertsteuer. Sie verhindert ein Milliardenloch in der AHV, das die jungen Generationen alleine decken müssten. Ausserdem bringt die Reform eine bessere Versicherung von Teilzeitarbeit bei der Pensionskasse, was der jüngeren Generation stark entgegenkommt. Weiter wird mit der Senkung des Umwandlungssatzes die ungewollte Querfinanzierung von Jung zu Alt in den Pensionskassen unterbunden. Es ist angebracht in Erinnerung zu rufen, dass Generationensolidarität eine Notwendigkeit ist. Die jüngere Generation hat ein starkes Eigeninteresse an einer gesamtgesellschaftlich organisierten Generationensolidarität und damit an einer solid finanzierten AHV – denn ohne müsste wieder jede und jeder privat für seine Eltern aufkommen.

Ältere Arbeitnehmende profitieren von der Reform

Leider wird noch viel zu wenig erwähnt, dass heute der Verlust der Stelle vor der Pensionierung auch der Verlust des Anrechts auf eine Pensionskassenrente bedeutet: Das angesparte Geld landet auf einem Freizügigkeitskonto und wird unter Umständen noch vor dem ordentlichen Pensionierungszeitpunkt von der Sozialhilfe aufgebraucht. Die Folge ist Mittellosigkeit im Alter und eine Belastung der Ergänzungsleitungen. Die Altersvorsorge 2020 ermöglicht über 58-jährigen, die ihre Stelle verlieren, neu bei der bisherigen Pensionskasse zu verbleiben und später eine normale Pensionskassenrente zu beziehen. Ebenfalls zu erwähnen ist die flexible Pensionierung, die es neu erlaubt, in Abhängigkeit des eigenen Gesundheitszustands und der Arbeitsmarktsituation individuelle Lösungen zu treffen.

Bisherige Rentnerinnen und Rentner profitieren von der Reform

Die Renten der heutigen Rentnerinnen und Rentner werden nicht angetastet. Und von solideren AHV-Finanzen profitieren sie direkt: Ihre Renten können weiterhin alle zwei Jahre an die Lohn- und Preisentwicklung angepasst werden (Mischindex). Es ist deshalb folgerichtig, dass sie sich über die Mehrwertsteuer moderat an der finanziellen Stabilität der AHV beteiligen. Dass die heutigen Rentnerinnen und Rentner keinen AHV-Zuschlag von 70 Franken bekommen, hat auch seine Logik: Wer vor 2018 in Rente gegangen ist, ist von der Senkung des Umwandlungssatzes nicht betroffen. Sie müssen keine Kürzung der Pensionskassenrente hinnehmen und brauchen deshalb auch keine Ausgleichsmassnahmen. Da der AHV-Zuschlag über Lohnprozente finanziert wird, zahlen sie ihn dafür auch nicht mit.

Alle Generationen haben einen konkreten Nutzen von der Altersvorsorge 2020. Und der Rentenkompromiss stärkt die Generationensolidarität. Die AHV ist ein urschweizerisches generationenübergreifendes Sozialwerk. Sie hat es nicht verdient, dass auf ihrem Buckel billige Polemik betrieben wird. Es ist niemandem gedient, wenn Generationen gegeneinander aufgehetzt werden. Die Altersvorsorge 2020 kostet etwas, aber sie bringt sichere Renten und eine zeitgemässe Modernisierung der Altersvorsorge für alle Generationen. Das ist schon viel. 2x Ja zur Altersvorsorge 2020 ist deshalb weniger eine Frage der Generationen, sondern ein Gebot der politischen Vernunft.

Mehr Informationen
• Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse, Mobile: 079 287 04 93
• Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Travail.Suisse, Mobile: 079 777 24 69
• Bea Heim, Co-Präsidentin Vereinigung aktiver Senioren- und Selbsthilfeorganisationen VASOS/FARES, Nationalrätin, Mobile: 079 790 52 03
• Michel Pillonel, Co-Präsident Schweizerischer Seniorenrat SSR, Mobile: 079 414 86 10
• Daniel G. Neugart, Präsident von SAVE 50Plus Schweiz (ältere Arbeitnehmende), Tel. 061 361 50 05 (wird aufs Mobile umgeleitet)
• Roman Helfer, Co-Präsident Jeunesse.Suisse (Jugendorganisation von Travail.Suisse), Mobile: 079 540 78 37

06. September 2017, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik

Der Aufschwung muss auch den Arbeitnehmenden zu Gute kommen

Die wirtschaftlichen Aussichten sind positiv wie lange nicht mehr. Von der weltweiten Erholung und insbesondere der Verbesserung im Euroraum profitieren auch die Schweizer Unternehmen. Die Prognosen lassen ein solides und anziehendes Wirtschaftswachstum erwarten. Daran müssen auch die Arbeitnehmenden beteiligt werden, um die Kaufkraft zu stärken und den Nachholbedarf bei den Löhnen zu beheben. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, und die angeschlossenen Verbände Syna, transfair und Hotel&Gastro Union fordern, dass im Lohnherbst 2017 die meisten Arbeitnehmenden Lohnerhöhungen von bis zu 2 Prozent erhalten. mehr

Nach angespannten Zeiten bahnt sich die wirtschaftliche Erholung an. Prognosen des SECO lassen ein Wirtschaftswachstum von 1.4 Prozent für das laufende Jahr und 1.9 Prozent fürs nächste Jahr erwarten. Weitere Indikatoren liegen deutlich über dem längerfristigen Durchschnitt und verdeutlichen die positive Stimmung in der Wirtschaft. Dieser Aufschwung muss sich auch auf die Arbeitnehmenden auswirken. Es braucht spürbare Lohnerhöhungen von bis zu 2 Prozent.

Nachholbedarf bei den Löhnen

In den letzten Jahren mussten sich die Arbeitnehmenden mit bescheidenen Lohnerhöhungen – teilwiese gar mit Nullrunden – zufrieden geben. Dies hat mitgeholfen in den Krisenjahren und in der Zeit des stark überbewerteten Frankens die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhalten. Von der wirtschaftlichen Erholung müssen jetzt auch die Arbeitnehmenden profitieren. Eine Steigerung der Kaufkraft fliesst nicht zuletzt in den privaten Konsum als wichtiger Konjunkturstützer und hilft die wirtschaftliche Erholung zu festigen.

Fokus auf generelle Massnahmen und Frauenlöhne

Seit 2013 hat der Anteil an generellen Lohnerhöhungen kontinuierlich abgenommen, intransparente und teilweise willkürliche individuelle Massnahmen haben Überhand genommen. Das ist zu korrigieren, denn nur mit generellen Lohnerhöhungen können alle Arbeitnehmenden am Wirtschaftswachstum partizipieren. Auch die anziehende Teuerung verlangt einen Fokus auf generelle Lohnmassnahmen – nur so kann die Kaufkraft der Arbeitnehmenden erhalten und diese vor Reallohnverlust geschützt werden.

Ein zweiter Fokus muss auf den Frauenlöhnen liegen. Die noch immer bestehende Diskriminierung der Frauenlöhne von 7.4 Prozent ist absolut stossend und Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern ist zwingend anzustreben. Eine Erhöhung der Frauenlöhne ist nicht zuletzt deshalb notwendig, weil die Frauen mit der Erhöhung ihres Rentenalters in der AHV-Reform 2020 einen grossen und wichtigen Beitrag zur längerfristigen Sicherung und Finanzierung der Altersvorsorge leisten.

Mehr Informationen:

  • Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Travail.Suisse, Tel. 076 412 30 53
  • Arno Kerst, Präsident der Gewerkschaft Syna, Tel. 079 598 67 70
  • Roman Helfer, Politischer Verantwortlicher Hotel & Gastro Union, Tel. 079 540 78 37
  • Stefan Müller-Altermatt, Präsident Personalverband transfair, Tel. 076 332 15 26

08. August 2017, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik

Abzockerinitiative kann Bonispirale nicht stoppen

Seit über einem Jahrzehnt untersucht Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, die Entwicklung der Managerlöhne. Das Fazit der 13. Erhebung ist alarmierend: Die Chefs gewähren sich satte Lohnerhöhungen, während bei den tiefen Einkommen Lohndruck, Unsicherheit und Angst um den Arbeitsplatz zunehmen. Die Lohnschere öffnet sich trotz der angenommenen Abzockerinitiative weiter. Nun ist die Politik gefordert, mit einer griffigen Aktienrechtsrevision diese Auswüchse zu begrenzen und über einen Solidaritätsbeitrag bei hohen Einkommen den Nutzen der hohen Managerlöhne für die Allgemeinheit zu vergrössern. mehr

Bereits zum dreizehnten Mal in Folge hat Travail.Suisse die Schere zwischen den höchsten und den tiefsten Löhnen in 27 Schweizer Unternehmen untersucht. Die Analyse fördert beunruhigende Entwicklungen zu Tage.

Satte Salärerhöhungen für die Chefs – Abzockerinitiative ohne Wirkung

Die Cheflöhne sind auch 2016 deutlich stärker gestiegen als die Durchschnitts- oder Tiefstlöhne: In der Mehrheit der untersuchten Unternehmen stieg die Entschädigung für den CEO im Schnitt um 5%. Damit sind die Löhne in den Chefetagen seit 2011 um satte 17% gestiegen, während sich die normalen Arbeitnehmenden im gleichen Zeitraum mit 3.4% mehr Lohn zufrieden geben mussten. „Während oben mit der grossen Kelle verteilt wird, wird unten geknausert – so geht die Lohnschere immer weiter auseinander“, sagt Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse. Wie die Managerlohnstudie zeigt, lag die durchschnittliche Lohnschere in den Unternehmen 2011 noch bei 1:45 und hat sich bis 2016 auf über 1:51 geöffnet. Diese Entwicklung ist keinesfalls nur von den grössten Unternehmen der Finanz- und Pharmabranche geprägt, sondern lässt sich quer durch alle Branchen feststellen. Beispielhaft für die Öffnung der Lohnschere in den letzten Jahren stehen Valora mit CEO Michael Müller (von 1:23 auf 1:59), Lonza mit Chef Richard Ridinger (von 1:40 auf 1:76), Yves Serra von Georg Fischer (von 1:32 auf 1:54), Helvetia-CEO Stefan Loacker (von 1:25 auf 1:37) oder die übrigen Konzernleitungsmitglieder bei Lindt&Sprüngli (von 1:34 auf 1:52).

Gerade die Resultate seit 2011 – der Hochphase der parlamentarischen Beratungen über die Abzockerinitiative – zeigen, dass über die Initiative kein mässigender Einfluss auf die Managerlöhne erreicht wurde. Die Stärkung der Aktionärsrechte führt zwar zu Abstimmungen über die Entschädigung des Managements an den Generalversammlungen. Dabei wird aber grossmehrheitlich gemeinsam über die fixen und variablen Teile (Boni) sowie prospektiv – also im Voraus und ohne Kenntnis über den Geschäftsgang – abgestimmt. Auch Antrittsprämien, welche die Manager aus den Bonusplänen der bisherigen Arbeitgeber freikaufen, sind nach wie vor zulässig. So hat Mario Greco, der neue Chef von Zurich, zusätzlich 4.2 Millionen Franken erhalten – als Kompensation für Bonuszahlungen, die er durch seinen Wechsel zu Zurich von seinem früheren Arbeitgeber in den nächsten Jahren nicht mehr erhält.

Frauen: Mehr Verwaltungsrätinnen doch keine Fortschritte in den Konzernleitungen

Der Trend zu immer mehr Verwaltungsrätinnen hat auch 2016 angehalten. Damit hat sich zwar die Frauenquote in den letzten zehn Jahren verdoppelt, noch immer ist aber weniger als jeder vierte Sitz mit einer Frau besetzt. Geradezu dramatisch präsentiert sich das Bild bei den Konzernleitungen. Von den 204 Konzernleitungsposten waren Ende 2016 lediglich 13 durch Frauen besetzt, was einen Frauenanteil von gerade mal 6% ergibt.

Es braucht griffige Massnahmen der Politik

Die absurde Höhe der Managerlöhne und die sich weiter öffnende Lohnschere führen zu einer Entfremdung zwischen Bevölkerung und Wirtschaft. Die Annahmen von Abzocker- und Masseneinwanderungsinitiative und die Ablehnung der Unternehmenssteuerreform III zeigen die unabsehbaren politischen Kosten. Es braucht also dringend vertrauensbildende Massnahmen durch die Politik und einen grösseren Nutzen der hohen Managerlöhne für die Allgemeinheit. Handlungsbedarf sieht Travail.Suisse in folgenden Bereichen:

Griffige Aktienrechtsrevision: Mit der angenommenen Abzockerinitiative sollten die Aktionärsrechte gestärkt werden. Ein dämpfender Effekt auf die Managerlöhne ist aber nicht feststellbar und es bestehen weiterhin Schlupflöcher und Umgehungsmöglichkeiten für Antritts- und Abgangsentschädigungen. In der anstehenden Aktienrechtsrevision müssen hier zwingend griffigere Massnahmen eingeführt werden. Auch kann nur mit einer Frauenquote eine sinnvolle Verteilung der Sitze in den Konzernleitungen auf die beiden Geschlechter erreicht werden.
Steuertransparenz und Solidaritätsbeitrag bei hohen Einkommen: Da die Begrenzung der hohen Saläre politisch nicht mehrheitsfähig ist und die Stärkung der Aktionärsrechte das Problem nicht lösen wird, muss der Nutzen der hohen Saläre für die Gesellschaft erhöht werden. Es braucht Steuertransparenz für hohe Einkommen und eine politische Diskussion über einen Solidaritätsbeitrag.
Löhne und Arbeitsplätze schützen: Die Vorstellung, dass oben die Saläre munter steigen und unten Lohndruck, Arbeitsbelastung und Angst vor Arbeitsplatzverlust zunimmt, trägt wesentlich zum Unbehagen in der Bevölkerung bei. Es braucht einen besseren Schutz der Löhne und der Arbeitsplätze.
Gegenfinanzierung der Ausfälle durch die Unternehmenssteuerreform: Auch mit der Steuervorlage 17 werden umfassende Steuersenkungen in Milliardenhöhe für die Unternehmen ermöglicht. Die vom Bundesrat vorgeschlagene Gegenfinanzierung ist unzureichend. Sie vergrössert die Kluft zwischen Bevölkerung und Wirtschaft. Es braucht eine Korrektur dieser Steuerpolitik.

Weitere Informationen:
• Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse, 079 287 04 93
• Jacques-André Maire, Nationalrat und Vizepräsident Travail.Suisse, Tel. 078 709 48 50
• Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Travail.Suisse, 076 412 30 53

22. Juni 2017, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik

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